Kurt Josef Schildknecht (Porträt).

Mimos 3/4, 2000.

 

 

 

Porträt von Kurt Josef Schildknecht, Leiter des Staatstheaters Saarbrücken:

Von Osten nach Westen mit Goethe im Gepäck.

 

In Frauenfeld kommt Kurt Josef Schildknecht zur Welt, und an der Kantonsschule gehen ihm die Augen für Goethe auf. In der Folge inszeniert er 1981 in Graz den ganzen "Faust", und das Fernsehen kommt. 1999 macht er als Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters eine aufregende "Iphigenie auf Tauris", doch die Aufführung bringt's nur noch in die Spalten der "Saarbrücker Zeitung". – Karriereverlauf eines Schweizer Theatermannes im Ausland...

 

 

 

Jedesmal, wenn Kurt Josef Schildknecht tief und ernsthaft über Theaterkunst nachdenkt, spielt sich in seinem Gesicht Befremdliches ab: Die Pupillen wandern nach oben, schieben sich unter die Lider, verschwinden hinter den Wimpern, bis im Augenrund nur noch das Weisse zu sehen ist. "Er ist eben", erklärt der Psychologe Werner Clemenz, "ein extrem visueller Typ. Immer, wenn wir das Reich der Bilder betreten, gleiten unsere Pupillen nach oben. Und zwar nach rechts hinauf, wenn wir uns mit erinnerten Bildern abgeben, und nach links hinauf, wenn wir neue Bilder konstruieren. Bei Linkshändern ist es umgekehrt." Setzt man, um diese Erklärung bereichert, das Gespräch mit Schildknecht fort, sieht man – abermals mit Befremden –, dass die Pupillen des Generalintendanten weder nach links noch nach rechts hinauf wandern, sondern in der Mitte verschwinden! Also hält sich sein Denken, folgt man der körpersprachlichen Interpretation, in der Mitte zwischen Erinnertem und Konstruiertem – man könnte auch sagen: in der Mitte zwischen kühner Kreation und loyaler Bewahrung.

 

Diese "Mitte" findet sich bereits im legendären "Grazer Faust", mit dem Kurt Josef Schildknecht 1981 über die Grenzen der Steiermark hinaus bekannt geworden ist. Er wagte damals als Oberspielleiter an den Vereinigten Bühnen Graz zum 150. Todesjahr des Dichters eine Aufführung beider Teile des deutschen Bildungsdramas Numero eins. Das Ensemble wurde zwar dadurch an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt, aber das Haus gewann überregionale Beachtung. Das Fernsehen kam und übertrug die bildstarke Inszenierung ins österreichische und deutsche Heim. Heute steht der Mitschnitt im 3sat-Repertoire und kommt periodisch zur Ausstrahlung, zuletzt an Ostern 1997.

 

 

Ein Leit(er)motiv in Goethes "Faust"

 

Optisch wird die Inszenierung von einem einzigen Element beherrscht: der Leiter. Schildknecht ist ihr auf dem Grazer landwirtschaftlichen Markt begegnet, wo sie als Anstell-, Bock- und Ausziehmodell in hundertfacher Ausführung herumsteht. Auf der Bühne dient die Aluminiumleiter als Büchergestell in Fausts Studierzimmer, als Gefängnisgitter im Kerker, als Tannen- und Bergabstraktion in Wald und Höhle, als mittelalterliche Giebellandschaft in der nächtlichen Strassenszene, wo Gretchens Bruder den Tod findet. So führt das wiederkehrende Element der Leiter – als Verbindungsmittel zwischen unten und oben – den Zuschauer im Sinne Goethes durch die Bilderfolge der "Tragödie": "Vom Himmel durch die Welt zur Hölle..."

 

Schildknecht war, neben dem Engagement in Graz, damals auch fest am Theater in der Josefstadt verpflichtet, ebenfalls als Regisseur. In der Szene galt er als kommender Mann. "Ich halte sehr viel von ihm, er ist sehr interessant", bekannte etwa die Wiener theaterwissenschaftliche Ordinaria Margret Dietrich, und für eine Schildknecht-Inszenierung verliess sie sogar – seltene Auszeichnung für einen Theaterkünstler – ihr Studierzimmer an der Bellariastrasse 4. So wartete männiglich darauf, dass es noch etwas Besonderes aus Schildknecht geben werde. Aber Spielzeit um Spielzeit verging, ohne dass er vom Grazer Schauspielhaus oder der Josefstadt wirklich wegkam. Als er nach zehn Spielzeiten merkte, dass ihm sein Wirken wohl einen "Ruf" geschaffen, nicht aber einen eingetragen habe, setzte er auf Heiner Müllers Wort: "Damit etwas kommt, muss etwas gehen", und kündigte seinen Vertrag. Er fiel – zu seiner Überraschung – in ein Loch: Kein Mensch rief an. Kein Angebot traf ein. Niemand wollte etwas von ihm. Ein Jahr lang dauerte die Stille. Dann wurde ihm, der stets darauf gehofft hatte, dass man sich in der Schweiz an ihn erinnern würde, die Generalintendanz des Saarländischen Staatstheaters angeboten. Kurt Josef Schildknecht griff zu. Ein wenig erinnert diese Geschichte an die Freundschaft zwischen Gide und Valéry: Als sich die beiden nach einem Gespräch – "wir sind beide bewegt" – verabschieden und feststellen, dass sie so lange schon Freunde sind, entfährt Valéry der Satz: "Wir haben ja keine besseren gefunden!"

 

 

Herr in Hitlers Haus

 

Das Staatstheater Saarbrücken ist ein Gebäude eigener Prägung: Hitler selber hat seine Errichtung angeordnet, nachdem das Saarland 1935 mit einer Stimmenmehrheit von 90,5 Prozent heim ins Reich gefunden hatte, und selbstverständlich wohnte der Anstreicher von der "Führerloge" aus der "Weihe des Hauses" bei. Als "Bollwerk nach Westen" sollte der germanische Musentempel den deutschen Geist gegen die romanische Dekadenz verteidigen, und demzufolge ist der Eingangsbereich des Hauses mit einer Säulenreihe von Albert Speer'schen Dimensionen umgürtet. Mit was für einem Werk soll nun ein neuer Generalintendant, der als künstlerischer Fremdarbeiter stets das harte Brot des Auslands ass, diesen unseligen Bau eröffnen? Kurt Josef Schildknecht wählt Sophokles' "Antigone" und führt das Werk in einer bekenntnishaften Eigeninszenierung vor: "Du aber sag mir – ohne Umschweif, kurz: Hast du gewusst, dass es verboten war?" – "Ich wusst' es allerdings, es war doch klar!" – "Und wagtest, mein Gesetz zu übertreten?" – "Der das verkündete, war ja nicht Zeus. So gross schien dein Befehl mir nicht, der sterbliche, dass er die ungeschriebnen Gottsgebote, die wandellosen, konnte übertreffen."

 

Kurt Josef Schildknecht brachte mit dieser Eröffnungsproduktion auch einen neuen Stil ins Saarland, der auf die Eingesessenen eher verstörend wirkte. Satt den Zuschauern weihevolles Klassikergeraune zu bieten, konfrontierte er sie mit einer klaren, exakt gearbeiteten, zuweilen auch grellen Aufführung, die geprägt war vom unerbittlichen Entweder-Oder der existentiellen Konflikte.

 

 

Kulturfaktor Nummer eins

 

Das Staatstheater selbst konzipierte Schildknecht von seinem ersten Jahr an als Kraftzentrale, die auf hundert Transmissionswegen in den Alltag des Saarlands hineinwirken und die Bürgerschaft mit Energie versorgen sollte. Neben dem "Grossen Haus" mit Schauspiel, Oper, Operette, Musical und Tanztheater (Birgit Scherzers Tanztheater-Uraufführungen locken regelmässig das überregionale Feuilleton nach Saarbrücken) bespielt Schildknecht auch, als Studiobühne, die "Alte Feuerwache", und, als Spielstätte für die leichte Kost, das "Theater St. Arnual". Auf einer vierten Spielstätte, dem Konzertpodium, bringt das Saarländische Staatsorchester unter seinem Generalmusikdirektor Jun Märkl (aus der Schweiz geholt, wie auch der gegenwärtige GMD Olaf Henzold) eine aufregende Reihe thematischer Konzerte heraus.

 

Mit einer Programmkonzeption, die kühne Kreation bis hin zum Scheitern erlaubt, wird das Staatstheater zum wichtigsten Kulturfaktor im Bundesland. Neunzig Prozent beträgt heute die durchschnittliche Platzauslastung. Demzufolge wagen es die Politiker nicht, von der Bühne einschneidende Einsparungen zu verlangen, obwohl nach Oskar Lafontaines Rücktritt die Bundesmittel stark zurückgegangen sind.

 

Zehn Jahre nun steht Kurt Josef Schildknecht an der Spitze des Staatstheaters, und mit jeder neuen Spielzeit wird deutlicher (wie schon zuvor in seinen zehn Grazer Jahren), dass Kontinuität im Theater auch ihre Kehrseiten hat. Die wichtigste: Man ist abgestempelt. Schildknecht gilt in der Branche als guter Organisator, aber künstlerisch Aufregendes wird von ihm nicht mehr erwartet. Nur eine einzige auflagenstarke Zeitung verfolgt noch, notgedrungen, seine Arbeit: die "Saarbrücker Zeitung"...

 

 

Vermählung von Sprache und Bild

 

So kommt es, dass 1999 niemand über Nonnweiler und Weibelskirchen hinaus von Schildknechts "Iphigenie auf Tauris" Notiz nimmt, obwohl sie, wenn es nach Gerechtigkeit und Verdienst gegangen wäre, ans Theatertreffen Berlin gehört hätte. Aber eben: Schildknecht schwamm mit dieser Inszenierung gegen den Strom, und solcher Eigensinn wird bei amtierenden Generalintendanten nicht honoriert. Statt auf multimediales Crossover-, Bewegungs-, Zertrümmerungs-, Langsamkeits-, Wartsaal-, Blecheimer- oder Gesangstheater zu machen, nahm sich Schildknecht allein der Sprache an. Er zerlegte Goethes Verse mit unendlicher Geduld und trieb die Schauspieler in eine gnadenlose Auseinandersetzung mit jeder einzelnen Silbe. Auf diese Weise erwuchs aus der knochenübersäten Altarstätte, auf welche die Agamemmnonstocher verbannt ist, ein Worttheater, das, mit Otto Ludwig zu reden, "in dem einzelnen Zuschauer, wie sehr besondere Lebensstellung, Erziehung, Lebenserfahrungen, besondere tägliche Berufsarbeit ihn auch zerstückelten, wenigstens für die kurze Zeit seines Zaubers die ursprüngliche Ganzheit des Menschen wieder herstellte." Als zum Abschied von Tauris "der Wind die Segel sanfter" anschwellen liess und Iphigenie von Thoas den letzten, entscheidenden "Ruck" abforderte ("Leb wohl! und reiche mir / Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte") – da fiel die blutverschmierte Bohlenwand nieder und gab den Blick frei in die unvergleichliche Bläue des griechischen Himmels. Manches von Schildknechts Regiestil wurde in diesem Moment sichtbar: Handwerk, Genauigkeit, Sensibilität und, vor allem: die Vermählung von Sprache und Bild. Hiess es früher, Schildknecht sei ein "visueller Typ", so findet man jetzt bei ihm, wie Salomo sagt, "ein hörend Ohr und ein sehend Auge".

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]