Ewald Körner, Dirigent (Porträt).

Der Bund, 17. April 1982.

 

 

Begegnung mit...

Dr. h.c. Ewald Körner: "Keine Effekthascherei"

Der Erste Kapellmeister des Berner Stadttheaters über die Anziehungskraft des Bürgerlichen

 

Beginnen wir zur Abwechslung einmal philosophisch. Georg Christoph Lichtenberg, der Göttinger Physiker und Philosoph, schrieb vor 200 Jahren: "Man muss die Menschen nicht nach ihren Meinungen beurteilen, sondern nach dem, was diese Meinungen aus ihnen machen."

 

Dieser Satz wird um so wichtiger, je länger die Serie "Begegnung mit..." dauert. Immer deutlicher wird mir nämlich, dass sich die Gesprächspartner schlecht durch ihre Meinungen erfassen lassen. Und zwar, weil ihre Meinungen sie nicht prägen. Die Meinungen, die ich vernehme, wirken häufig angelesen, unoriginell, unpersönlich; sie sind die Oberfläche, die man mir zeigt. Der Mensch dahinter aber... der Mensch ist anders.

 

Es hat sich auch gezeigt, dass sich jemand viel besser durch seine Gewohnheiten erfassen lässt. Doch Details, durch die Art, wie er seinen Alltag gestaltet. In Kleinigkeiten hinterlässt ein Charakter seine Spuren. Weil das so ist, wird der vorliegende Artikel, der das Gespräch mit Dr. h.c. Ewald Körner wiedergibt, vieles nicht berühren, was ins Feld der Meinungen schlägt.

 

Wer wissen möchte, wie Ewald Körner die "Ära Zörner" oder den "Fall Kuhn" beurteilt, wird enttäuscht sein. Es fehlt auch ein Kommentar zur Berner Orchester-Situation. Die Frage, ob mehr Operetten gespielt werden sollten, wird ausgeklammert, ebenso die Frage, ob die Oper eine sterbende Kunstform sei. Unerwähnt bleibt schliesslich die Kontroverse, ob die moderne Musik überhaupt noch Musik sei. Darüber gibt es bereits genug "Meinungen".

 

Es gibt einen weiteren Grund, warum Meinungen in dieser "Begegnung" nicht vorkommen: Ewald Körner ist kein Theoretiker. Er ist keiner, der mit brillanten, gutgedrechselten Sätzen Eindruck macht. Im Gegenteil: Manchmal gelingt ihm eine Formulierung nicht, und dann sagt er: "Sie werden das schon besser schreiben; Sie haben ja verstanden, was ich meinte?"

 

Vielleicht ist es gut, dass Ewald Körner kein Theoretiker ist. Goethe zumindest hat behauptet, "alles Theoretisieren" deute "auf Mangel oder Stockung der Produktionskraft" hin. Gerade "Produktionskraft" aber muss Körner Abend für Abend aufbringen, wenn er am Dirigentenpult des Stadttheaters steht und den Taktstock bewegt. Theorien würden ihm da wenig helfen, um eine Aufführung zum Erfolg zu führen. Ausschlaggebend ist allein, ob es gelingt, die Sänger mit dem Orchester zu koordinieren und das Konzept der Aufführung durchzuziehen. "Ich bemühe mich, mit meinen Mitteln das Beste aus der Oper zu machen", sagt er schlicht.

 

Wie aber macht man das Beste aus einer Oper? Körners Gesicht bekommt einen Ausdruck von Entschiedenheit: "Nicht mit Effekten", erklärt er scharf. "Effekthascherei liebe ich nicht. Im grossen und ganzen sollte man eine Oper so wiedergeben, wie der Komponist es gewünscht hat." Kein Komponist, ergänzt Ewald Körner, könne indessen alles aufschreiben. Vieles stehe nur zwischen den Zeilen. "Und das ist das Interessante."

 

Was zwischen den Zeilen steht, macht den Interpretationsspielraum des Dirigenten aus. "Man kann die Musik so verschieden interpretieren", sinniert Körner. "Nie lässt sich sagen, eine bestimmte Fassung sei endgültig. Ich könnte zum Beispiel nicht entscheiden, ob Karajans Beethoven besser sei als der von Krips oder der von Böhm. Es ist ein ewige Suche... Aber das lernt man erst, wenn man älter wird."

 

Ewald Körner bricht ab. Er will sich nicht in Theorien versteigen. Er ist auch nicht bereit, sich über den "Körner-Stil" auszulassen: "Ich kann mich selbst nicht beurteilen." Nun war das aber auch nicht die Frage. Gefragt war, was er anstrebe, welche Ideale er in seiner Arbeit an den Opern ansteure. Ewald Körner bleibt trotzdem verschlossen: "Das ist meine innerste Sache." Sein Blick geht zum Fenster. "Jeder kämpft da mit sich. Aber darüber möchte ich nichts sagen."

 

Über Konkretes gibt Ewald Körner weniger widerstrebend Auskunft. Er erzählt, wie er am Nachmittag vor einer Premiere in seinem Arbeitszimmer noch einmal still für sich die Partitur durchliest und wie er gegen sechs Uhr ins Theater fährt ("Ich hab' vorher nur eine Tasse Kaffee getrunken"). Nun beginnt, auch für den Dirigenten, die Phase des Einstimmens. Ewald Körner wandert durch die Korridore, den Zuschauerraum, das Stimmzimmer, die Bühne, und er fängt an, "das Theater zu spüren". Dann steht er neben dem Inspizientenpult, wartet aufs Zeichen "Zuschauerraum dunkel". Jetzt hinunter in den Orchestergraben, Applaus, Verbeugung, Taktstock, Vorhang auf...

 

Während der Pause mag Körner niemanden sehen. In der Intimität des Dirigentenzimmers trocknet er sich den Schweiss ab, zuweilen nimmt er auch eine kalte Dusche und wechselt die Kleidung. Dann isst er eine Orange, die ihm seine Frau bereits geschält in einer Alufolie mitgegeben hat.

 

"Man muss das, was auf der Bühne vorgeht, am Pult miterleben", verrät Ewald Körner. "Dann erst kann man mit dem Orchester die Basis schaffen für das Drama einer Carmen. Und wenn ich mich voll für das Geschehen auf der Bühne engagiere, bin ich am Schluss vom Tod der Zigeunerin ebenso erschüttert wie der Sänger."

 

Vollkommen durchnässt kommt der Dirigent in die Garderobe zurück ("Die Heizungsrohre gehen gerade hinter meinem Rücken durch"), und das wichtigste ist jetzt: eine kalte Dusche und neue Kleider. Wenn er nicht mit Freunden verabredet ist, fährt er anschliessend heim, mit der Tramlinie 3 bis zum Egghölzli. Körners wohnen gleich neben der Haltestelle.

 

Zuhause erwartet ihn die Frau und will wissen, wie's gewesen ist. In der Küche gibt es Wurst- und Käsebrote, dazu trinkt Körner ein, zwei kleine Biere zur Entspannung. Gegen eins geht er zu Bett und schläft meistens gleich ein – im Gegensatz zu vielen anderen Musikern.

 

"Aber dafür erwache ich oft mitten in der Nacht", gesteht Ewald Körner. "Sehen Sie, wenn ich am Pult stehe, habe ich keine Sekunde Zeit, um über einen Patzer nachzudenken. Aber in der Nacht kommen nun die Fragen: Warum musste das danebengehen? Was habe ich falsch gemacht? Solche Gedanken fangen dann in mir zu kreisen an."

 

Oft bringt Körner nach einer Vorstellung auch Freunde heim ("Die Restaurants schliessen ja viel zu früh"), und dann wird bis gegen zwei Uhr diskutiert über die Aufführung, über Politik, über Literatur. Der Freundeskreis des Ehepaars Körner ist, nach eigenen Angaben, sehr, sehr gross. Aber es befinden sich verhältnismässig wenig Theaterleute darunter. "Wenn man mit Theaterleuten zusammen ist", erklärt Ewald Körner, "wird nur gefachsimpelt. Und das habe ich nicht gern. Ich spreche lieber über andere Dinge, wenn ich aus der Welt des Theaters komme."

 

Das ist freilich nicht der einzige Grund, warum Ewald Körner sich unter Honoratioren wohl fühlt. "Vielleicht", überlegt er, "vielleicht ist es die Sicherheit des Bürgerlichen, die wir Künstler suchen. Wir selber sind ja ewig auf dem Seil, und darum zieht uns eine gewisse bürgerliche Geborgenheit an."

 

Man kann vermuten, dass das auch der Grund dafür ist, dass Körners Wohnung nach den Grundsätzen bürgerlicher Solidität eingerichtet ist und so gar keinen bohemienhaften Anstrich aufweist. Körner selber kommt ja auch ganz "bürgerlich" daher, stets korrekt gekleidet, mit Anzug und Krawatte. Der 56jährige sieht das freilich anders: "Warum sollte ich mir Jeans anschaffen? Während des Krieges und der Nachkriegszeit musste ich lange genug in schlechten Klamotten herumlaufen. Jetzt trage ich gern etwas Anständiges."

 

Wie gesagt, man kann es sich auch anders zurechtlegen: Der Künstler hat sich für einen jener seltenen Berufe entschieden, wo man jeden Tag neu anfangen muss. Es nützt nichts, dass die Vorstellung des Vortags glänzend gelungen ist; wenn der Vorhang aufgeht, steht er wieder vor der Bewährungsprobe von "Sein oder Nichtsein", Erfolg oder Pleite. Darum sind für ihn äussere Zeichen wichtig, die vor Augen führen, dass er es geschafft hat. Vermutlich gehören die Polstergruppe, der Spannteppich, der gute Anzug für Ewald Körner zu diesen Zeichen. Und auch der Ehrendoktor, den ihm die Universität Bern am letzten "dies academicus" verliehen hat.

 

Ewald Körner hat es geschafft, im Berner Musikleben eine führende Rolle zu spielen. Aber die ganz grosse, die internationale Karriere, blieb ihm versagt. Warum? Warum ist Ewald Körner kein Karajan geworden? Die Frage ist gestellt, Körner nimmt sie auf: "Weil die Begabung nicht ausreicht." Es gehört Reife und Bescheidenheit dazu, eine solche Antwort zu geben. Gerade auch, weil sie nicht vollständig ist. Körner weiss das selber, und darum fährt er fort: "Für eine Karajan-Karriere braucht es sehr viel Glück. Man muss an die richtige Leute kommen, und die müssen einen an den richtigen Posten lancieren."

 

Er meint es so: "Jeder Dirigent, der die Gelegenheit hat, ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker zu leiten, dürfte wahrscheinlich ein Resultat erbringen, das nicht allzu schlecht ist. Wenn anderseits Karajan ein mittelmässiges Orchester dirigieren müsste, dann könnte man sich fragen, ob da trotzdem noch etwas Hervorragendes herauskäme."

 

"Karajan" – da war ja bloss ein Beispiel. Auch ist seine Begabung in Musikerkreisen nicht unumstritten. Aber Körner will sich auf einen Streit nicht einlassen. "Ich bewundere die Kritiker, wenn sie mit Worten sagen können, wie jemand dirigiert. Ich traue mir zwar auch zu, jemanden zu beurteilen. Aber meine Überlegungen sind so subjektiv, dass ich sie nicht öffentlich wiedergeben möchte."

 

Wiederum bricht Ewald Körner ab. Grosse Worte sind ihm offensichtlich zuwider. "Herr Körner", so lautet meine letzte Frage, "ich denke, dass zu ihren wesentlichen Charakterzügen die Bescheidenheit gehört. Stimmt das?" Pause. Dann: "Vielleicht ist es auch ein Nachteil für jemanden, wenn er zu bescheiden ist. Aber das ist eine Veranlagung, darüber kann niemand hinwegspringen. Anderseits glaube ich, dass man sich andern Menschen besser mitteilen kann, wenn man es schlicht und einfach sagt. Das ist besser, als mit etwas anzugeben, was nicht ganz stimmt."

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