Peter-Andreas Bojack, Direktor des Städtebundtheaters Biel–Solothurn (Porträt).

Bieler Tagblatt, 27. Juli 1983.

 

Ein Theologe entdeckt das Theater

 

Es ist ihm nicht an der Wiege gesungen worden, dass er mit 43 Jahren das Städtebundtheater Biel–Solothurn leiten würde. Peter-Andreas Bojack kam in Ostpreussen zur Welt, mitten im Krieg, am 29. Juni 1940. Die Eltern hatten beide Theologie studiert und sich nach Hitlers Machtergreifung der "bekennenden Kirche" angeschlossen. Deswegen wurde dem Vater die Pfarrstelle entzogen; seine seelsorgerliche Tätigkeit erfolgte von nun an illegal. Mit Ausbruch des Krieges wurde er in den Wehrdienst eingezogen und – aus politischen Gründen – an die Front abkommandiert. Dort kam er um. Für die verwitwete Mutter stellte sich damit die grosse Aufgabe, ihre beiden Buben allein durch Krieg und Zerstörung durchzubringen.

 

Zu Peter-Andreas Bojack frühesten Erinnerungen gehört die Flucht. Fort, fort von der Front, die immer näherkam: zuerst nach Schlesien, zu den Grosseltern, dann nach Pommern. Von dort aus wollte die Mutter mit der Bahn nach Berlin, aber der Zug blieb in der Nähe von Leipzig stecken.

 

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs befand sich die Familie in der Ostzone. Die Bedrängnis aber hatte kein Ende. Noch immer wurde Frau Bojack – aus politischen Gründen – verfolgt. Nachdem sie von Freunden gewarnt worden war, schnürte sie erneut das Bündel und flüchtete mit den Kindern schwarz über die Grenze. Da erst, im Oldenburgischen, begann für Peter-Andreas der Abschnitt, den man die "unbekümmerte Jugendzeit" zu nennen pflegt.

 

Wenn wir annehmen wollen, dass die frühe Kindheit den ganzen Menschen prägt, dann sind diese Anfänge hoch bedeutsam. Peter-Andreas wächst in eine Welt hinein, die zusammenbricht. Der Verlust des Vaters und der Verlust der Heimat lassen ihn früh den Unbestand der Dinge empfinden. An der Stärke und Klugheit der Mutter erfährt er aber auch, dass es etwas anderes gibt, das zählt: Es ist die Welt des Geistes und des Nicht-Fassbaren.

 

Ist es unter diesen Umstanden zu verwundern, dass sich das Kind durch eine lebhafte Einbildungskraft auszeichnete? Die äusseren Umstände versagten ihm manchen Wunsch. In der Phantasie fand es Glück, Erfüllung, neue Realitäten.

 

Immer wieder erzählte Peter-Andreas Bojack den Leuten selbsterfundene Geschichten. Herumzutollen wie andere Buben fand er hingegen fad. Lieber kletterte er auf einen Baum und guckte in den Himmel. Im Reich der Phantasie konnte er seine Seelenkräfte spielerisch betätigen.

 

Vielleicht ist es aus diesen frühen Erfahrungen zu erklären, dass Peter-Andreas Bojack eigentlich ein zurückhaltender, beinahe verschlossener Mensch ist? Auf jeden Fall ist er jemand, der sich einem Fremden nicht gleich an den Hals wirft. Um wirklich Vertrauen zu gewinnen, braucht er Zeit. Anderseits hat er sich schon früh anerzogen, auf die Menschen zuzugehen und, wie er sagt, "die eigenen Schranken zu überwinden", auch wenn ihm das im Grunde schwer fiel. Der Gewinn dieses Verhaltens ist augenscheinlich: "Der Zugeschlossene schliesst alle zu, und der Offene öffnet, vorzüglich, wenn Superiorität in beiden ist", hat der alte Goethe bemerkt.

 

Ruhiger als die frühe Kindheit verlief Bojacks Schulzeit. Er war vielleicht nicht gerade der fleissigste Schüler. Aber wenn ihn etwas interessierte, setzte er sich voll dafür ein. Am Ende des Gymnasiums standen ihm vier Wege offen: die Malerei, die Musik, die Architektur, die Hochfrequenztechnik. Alle Gebiete reizten ihn, und für alle war er begabt. Schliesslich hatte er, noch bevor er zur Schule ging, das Geigen, Zeichnen und Schachspielen gelernt. Aber als Jüngling besass er auch genügend Realitätssinn, um zu sehen, dass er es beim Malen und Geigen nie übers Mittelmass hinausbringen würde. "Und mit

Mittelmässigen", findet er, "sind die Strassen gepflastert." Das Architekturstudium fiel aus finanziellen Gründen aus, und bei der Hochfrequenztechnik fehlte dem jungen Mann der Kontakt zu den Menschen.

 

Die Frage nach dem Menschen jedoch wurde für Peter-Andreas Bojack immer wichtiger. Und so ergab sich das Studienfach beinahe von selbst: Er wählte die Theologie. Gleich, wie sein älterer Bruder, und gleich wie vordem sein Vater und seine Mutter. Gleichberechtigt daneben belegte er die Philosophie. Es ist ja so, dass in Theologie und Philosophie die entscheidenden Fragen gestellt werden. Hier geht es um das, was wesentlich ist für den Menschen und seine Existenz.

 

Die Entscheidung schien klar. Doch manchmal sind die Pfade, auf denen man geführt wird, wunderlich. Das Interesse am Menschen, das Peter-Andreas Bojack zur Theologie gebracht hatte, liess ihn auch die Welt des Theaters entdecken. Auch hier nämlich steht der Mensch im Mittelpunkt. Alles, was der Zuschauer im Theater sieht, wird ihm von lebendigen Menschen vorgeführt, durch Reden und Handlungen. Und dann steht auch das Reich des Theaters in einer besonderen Beziehung zur Wirklichkeit; die Verhältnisse sind hier klarer, durchschaubarer und vielfach endgültiger als im alltäglichen Leben.

 

Mit diesen paar Andeutungen lässt sich vielleicht erklären, warum sich Peter-Andreas Bojack, Kandidat der Theologie, eines

Tages entschloss, dem Direktor des Deutschen Theaters in

Göttingen einen Brief zu schreiben, in dem er um eine Unterredung bat. Im Gespräch mit Heinz Hilpert und anderen erfahrenen Theaterleuten wollte er herausfinden, wo sich sein Platz im Reich der Bühnenkunst befinden könnte.

 

Der Weg, der ihm vorgezeichnet wurde, war lehrreich und interessant. Er solle, so wurde ihm geraten, durch die Praxis geschult werden. Er solle alle Bereiche des Theaters aus eigener Tätigkeit kennenlernen. Peter-Andreas Bojack begann mit der Ausbildung zum Schauspieler, obwohl ihm schon früh aufgegangen war, dass er es hier nie übers Mittelmass hinausbringen würde.

 

Stichwortartig seien die weiteren Stationen seines Lehrgangs angedeutet: Regieassistent, dann erster Dramaturg am Jungen Deutschen Theater Göttingen. Anschliessend Arbeit auf den Sektoren Organisation und Werbung am Deutschen Theater Göttingen. Berufung nach Hannover als Chefdramaturg und Regisseur. Aufbau eines künstlerischen Betriebsbüros. Beförderung zum persönlichen Referenten des Direktors. Nach Köln als stellvertretender Intendant. Ein Jahr des

Unterbruchs, der Besinnung. Dann zurück nach Hannover und von dort aus ans Städtebundtheater Biel–Solothurn. Rückblickend stellt Peter-Andreas Bojack fest: "Ich habe gearbeitet wie ein Pferd." Denn immerhin – als er sein Theologiestudium mit Erfolg abschloss, war er bereits seit zwei Jahren am Theater beschäftigt...

 

Es waren mehrere Direktorposten vakant, als er beschloss, den Sprung zu wagen. Das kleine Städtebundtheater reizte ihn von allen am meisten. "Es wäre töricht", erläuterte er, "für die erste Intendanz bei einem grossen Betrieb zu beginnen." Ausserdem, ergänzt er, sei er ein zu grosser Perfektionist: "Wenn ich arbeite, möchte ich die Dinge überschauen können. Und ein Betrieb wie das Städtebundtheater kommt meinen Neigungen entgegen. Ich kann hier meine Erfahrungen einbringen. Und ich übernehme von Alex Freihart ein Fundament, auf dem ich stehen und weiterarbeiten kann."

 

Zum Fundament, das Bojack lobt, gehört der Spielplan. Mit dieser Linie, sagt er, könne er sich identifizieren. Er ist auch, wie Freihart, gegen das "ideologische" Theater. Die Bühne kann seiner Ansicht nach die Welt nicht verbessern, sondern höchstens Fragen stellen, Dinge zu bedenken geben. Daher definiert sich für Bojack das Theater als "Ort des Fragens, des Nachdenkens und der Unterhaltung". Schliesslich ist Bojack einverstanden mit der bisherigen Ensemble-Politik. Freihart hat einen festen Stamm gebildet, der durch regelmässige Gäste ergänzt wird, so dass die Gäste mit der Zeit selber zum Ensemble gehören.

 

Vor zwei Jahren ist er gewählt worden, vor vier Monaten hat er seine Wohnung in Solothurn bezogen. "Ich bin sehr gerne hier", sagt er. "Ich liebe die Atmosphäre der beiden Städte Biel und Solothurn, und mir liegt das zurückhaltende, nüchterne Wesen der Menschen." Wenn er Zeit hat, sitzt er gern in ein Café, ohne etwas zu machen; er schaut den Leuten zu und lässt die Dinge auf sich wirken.

 

Sogenanntes Privatleben jedoch hat er so gut wie keins: "Vom Moment an, wo ich in diesen Beruf kam, war mir bewusst, dass das Privatleben ganz hinten stehen muss, wenn es überhaupt existiert." Auf seinem neuen Posten, führt er zur Erklärung bei, gehe er voll in der Arbeit auf. Wohl gibt es in seinem Leben auch ein paar Freunde, den Hund, die Bildersammlung, 250 Opernaufnahmen, das Fotolabor, die elektrische Eisenbahn. Aber wenn das Gespräch auf diese Dinge kommt, wird der 43jährige Junggeselle schweigsam.

 

Er trenne sehr streng zwischen Beruf und Privatleben, gibt er zu verstehen. Und er findet: "Man müsste eine hohe Mauer um die private Sphäre bauen können." Wahrscheinlich hat er recht: Wer so stark in der Öffentlichkeit wirkt wie ein Theaterdirektor, hat auf diese Mauer einen Anspruch...

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