Jeanne d'Arc au bûcher. Arthur Honegger.

Szenisches Oratorium.

Silvio Varviso, George Wilson. Grand Théâtre de Genève.

Basler Zeitung, 11. März 1987.

 

 

1412 wurde Jeanne d'Arc geboren. 1431 wurde sie verbrannt wegen Häresie, Zauberei und Hexerei. Rehabilitiert 1456. Als Gottes Dienerin von der Kirche anerkannt 1904. Seliggesprochen 1908. Und heiliggesprochen Anno Domini 1920. Es gibt über sie (wenn ich recht gezählt habe) vier Opern, vier Epen, sieben Romane, neun Preisgedichte, zehn biographisch-chronikale Schilderungen und zweiunddreissig Dramen. Und in jedem dieser Werke erscheint Johanna als anderer Mensch. Mal ist sie schlichtes Bauernmädchen. Mal glänzende Heerführerin. Mal Amazone. Mal Hexe. Mal Geliebte, und mal Heilige.

 

Die Uneinheitlichkeit der Wertungen liegt nicht allein an der Figur der Johanna, sondern auch an unserem Verständnis: "Wir sehen jeder nicht bloss einen andern Regenbogen, sondern ein jeder einen andern Gegenstand und ein jeder einen andern Satz als der andere." (Lichtenberg) Wie aber sieht Gott seine Johanna? Gott, sagt Paul Claudel, sieht sie als sein Kind: "Jeanne, fille de Dieu", singen die Engelschöre, und "Jeanne, fille de Dieu" ist Thema des szenischen Oratoriums von Paul Claudel und Arthur Honegger.

 

Auf dem Scheiterhaufen, zwischen Tod und Leben, steht Johanna am Schnittpunkt von Himmel und Erde. Schon geläutert, schon dem Irdischen enthoben, sieht sie noch einmal den Film ihres Lebens an sich vorbeiziehen, und "in extremis" wird ihr die Gewissheit geschenkt: Siehe, es war gut so.

 

Alles Vergangene ist jetzt aufgehoben in Gott. Die frohen Tage der Kindheit. Der triumphale Einmarsch in Reims, wo Jeanne ihren König Karl VII. krönt, vom Jubel umbrandet. Das geistliche Gericht, das sie zum Tod verurteilt, zusammengesetzt nicht aus Menschen, sondern aus Schweinen, Schafen, Eseln. Und dann, wenn die Flammen am Scheiterhaufen emporzüngeln und ihren Leib ergreifen, kommt die "Stimme von oben", und Jeanne sieht das Tor des Himmels geöffnet, sie ist gerettet, und die Seele, aller irdischen Fesseln ledig, die Seele von "Jeanne, fille de Dieu" schiesst empor zu Gottes Thron.

 

Paul Claudel und Arthur Honegger zeichnen also in ihrem szenischen Oratorium nicht eine Heldin in dramatischem Konflikt, nicht die Wirklichkeit der Geschichte, die Machinationen der Politik, sondern einen Erlösungsweg.

 

Der Regisseur der Genfer Aufführung, George Wilson, versucht soviel Frömmigkeit nachzuzeichnen. Doch eben: "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen." Und dem routinierten "homme de théâtre" gelang es bloss, in seiner Inszenierung geschmackvolle Einfachheit hervorzurufen. "Jeanne" in Genf – ein Ästhetikum. Aber kein Mysterium.

 

In diesem Rahmen gab Marthe Keller die Jungfrau mit grosser Kraft. Und wenn Fontane seinerzeit klagte: "Es gibt keine Jungfrauen mehr", so hatte diese Johanna doch die Ausstrahlung moralischer Unschuld. Nicht pathetisches Beben ging von ihr aus, sondern eher lichtvolle Jenseitigkeit. Wenn sie mit dem himmlischen Abgesandten sprach, mit dem Bruder Dominik, hatte sie den schönen Ernst verständiger Kinder.

 

Bruder Dominik, dem himmlischen Boten, hingen demgegenüber noch Reste irdischer, namentlich pariserischer, Theaterkonvention an. Wenn er "Jeanne" sagte, war sein sonores Organ umwittert vom Hauch der hohen französischen Verstragödie. Aber das waren, wie gesagt, "Reste". George Wilson als Dominik überliess die Szene so weit als möglich seiner Kollegin, und er war ihr ein nobler, diskreter Stichwortbringer.

 

Nicht ebenso nobel und diskret indes war die musikalische Seite der Aufführung, und das liegt nicht an den soliden Leistungen des Orchestre de la Suisse Romande, nicht am Einsatz der Sänger und nicht an der umsichtigen Stabführung von Silvio Varviso. Sondern es liegt schlicht an der Aufstellung der Musiker. Die vordersten Pulte befinden sich auf der Höhe des Parketts, auf einer aufsteigenden Rampe. Die zweiten und dritten Violinen spielen auf Bühnenniveau. Darüber, auf mittlerer Höhe, befindet sich die kleine Spielfläche. Und dann steigt dahinter die grosse Piscatortreppe für den Chor auf, bis zum Horizont, will sagen: bis zum Schnürboden.

 

Frontal zum Zuschauer also: eine kompakte Masse. Eine klingende Wand. Zusammengesetzt aus 89 Instrumentalisten und 146 Chorsängern. Die Nachteile dieser Front sind durchaus hörbar. Denn die Distanz zwischen Musikern und Zuhörern ist nicht gross genug, um ein Verschmelzen der Töne zu erreichen. Namentlich der Chorklang ist roh und hart. Und so fehlt dem Oratorium allein aus technischen Gründen die erfüllte Seelenwärme.

 

Die Aufstellung des Orchesters ist dem Werk aber noch aus einem weiteren Grund abträglich: "Es gibt", stellte Wagner fest, "nichts Prosaischeres als den Anblick der greulich aufgeblasenen Backen und verzerrten Physiognomien der Bläser, des unästhetischen Bekrabbelns der Kontrabässe und Violoncelle, ja selbst des langweiligen Hin- und Herziehens der Violinbögen". Diese Prosa der Aufführung wurde noch gesteigert durch die grossen, rudernden Bewegungen des Dirigenten Silvio Varviso, der einen nicht vergessen liess, dass Johannas Exekution eines riesigen Orchester- und Chorapparats bedarf, der sein Brot im Schweisse seines Angesichts verdient.

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