Lohengrin. Richard Wagner.

Oper.

Peter Schneider, Werner Herzog, Henning von Gierke. Festspielhaus Bayreuth.

Basler Zeitung, 27. Juli 1987.

 

 

Es war ein doppeltes Debüt: Bayreuth öffnete sich zum ersten Mal für einen Filmregisseur, und der Filmregisseur inszenierte zum ersten Mal Wagner.

 

Ausgewählt wurde "Lohengrin", ein populäres, aber auch fragwürdiges Werk. Der weisse, liebe Schwan, der lichtvolle Gralsritter, dessen Herkunft im Dunkeln bleiben soll, die keusche, aber leider neugierige Elsa, das sind dankbare Sujets für die Oper und fürs Gemüt.

 

Wagner selber hat sich darauf einiges eingebildet: "Meine Erfindung und Gestaltung hat bei dieser Schöpfung den grössten Anteil", schrieb er dem Bruder voller Stolz. Dass aber mit der "eigenen Erfindung" auch eigene Angst und Hoffnung in den "Lohengrin" geflossen waren, das war ihm nicht bewusst. Doch just dies Unbewusste macht uns heute den "Lohengrin" problematisch.

 

Nicht bewusst war Wagner vermutlich, dass latente homosexuelle Wünsche die Männerwelt des Grals idealisierten, wo sich edle (und wohl auch schöne) Ritter einer gemeinsamen Aufgabe weihen, unter Verzicht aufs "Weib".

 

Und unbewusst war Wagner vermutlich auch, dass er seine eigenen Kastrationsängste aussprach, als er der bösen Ortrud in den Mund legte, Lohengrin werde "sich alsbald ohnmächtig zeigen", wenn ihm "des Leibes kleinstes Glied" entrissen werde.

 

Problematisch an "Lohengrin" ist schliesslich der deutschnationale Jubel, der später – auch das war Wagner unbewusst – die schlimmsten Taten der Menschheitsgeschichte begleiten sollte: "Preis deinem Kommen! Heil deiner Art!"

 

Gegenüber solch problematischem Jubel empfand Wieland Wagner 1962 noch Vorbehalte. So liess er am Schluss der Oper singen: "Seht da den Herzog von Brabant! Zum Schutze sei er euch ernannt!" – Doch die Zeiten haben sich geändert, und jetzt, in der Neuinszenierung, verkündet Lohengrin wieder mit flammendem Pathos: "Zum Führer sei er euch ernannt!"

 

Dieses kleine, aber sprechende Detail zeigt, dass Werner Herzog die problematische Seite der Oper nicht reflektiert hat. Sondern er ist dem Libretto mit treuer Ergebenheit gefolgt.

 

Doch solch bedenkenlosen Nachvollzug hätte man von Herzog nicht unbedingt erwartet. Schliesslich hat er sich bei seiner ersten Operninszenierung nicht gescheut, Busonis "Doktor Faust" respektlos umzustellen und seine eigene Vision zu inszenieren, statt den Vorschriften des Komponisten zu folgen. Warum also hat sich Herzog diesmal auf still-ergebenes Herausschälen der Werkintention beschränkt?

 

Die Gründe liegen, so vermute ich, in Werner Herzogs künstlerischer Biographie. Als Cineast war er bisher damit beschäftigt, eigene Bilder, eigene Emotionen, eigene Geschichten in Szene zu setzen. Doch nun bot sich ihm mit "Lohengrin" unversehens die Möglichkeit, Gedanken, Absichten und Bilder eines andern zu erspüren und sinnfällig zu machen. "Nachvollzug" also war die Herausforderung, und "Werktreue" die neue, für Herzog erstmalige Aufgabe, an der er wohl dachte wachsen zu können.

 

Der andere Grund, warum Herzog mit "Lohengrin" konservativ umging, liegt darin, dass er in Wagners Oper ein Thema wiederfand, um das fast alle seine Filme kreisen: das Thema des unverstandenen Einzelnen, der in eine feindliche Welt gerät und von ihr verstossen wird. Das haben wir in "Aguirre" gesehen, in "Fitzcarraldo", und auch in Herzogs schönstem Film, "Kaspar Hauser".

 

Weil er also in "Lohengrin" die eigenen Obsessionen wiederfand, konnte er sich mit Wagners romantischer Oper unkritisch identifizieren.

 

Für Herzog (wie für Wagner) ist der Schwanenritter die Lichtgestalt, die aus dem kreisenden Auge der Zeit emportaucht wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Und Elsa ist die diesseitige, reine Jungfrau, weiss, blond, unschuldig. Und das Drama beider liegt darin, dass sie zusammen nicht konnten, denn sie waren von verschiedener "Art" ...

 

Dieser loyale Inszenierungsansatz führt nun in der Praxis zu einem vollkommen kulinarischen "Lohengrin", der sich mit Peter Schneiders Vorstellungen deckt: "Es ist vielleicht ein Teil meiner Begabung", meint der Dirigent, "dass es mir darauf ankommt herauszufinden, was der Komponist meinte, wenn er etwas so und nicht anders notiert hat. Ich versuche also, vom Notentext her die Intentionen des Komponisten zu erkennen."

 

Musikalisch ergab sich damit eine klare, durchgeformte, in sich geschlossene Aufführung, gegen die die Solisten, namentlich Lohengrin und Elsa (Paul Frey und Catarina Ligendza) mit keinem Teil ihrer Persönlichkeit opponierten. Loyalität also auch im Gesanglichen.

 

Angesiedelt war die Handlung in einer grossen, packenden Szenerie, die mit feinstem optischem Gespür ausgeleuchtet wurde. Die Natur, die Henning von Gierke auf die Bühne brachte, ist kraftvoll herb, massiv, archaisch wie Stonehenge, und damit erfüllt von einem raunenden Symbolismus.

 

Die gefährdete Welt der Männer Brabants liegt in strengem Winter. Durch eisgraue Wolken leuchtet eine milchig-trübe Sonne, die Gerichtseiche streckt kahle Äste in den Wind. Erst Lohengrins Auftritt bringt das Eis zum Schmelzen.

 

Der zweite Akt spielt am Strand. Träge Wellen rauschen verschlafen ans Ufer, und hier steht die Ruine einer gotischen Kathedrale, auf Sand gebaut, vom Meer unterspült. Die höhere Religion des Christentums hat sich in dieser Vorwelt noch nicht richtig durchgesetzt, es gäbe viel zu tun für einen Ritter des heiligen Grals.

 

An Lohengrins Hochzeitstag grünt immerhin schon die wüste Einöde. Aber als er die Menschen verlässt, beginnt es zu schneien.

 

Die Deutungen, die sich Herzog erlaubt, liegen also in der Komposition der Bilder. Hier sucht er das Atmosphärische, das Traumartige, hier wagt er es, Zeichen zu setzen, die viel meinen, ohne es auszusprechen.

 

Doch leider hat Herzog auch Solisten und Chor arrangiert wie fürs Bild. Die Szene, mit hunderten von Gestalten bevölkert, wirkt darum statisch-monoton. Es fehlt die Kamera, die durch Fahrt und Einstellung, durch Schnitt und Schwenk das Arrangement belebte.

 

Vermutlich sieht Herzog die Bühne mit dem Auge des Cineasten und entdeckt darin tausend Reize für den herumschweifenden Blick. Doch das Theater verlangt, dass die Figuren durch den Regisseur belebt werden, dass sie zu sinnvollen Handlungen und Bewegungen angehalten werden.

 

Werner Herzog hat sich dieses Forderung versagt. Er spürte wahrscheinlich, dass die Figuren durchs Bewegen schon anfangen würden, eine Geschichte zu erzählen, die der Regisseur erfunden hat. Herzog indes wollte einzig Wagners "Lohengrin" geben, ungeachtet seiner Fragwürdigkeit. Und so liegt es am Zuschauer, beim Verlassen der Aufführung im Bayreuther Festspielhaus die Probleme dieser Oper heimzunehmen und an ihnen herumzukauen.

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