Ivan Anguélov, Chefdirigent der Orchestergesellschaft Biel. Interview.

Bieler Tagblatt, 29. November 1980.

 

 

 

Ich verstehe gut, dass mir Adriana nicht die Hand geben wollte, als ihr der Vater sagte: "Dis bonjour!" Denn das 4½ jährige Mädchen ist erst vor zwei Wochen in die Schweiz gekommen. Vorher lebte es mit den Eltern in Plovdiv, einer mittelgrossen Stadt in Bulgarien. Der Vater war musikalischer Leiter der Oper, die Mutter Konzertpianistin. Den Haushalt besorgte die Grossmama, die auch für alle kochte.

 

Heute wohnt Adriana in einer möblierten Wohnung an der Tessenbergstrasse. Papa und Mama arbeiten angestrengt und haben nicht viel Zeit für sie. Denn die Mutter bereitet sich auf zwei Kammerkonzerte vor, wo sie als Solistin auftreten wird. Und der Vater ist seit kurzem Chefdirigent der Orchestergesellschaft Biel.

 

Adrianas Vater heisst Ivan Anguélov. Er ist 38jährig und bulgarischer Staatsbürger. Der grosse schöne Mann hat schwarze Haare und blaue Augen. Seine Hände sind eher kräftig als fein. Er hat ein sicheres Auftreten, doch wirkt er zugleich höflich und aufmerksam. Das alles kann man vom Erwachsenen sagen. Doch wie war Ivan Anguélov früher, in Sofia, während der Schulzeit?

 

Ivan Anguélov: Ich war manchmal sehr scheu und schämte mich darob. Ich liebte es zum Beispiel nicht, in der Klasse vor vielen Kindern etwas zu sagen. Doch nach der Schule machte ich zahlreiche Streiche und war übermütig – wenn mich die Eltern überhaupt mit den andern Kindern spielen liessen. Das kam aber nicht oft vor, denn ich wurde streng erzogen und sollte meine freie Zeit fürs Musizieren brauchen.

 

Deshalb fühlte ich mich immer voller Tatendurst, wenn ich mal draussen spielen durfte. Wir wohnten damals in einem grossen alten Haus an einer breiten Strasse, und es gab viele Kinder. Meistens führte ich die Bande an und wirkte recht wild. Im Grund aber war ich sensibel. Oft weinte ich, wenn ich nach Hause kam, doch das behielt ich für mich. Auf der Strasse zeigte ich meine Tränen nie.

 

Bieler Tagblatt: Sie sagten, Ihre Eltern hätten Sie zum Üben angehalten. War die Musik damals für Sie ein Muss?

 

Anguélov: O nein, im Gegenteil. Meine Schwester war fünf Jahre älter als ich und spielte bereits Klavier, als bei mir im Alter von sieben Jahren der Neid erwachte: Sie darf spielen und ich nicht! Da zog mich der Vater beiseite und zeigte mir die Geige, die er für mich gekauft hatte. Mit Begeisterung lernte ich sofort dieses Instrument, doch der Neid auf die Schwester blieb, weil sie besser Klavier spielte als ich Geige. Ich glaubte, das müsse am Instrument liegen; Klavier sei leichter als Geige. Und so lernte ich auch dieses Instrument.

 

Mit 17 Jahren hatte ich die Maturität und verliess das Gymnasium. Damals beherrschte ich ausser Klavier und Geige auch noch Klarinette, Trompete, Saxophon, Trombone und Kontrabass.

 

BT: Und dann gingen Sie ins Konservatorium?

 

Anguélov: Nein, in den Militärdienst. Und zwar für zwei Jahre. Das ist bei uns obligatorisch. Mit dem Klavierspielen war es damit aus. Das einzige Instrument, auf dem ich noch üben konnte, war die Trompete. Und so meldete ich mich zwei Jahre später, nach der Entlassung, mit diesem Instrument für die Aufnahmeprüfung des Konservatoriums.

 

Meine Vorbereitungszeit war äusserst kurz. Das Instrument war mir zwar vertraut, aber die ganzen Kenntnisse von Harmonielehre, Solfeggio und dergleichen musste ich mir innert 14 Tagen aus den Büchern holen. Sie können sich nun vorstellen, wie erstaunt ich war, als die Rangliste herauskam und ich auf dem dritten Platz figurierte!

 

BT: Das waren Ihre Anfänge als Musiker. Doch wann hat eigentlich für Sie die grosse Karriere als Dirigent begonnen?

 

Anguélov: Das war 1971, als ich den Dirigentenwettbewerb in Kopenhagen gewonnen hatte. Da kam Igor Markewitsch auf mich zu und sagte: "Sie sind sehr begabt. Es würde mich freuen, wenn Sie bei mir als Schüler arbeiten könnten." Mit einem bulgarischen Stipendium kam ich daraufhin nach Monte Carlo, wo mich Markewitsch während vier Jahren unterrichtete, bis ich 1975 den Grossen Preis von Monte Carlo und damit ein weiteres Stipendium erhielt. Noch heute aber nennt mich Markewitsch "mon fils", denn ich war sein Lieblingsschüler.

 

BT: Sind Sie also, Ivan Anguélov, ein Mensch, der noch nie verloren hat?

 

Anguélov: Ja, das stimmt. Bis jetzt ist mir noch alles gelungen, was ich wollte. Aber wissen Sie, ich bin nicht der Typ, der kommt, um die Preise abzurasieren. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es für mich; weil es mich interessiert.

 

BT: Aber Sie zweifeln nicht an Ihren Qualitäten?

 

Anguélov: Ich weiss schon, was ich kann. Obwohl ich am Anfang in Bulgarien viele Schwierigkeiten hatte. Ich dachte immer: du machst es gut, aber die Leute reagieren nur zurückhaltend. "Nicht schlecht", sagten sie, oder "ganz nett". Erst im Ausland erlebte ich den Durchbruch. Da hatte ich immer sehr, sehr gute Kritiken.

 

BT: Nun sind Sie seit vierzehn Tagen in Biel engagiert. Fühlen Sie sich hier nicht in der Fremde?

 

Anguélov: Nein, denn Biel hat etwas wie Plovdiv, wo ich zuletzt Leiter der Oper war. Ausserdem kenne ich Biel schon seit drei Jahren durch Gastverpflichtungen. Und ich freue mich, mit der OGB zusammenzuarbeiten.

 

BT: Warum?

 

Anguélov: Hier spielte von Anfang an etwas zwischen uns, das ausserordentlich war. Und dabei habe ich mit allen Orchestern einen guten Kontakt... Das liegt vielleicht daran, dass sich die OGB aus sehr sympathischen jungen Leuten zusammensetzt, die wirklich arbeiten wollen. Mein Ziel ist daher, das Orchester zu entwickeln und für sein Prestige zu kämpfen. Heute wird es noch zu Unrecht verkannt. Ich möchte, dass die Leute in der Schweiz ihre Meinung über die OGB ändern, indem das Orchester durch Schallplatten und Fernsehen bekannter wird und indem zeitweise grössere Werke, die eine grössere Formation verlangen, aufgeführt werden.

 

BT: Konkret heisst das...

 

Anguélov: ...dass ich für bestimmte Opernaufführungen ans Capitol denke. Diesen Saal sollte man unbedingt benützen, etwa für eine Aufführung von Tschaikowskys "Eugen Onegin". Und im kleinen Theater mit seiner wunderbaren Kammerspielatmosphäre kämen Barockopern sehr gut heraus, solche von Rameau beispielsweise, oder von Händel und Lully sowie kleinere italienische Opern.

 

Weiter habe ich Verdis "Maskenball" vorgeschlagen, Menottis "Konsul", den ich für eine der besten zeitgenössischen Opern halte. Ausserdem wird es in der nächsten Saison zum ersten Mal ein Musical geben, "Charleys Tante", und als Operetten "Madame Pompadour" und den "Zarewitsch". Im übrigen muss ich mich noch in die Haut eines Bielers einfühlen lernen. Denn im Gegensatz zur sinfonischen Musik kenne ich die Schweizer Opernliteratur kaum. Da will ich Nachforschungen anstellen, um später etwas Schweizerisches präsentieren zu können.

 

BT: Und im Konzertprogramm?

 

Anguélov: Da ist leider schon fast alles entschieden, denn die Verträge für nächstes Jahr sind gemacht.

 

BT: Ivan Anguélov, wir haben mit Ihrer Kindheit angefangen; wie denken Sie sich die Zukunft?

 

Anguélov: Ich möchte gern eine internationale Karriere machen, aber ich weiss, dass das sehr schwer ist und dass es nicht nur von mir abhängt. Aber was von mir abhängt, das werde ich in jedem Fall tun.

 

BT: Denken Sie manchmal ans Alter?

 

Anguélov: Nein, das ist noch zu früh.

 

BT: Und an den Tod?

 

Anguélov: ja, doch darüber möchte ich nicht sprechen. Ich denke manchmal, dass ich an einem Herzinfarkt sterben werde. Das ist bei Dirigenten eine häufige Todesursache.

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