Paul Blaha (Porträt).

Der Bund, 1. Februar 1980.

 

 

Wie Theaterideale verwirklicht werden können

"Bund"-Gespräch über ein Theater, das sich seit dem Direktionswechsel im Aufwind befindet

 

Man soll den Vergleich nicht strapazieren. Das Wiener Volkstheater ist eine reine Sprechbühne und das Berner Stadttheater ein Dreispartenbetrieb. Das ist ein beträchtlicher Unterschied.

 

Trotzdem gibt es Parallelen: Beide Häuser haben seit einem halben Jahr eine neue Leitung. Und beide Häuser müssen in nächster Zeit ganz renoviert werden. Das ist gemeinsam. Doch während das Stadttheater Bern offensichtlich in einer kritischen Lage ist, führt der Direktor des Wiener Volkstheaters sein Haus aus einer langjährigen Misere heraus.

 

Wie ist das möglich, wie geht das zu? "Der Bund" sprach mit Direktor Paul Blaha in Wien.

 

 

So volle Häuser wie diesen Winter kannte das Wiener Volkstheater schon lange nicht mehr. Und bei so enthusiastischen Pressekritiken wie zu "Rose Berndt" konnte man in Wien geradezu von einem Ereignis sprechen.

 

Zu verdanken ist dieser neue Wind einem neuen Mann: Paul Blaha, gebürtiger Jugoslawe und seit 25 Jahren Wahlwiener. Als Direktor bringt er Spontaneität mit – weil er kein alter Theaterpraktiker ist. Er taktiert kaum – weil er unerfahren ist. Er ist unverbraucht – weil er noch nie eine Bühne leitete.

 

Und trotzdem besitzt dieser Mann klare Vorstellungen übers Theater – denn seit 25 Jahren beschäftigt er sich intensiv damit. Er weiss, was er will – denn er steht "im besten Alter" und kennt sich selber. Er weiss, was erreichbar ist – denn er hat den Überblick übers gesamte europäische Theaterschaffen.

 

Dieser Glücksfall, dass dem Wiener Volkstheater seit kurzem ein Direktor vorsteht, der die Vorzüge der Jugend mit den Qualitäten des reifen Erwachsenen verbindet, ist dem Mut der Trägerschaft zu verdanken. Als sie für Prof. Gustav Manker einen Nachfolger suchte, entschied sie sich für die unorthodoxe Lösung und berief anstelle eines alten Routiniers den "ersten Theaterkritiker" des Wiener "Kuriers", Paul Blaha, ans serbelnde Haus.

 

Als Blaha zusagte und das neue Amt antrat, erwartete man den Eklat, den Skandal. Denn Blaha war als scharfer Kritiker bekannt und gefürchtet. Blaha: "Ich war kompromisslos dem Neuen zugetan." Doch dann geschah das Unerwartete: der Theaterkrach blieb aus. "Ich hatte", erklärt Blaha, "ein Theater übernommen, in dem man vorsichtig vorgehen muss. Säuberungen im Personal vermied ich ebenso wie rabiates Vorgehen. Das trug mir sogleich den Vorwurf ein, ich sei zu rasch zum Pragmatiker geworden."

 

In Wirklichkeit aber hat Blaha seine Ideale nicht verraten. Er hat sie bloss der Wirklichkeit angepasst. "Als Kritiker haben Sie die Aufgabe, verschiedenartige Typen von Theater zu betreuen, und da arbeiten Sie mit ganz anderen Prinzipien, als wenn Sie ein spezielles Theater leiten."

 

Die Prinzipien, mit denen Blaha im Volkstheater arbeitet, sind zunächst einmal realistisch: "Das Volkstheater soll ein solches bleiben. Laute Experimente sind nicht probat: ein Volkstheater dieser Art muss ein sehr einfaches, verständliches Theater machen, weil wir ein breites Publikum ansprechen wollen und müssen. Aus diesem Grunde sollte man schwierige moderne Texte nicht zu schnell bringen, sondern didaktisch vorgehen. Denn sehen Sie, zwei Dinge sind sehr leicht am Theater: Man kann es sehr leicht vollkriegen, und man kann es sehr leicht leerkriegen. Schwierig ist das, was dazwischenliegt."

 

Erstrebt wird schon, mit dem Lauf der Zeit auch schwieriges, anspruchsvolles Theater vorzustellen. Doch zunächst sieht Blaha Aufbauarbeit vor sich: "Es soll gelingen, das vorhandene Publikum zu überzeugen und zu halten und dazu neues zu gewinnen."

 

Aufbauarbeit nach aussen – Aufbauarbeit aber auch nach innen. Das zeigt sich beispielsweise auf einer Probe von Dürrenmatts "Physikern". Der Schauspieler, der den Möbius spielt, besitzt offensichtlich Routine. Eine weite Skala von Ausdrucksmöglichkeiten steht ihm zur Verfügung, die er mit sicherem Gespür einsetzt. Er muss dem Theater seit Jahren angehören; und trotzdem wirkt seine Darstellung bemerkenswert unmittelbar und packend.

 

Im Gespräch nach der Probe kommt Blaha auf diesen Schauspieler zu reden. "Der Möbius, den Sie eben gesehen haben, gehört seit dreissig Jahren zum Ensemble des Volkstheaters, und immer spielte er komische Rollen. In den 'Physikern' machen wir nun zum erstenmal den Versuch, ihn ins ernste Fach hinüberzubringen."

 

Solches macht für Blaha die Arbeit am Volkstheater reizvoll. Es freut ihn mehr, vergessene Möglichkeiten aus dem Theater herauszuholen und ungenutzte Talente zur Entfaltung zu bringen, als aus allen Richtungen ein neues Ensemble zusammenzukaufen: "Es gab hier immer ein gutes Ensemble; bloss waren die Leute in Routine erstarrt. Also kann man da vieles wieder mobilisieren."

 

Mobilisiert werden die Kräfte beispielsweise durch den Versuch einer offenen Dramaturgie. "Ein schwieriger Weg", meint Blaha. "Mitbestimmung wird es nicht sein, denn die bekannten Modelle haben versagt. Aber das Ensemble soll über alles informiert sein und mitdenken können. So dass es weiss, weshalb es an diesem Theater ist."

 

Blaha ist sich bewusst, dass er die Grenze zur Utopie streift, wenn er weiterfährt: "Als Fernziel sehe ich Schauspieler, denen das Stück wichtiger ist als die Rolle. Dafür muss die Freude am Ganzen bei ihnen geweckt werden. Das 'Glück von der grossen Rolle' müsste modifiziert werden zum Glück, bei einer schönen Sache dabeizusein. Dann wäre das Ensemble ein Ensemble."

 

Fragt man Blaha, ob es nicht eine Umstellung bedeutet habe vom Kritiker- zum Direktorensessel überzuwechseln, antwortet er mit einem trockenen Nein. Er habe immer "hautnah am Theater gelebt" und mit vielen Schauspielern freundschaftlichen Umgang gepflegt, "soweit man das mit der Kritikertätigkeit vereinbaren kann". Ausserdem sei seine Frau Schauspielerin und langjähriges Mitglied des Volkstheaters. So sei der Sprung "leichter und organischer" ausgefallen, als er sich's vorgestellt habe.

 

Trotzdem gibt es zwischen den beiden Berufen wichtige Unterschiede. "Solange man mit der Schreibmaschine allein ist, ist man nur sich selbst gegenüber verantwortlich, und es kann einem eigentlich nichts passieren." Als Direktor aber steht Blaha in einem Beziehungsgeflecht; es geht jetzt nicht mehr darum, dass er als einzelner "will", sondern dass das Ensemble, das Haus "will".

 

So hat er, wenn er eine wichtige neue Erfahrung nennen soll, gemerkt, "dass man die Leute überreden muss. Den Schauspielern muss man Rollen aus- oder einreden, und den Regisseuren muss man versuchen, Besetzungen beliebt zu machen."

 

Ein weiterer Unterschied: Während Blaha "als Kritiker die Pflicht hatte, das Maximale zu fordern", hat er jetzt als Direktor die Pflicht, "das Maximale zu machen". Doch das ist nicht immer leicht; manchmal sitzt er "mit dem Rüstzeug des Kritikers" bei den Proben und bemerkt vieles, was ihm nicht gefällt.

 

"Da soll man Änderungsvorschläge nach Möglichkeit schon einbringen. Aber es gibt Fälle, wo man es nicht kann, weil auch der Regisseur eine Meinung hat und man ihn nicht verunsichern darf. So muss man manchmal Abstriche machen, die man als Kritiker nicht zu machen brauchte. In dieser Beziehung heisst es achtgeben, dass man nicht betriebsblind wird oder resigniert."

 

Und wenn Blaha selber inszenierte? Wäre da die Möglichkeit direkter Einflussnahme nicht grösser? Blaha winkt entschieden ab. "Das könnte ich nie. Denn wenn der Direktor selber inszeniert, gibt es im Hause eine Regiemeinung, die sich dann selber multipliziert."

 

Ein zweiter Grund scheint ihm aber noch wichtiger: "Ich glaube nicht, dass ein Direktor gerne sieht, wenn ein Regisseur besser ist als er. Er wird daher unbewusst selektionieren, bis er mit der Zeit nur noch Leute hat, die weniger können als er. Am Schluss ist dann der Direktor der beste Regisseur seines Hauses..."

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