Totentanz. August Strindberg.

Schauspiel.

Rudolf Kautek. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 24. Oktober 1979.

 

 

"...wie des Menschen Elend so oft aus nichts entsteht..."

Strindbergs "Totentanz" in einer Inszenierung von Rudolf Kautek

 

Das 1900 entstandene Schauspiel von Strindberg ist ein heikles Stück. Es fehlt ihm die psychologische Tiefe eines Schnitzler-Dramas, und es hat noch nicht die Härte eines Beckett-Textes. Die exakte Inszenierung Rudolf Kauteks konnte diese Schwäche nicht verbergen, überzeugte jedoch mit ihren durchwegs ausgefeilten schauspielerischen Leistungen.

 

 

Das Problem, das Strindbergs "Totentanz" zugrundeliegt, lässt sich mit einem Satz Gotthelfs zusammenfassen: "Ja, es ist wirklich ein Elend, wie des Menschen Elend so oft durch nichts entsteht, nur aus unserm Kopf hervorgeht, wie die Welt aus nichts entstanden ist, nur aus Gottes Willen hervorgegangen ist."

 

Irgendwo wird zwar im "Totentanz" angedeutet, woher das Elend kommt: Die Menschen hätten Edgar böse gemacht, heisst es. Und Alice war als Schauspielerin nicht sehr erfolgreich. Doch diese vagen Sätze reichen nicht aus, um zu erklären, was für eine Ursache hinter dem unauslöschlichen Hass dieses Paares steckt.

 

Was da, ganz früh, geschehen sein muss, in der Kindheit vielleicht, oder in den ersten Jahren der Ehe, bleibt ungesagt. Möglicherweise haben Edgar und Alice den Anlass vergessen. Doch wahrscheinlicher ist, dass gar nichts Bestimmtes vorgefallen ist, sondern dass im Laufe der Zeit ihr Verhältnis ungewollt und unbewusst in die Sackgasse des Hasses hineintrieb.

 

Und nun, nach 25jähriger Ehe, stecken sie drin und wissen nichts besseres und nichts anderes mehr, als einander weh zu tun. Jedes kennt die Finten und Listen des andern, seine schwachen Punkte, seine Angriffstaktiken, und so gibt es längst keine Überraschungen mehr für sie, sondern ihre Quälereien laufen Tag für Tag mit tötender Gleichförmigkeit ab.

 

Das Ganze ist zu einer Art Spiel geworden; gleich wie das Spiel ist es grund- und zwecklos; es besteht nur noch um seiner selbst willen. Damit aber ist auch gesagt, dass es zu nichts zerfallen würde, wenn die Mitspieler den Willen aufbrächten, es aufzugeben. "Ja, es ist wirklich ein Elend, wie des Menschen Elend so oft durch nichts entsteht, nur aus unserm Kopf hervorgeht..."

 

Trotz seines inhaltlichen Gewichts, trotz der Vorwegnahme Beckettscher Ausweglosigkeit – wie man heute zu sagen pflegt – ist das Stück vom dramatischen Standpunkt aus nicht eben vollkommen. Zu deutlich sind seine Schwächen in der Exposition, in der Psychologie und im Dialog. Dieser Umstand hat seinerzeit Friedrich Dürrenmatt veranlasst, für die Basler Theater eine Bearbeitung vorzunehmen, die den Titel "Play Strindberg" erhielt.

 

Und damit öffnet sich auch ein Weg, wie sich dieses Stück darstellen lässt, damit es wirklich überzeugt. In "Play Strindberg" wird in einem Boxring gespielt, und die einzelnen Runden werden mit einem Gong eingeläutet. Auf diese Weise kommt zum Ausdruck, dass der Kampf der Geschlechter zu einem Sport mit festen Regeln erstarrt ist, wo es bloss noch um Punkte geht und wo die Partner innerlich gar nicht mehr engagiert sind. Mit Eiseskälte wird Hieb um Hieb ausgeteilt. Die Technik des Quälens hat sich verselbständigt und ist zu einer Wissenschaft – um nicht zu sagen: Kunst – geworden.

Damit hat Dürrenmatt dem Stück eine politische Dimension abgewonnen. Er zeigt, wie das Böse und die Macht als perfekte Maschinerie aufzufassen sind, die sich selber in Schwung hält.

 

Einen zweiten Weg, um Strindbergs Stück Plausibilität zu verleihen, hat Achim Benning vor zweieinhalb Jahren im Wiener Akademietheater gezeigt. Hier wurde der Konflikt aufs Psychologische zurückgeführt. Mit Hans Christian Blech als Edgar stand ein eher kleingewachsener Mann auf der Bühne, dem es offensichtlich Vergnügen machte, die Frau zu quälen, weil er damit sein Versagertum und seine Minderwertigkeitskomplexe kompensieren konnte. Und Hilde Krahl zeigte eine gescheiterte Schauspieldiva, die es ihren Mann entgelten lässt, dass sie wegen der Heirat ihre Karriere aufgeben musste. Am Grunde des Kampfes liegen also 25 Jahre alte, offene Rechnungen, die keines dem andern nachlassen will. Denn mit jedem Tag erinnert sie ihre Ehe daran, dass sie beide Betrogene sind, Menschen, die um ihr Lebensziel gebracht wurden.

 

Erfreulicherweise steht die Inszenierung Rudolf Kauteks am Städtebundtheater der Aufführung im Wiener Akademietheater nicht nach, was Sorgfalt und Genauigkeit angeht. Allerdings wurden mit Gerda Zangger und Georges Weiss auch Schauspieler verpflichtet, die über eine breite Ausdrucksskala gebieten und jeden Moment ihres Spiels unter Kontrolle halten.

 

Georges Weiss gibt einen lang aufgeschossenen, dürren Kerl, wortkarg, in sich gekehrt, eigenbrötlerisch. Offenbar hat er sich eine dicke gepanzerte Schale zugelegt, die kaum mehr nach aussen dringen lässt, was in ihm vorgeht. So wird es schwierig, diesen Edgar zu verstehen. Erst recht bringt man Mitgefühl kaum mehr auf mit einem Wesen, das so wenig Menschlichkeit zeigt. Selbst Edgars Krankheit stimmt nicht mild. Und zwar, weil Georges Weiss auch dann nicht an die Sentimentalität des Zuschauers appelliert, wenn er Edgars Herzattacken mit beklemmender Echtheit spielt.

 

Umso sympathischer wirkt daneben Klaus Göttes offenes Gesicht. Bei ihm ist noch lebendige Emotion vorhanden, echtes Grauen, echtes Mitleid, echte Angst. Er kontrastiert wirkungsvoll zu den beiden innerlich abgestorbenen und vergifteten Wesen, die höchstens noch zu peinlichen theatralischen Ausbrüchen fähig sind, wie sie Gerda Zangger vorführt. Die Steigerung, die Kauteks Inszenierung aus dem "Totentanz" insgesamt herausgeholt hat, macht Gerda Zangger genau mit. Es ist, als wollte diese Frau auf eine verkehrte, aber nicht minder heftige Weise das verpasste Leben mit Gewalt an sich zurückreissen. So wurde die Aufführung dem Ende zu recht dramatisch.

 

Doch die dramatische Steigerung, so effektvoll sie im übrigen sein mag, erklärt noch nicht, wie der Wille zum Elend in die Köpfe von Edgar und Alice kam. Und das sorgfältige Abspielen des Textes reicht dazu ebenfalls nicht aus, weil die Vorlage – kurz gesagt – zu uneinheitlich ist. Sie verlangt vom Regisseur geradezu eine Entscheidung, welche Elemente er betonen will. Andernfalls gefährden die Schwächen des Stücks seine Stärken.

 

In der Bieler Aufführung jedoch war das Konzept, mit dem das Problem Edgar-Alice gedanklich bewältigt wurde, nicht sichtbar genug. Die Inszenierung zeichnete sich zwar durch beachtliche Werktreue aus, und sie versuchte, dem Stück eine dramatische Steigerung mitzugeben. Was sie aber nicht zeigte, war ein dritter Weg, um den "Totentanz" überzeugend darzustellen.

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