Peter-Andreas Bojack, Direktor des Städtebundtheaters Biel-Solothurn. Interview.

Bieler Tagblatt, 22. August 1984.

 

 

"Herr Bojack, haben Sie Angst vor Veränderungen?"

Gespräch mit dem Direktor des Städtebundtheaters

 

Kürzlich stellte Peter-Andreas der Presse seinen neuen Spielplan vor. Eröffnet wird die Saison am 7. September, mit einer Komödie von Shakespeare: "Was ihr wollt". Was er selber will, Peter-Andreas Bojack, das versuchte Michel Schaer in einem Exklusiv-Gespräch fürs "Bieler Tagblatt" zu ergründen.

 

Bieler Tagblatt: Als Sie, Herr Bojack, vor einem Jahr Direktor des Städtebundtheaters wurden, übernahmen Sie das gesamte Ensemble. Auch auf die neue Spielzeit haben Sie keine einzige Kündigung ausgesprochen. Haben Sie Angst vor Veränderungen?

 

Peter-Andreas Bojack: Nein, das können Sie nicht sagen. Schauen Sie sich die beiden Spielzeiten an, die vergangene und die neue: Fünf Schauspieler sind ersetzt worden, das ist ein Drittel des festen Ensembles. Es gab neue Verträge mit neun Regisseuren und sieben Bühnen- und Kostümbildnern. Da können Sie doch nicht von Stagnation reden.

 

BT: Trotzdem haben nicht Sie die Wechsel im spielenden Ensemble veranlasst, sondern sie haben sich dadurch ergeben, dass die Schauspieler ihren Arbeitsplatz verändern wollten.

 

Bojack: Kündigungen auszusprechen ist ein rein technisches Problem. Termin ist der 31. Oktober.

 

BT: Dann wird man also im November mehr erfahren?

 

Bojack: Nein. Ich betrachte es als Gebot der Fairness, allfällige Änderungen im Ensemble erst nächstes Jahr bekanntzugeben.

 

BT: Sie haben also keine Angst vor Veränderungen?

 

Bojack: Ich denke, dass alles, was lebt, sich auch verändern muss. Nur mag ich nicht mit der Trompete durch die Stadt ziehen und sagen: Schaut her, was ich alles ändere!

 

BT: Warum nicht?

 

Bojack: Weil ich mit dem "eisernen Besen" schlechte Erfahrungen gemacht habe. Meine Aufgabe als Theaterdirektor ist doch, die künstlerische Potenz meiner Mitarbeiter zu fördern und zu stärken. Mit autoritären Massnahmen, mit Kündigungen und mit einem Klima des Terrors erreiche ich aber gerade das Gegenteil. Die Leute sind verängstigt und bringen nichts mehr hervor.

 

BT: Wie aber bringen Sie, Peter-Andreas Bojack, Ihre Mitarbeiter weiter?

 

Bojack: Durchs vertrauliche Gespräch. Ich zeige dem Kollegen, wo er noch an sich selber arbeiten müsste, ohne ihn vor allen blosszustellen.

 

BT: Wenn wir jetzt das Ganze betrachten: Welches Ziel möchten Sie mit dem Städtebundtheater erreichen?

 

Bojack: Mir schwebt ein komödiantisches Theater vor. Ein Theater, bei dem Intellekt und Emotion gleichermassen angesprochen werden. Mein Ideal ist also das Schauspieltheater. Das sogenannte Regietheater ist mir völlig zuwider. Ich mag es nicht, wenn sich ein Regisseur auf Kosten des Stückes, der Zuschauer und der Schauspieler interessant macht.

 

BT: Nun braucht aber auch das "Schauspieltheater" eine Führung durch den Regisseur.

 

Bojack: Natürlich. Darum wähle ich die Leute auch sehr sorgfältig aus, die hier arbeiten sollen.

 

BT: Und kommen die Regisseure gern ans Städtebundtheater?

 

Bojack: Ja.

 

BT: Obwohl sie weniger verdienen als anderswo?

 

Bojack: Es ist eben nicht das Geld, das sie lockt, sondern das Stück. Und dazu kommt das Haus mit seinen eigentümlichen Reizen.

 

BT: Was meinen Sie damit?

 

Bojack: Wenn ein Regisseur zum ersten Mal ans Städtebundtheater kommt, dann hat jeder zuerst einen Schock. Die Bühne ist klein. Die technischen Möglichkeiten sind beschränkt wie kaum woanders. Das Budget für Ausstattung und Kostüme ist lächerlich gering. Aber dann empfinden es die meisten als Herausforderung, gerade aus diesen beschränkten Mitteln etwas zu machen. Man kann also sagen: Bei uns sind Phantasie und Grips nötiger als in einem grossen, reichen Haus. Das macht die Arbeit für die Gäste auch so spannend.

 

BT: Jetzt zu Ihnen, Peter-Andreas Bojack. Sie sind ein Jahr hier – wie fühlen Sie sich?

 

Bojack: Müde, aber glücklich. Müde: Weil ich zum dritten Mal keinen Urlaub nehmen konnte, und glücklich, weil gerade in diesen Tagen der Rechnungsabschluss erfolgt ist. Und da hat sich gezeigt, dass die Bilanz positiv ausfiel. Damit hat sich für mich eine grosse Spannung gelöst, denn ein Defizit im ersten Jahr hätte mir nicht gefallen.

 

BT: Dass Sie keine Ferien machen konnten, finde ich schade. Oder haben Sie nicht das Gefühl, Sie müssten ab und zu auftanken?

 

Bojack: Ich bin ganz Ihrer Meinung. Nächstes Jahr spanne ich mich bestimmt aus. Denn ich habe in der ersten Spielzeit gelernt, was dieses Theater von mir für einen Zeitaufwand verlangt, und ich werde diese Erfahrung künftig berücksichtigen.

 

BT: Was für Erfahrungen haben Sie sonst noch gemacht? Hat Sie dieses erste Jahr am Städtebundtheater irgendwie verändert?

 

Bojack: Ich hoffe, dass ich gewachsen bin. Früher habe ich Schwierigkeiten ganz gern vor mich hergeschoben. Jetzt packe ich die Probleme sofort an, weil ich weiss, dass es keinen Sinn hat, sie aufzuschieben.

 

BT: Sie waren ja früher auch noch nie Direktor.

 

Bojack: Das stimmt. Vorher war ich immer der zweite Mann. Das war auch ganz schön. Ich war bei vielen Entscheidungen massgeblich beteiligt, aber die Verantwortung trug ein anderer. Jetzt habe ich, wenn Sie so wollen, die Last. Und manchmal spüre ich sie...

 

BT: Weil es Entscheidungen gibt, die Ihnen keiner abnehmen kann?

 

Bojack: Genau. Und da merke ich, wie isoliert man als Direktor eigentlich ist. Ich lebe erst seit einem Jahr in Solothurn, und darum fehlt mir noch ein Freundeskreis, bei dem ich meine Sorgen loswerden könnte. Aber es ist mir klar, dass es zu meinem Beruf gehört, Verantwortung zu tragen und allein zu sein.

 

BT: Harry Truman sagte: "Wer die Hitze nicht verträgt, gehört nicht in die Küche."

 

Bojack: Ja, das meine ich auch.

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