Armando Andreani.

Ballett.

Theater 1230, Bern.

Der Bund, 6. November 1979.

 

 

Ein Banause als Ballett-Besucher

Armando Andreani tanzt seine "Fantasie von übermorgen"

 

Wahrscheinlich war es doch Eitelkeit und Selbstüberschätzung, was mich dazu trieb, der Redaktionssekretärin zu versichern: "Doch, doch, das mach' ich schon. In Ordnung!" Denn von Ballett verstehe ich – um offen zu sein – so gut wie nichts. Ich glaube, es hat etwas mit Tanzen zu tun; jedenfalls ist bei meinen Opernbesuchen das "Corps de ballet" immer zum Tanzen aufgetreten. Ich stelle mir vor, Tanzen habe etwas mit Raum zu tun; dieser werde vom Tänzer in Besitz genommen und erhalte von ihm eine Ordnung und eine Gestalt.

 

Und dann meine ich immer, ich müsse vom Theater etwas haben. Beim Ballett möchte ich staunen können; staunen darüber, dass Musik und Tänzer sich so miteinander verschmelzen, dass man meint, der Leib des Tänzers sei sichtbar gewordene Musik. Schliesslich möchte ich ein bisschen neidisch sein können auf den Tänzer, weil er so vieles mit seinem Körper auszudrücken vermag, was mir als schlacksigem Intellektuellen unerreichbar ist: auf den Zehen gehen, Luftsprünge machen, herumwirbeln, und dazu eine Anmut und Schönheit ausdrücken, die unsereinem paradiesisch vorkommt.

 

So ging ich auch ins Theater 1230: vollgestopft mit Ignoranz und Vorurteilen. Wen wundert's, dass ich nun enttäuscht bin?

 

Zunächst: In diesem Theater fehlt der Raum, um zu tanzen. Und dann: Es gibt kein Corps de ballet, sondern bloss zwei Tänzer. Doch bilden sie kein Solistenpaar; eigentlich tanzt der Mann allein. Die Frau dient bloss als pantomimische Stichwortbringerin.

 

"Das heist noch lange nichts", wird der Kenner einwenden. "Sagen Sie mir lieber, was Sie sahen." Gut denn. Aus den Lautsprechern vernehme ich die "Schöne blaue Donau", von Bruno Walter mit mondäner Eleganz dirigiert, zügig, ganz ohne Sentimentalität. Und während mir trockenem Berner der Walzer in die Füsse fährt, sehe ich auf der Tanzfläche zwei kleine Pierrots, so verloren, so hilflos, so herzig wie Hänsel und Gretel im Hexenwald. Bloss: warum höre ich dazu eine Musik, die nach Ballnacht, Parfüm und Smoking riecht? Und warum benehmen sich die beiden so, als seien sie taub und hörten die Wellen der Donau nicht?

 

"Das verstehen Sie eben nicht", sagt der Kenner. Wahrscheinlich hat er recht. Doch ein Trost bleibt: Vielleicht wird mir ein freundlicher Leser die nötige Aufklärung schenken...