Herr Puntila und sein Knecht Matti. Bertolt Brecht.

Schauspiel.

Alex Freihart. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 8. November 1983.

 

 

Ein paar Gläser machen ihn menschlich

 

"Herr Puntila und sein Knecht Matti" gilt allgemein als eines der besten Stücke Bertolt Brechts. Manche rechnen es gar zu den besten des deutschen Gegenwartstheaters. Und warum? Weil es saftig, humorvoll und verständlich ist. "Saftig" wird es auch in Biel dargeboten. Der Hauptdarsteller muss pro Aufführung etwa sechs Liter trinken.

 

Die Bühne zeigt das Parkhotel von Tavasthus. An einem Tischchen sitzt der Gutsbesitzer Puntila. Vor ihm stehen halbvolle Gläser und leere Flaschen. Offensichtlich hat er schon eine Weile gezecht. Da fragt er den Kellner: "Ober, wie lange sind wir hier?" Der Ober: "Zwei Tage, Herr Puntila."

 

Zwei Tage ist er also dagesessen und hat gesoffen. Zuerst in einer Runde respektabler Männer. Der Doktor war dabei, der Apotheker, der Stationsvorsteher, der Richter. Dann hat sich einer nach dem andern davongemacht, und nun fühlt sich Puntila allein.

 

Er möchte mit einem Menschen reden. Seine Nähe spüren. Zärtlich sein. Einfach aufeinander zugehen, von Mensch zu Mensch, verstehst du?

 

Da steht ein Mann am Eingang. Endlich jemand, mit dem Puntila reden kann: "Setz dich und nimm einen Aquavit, wir müssen uns kennenlernen." Der andere ist unschlüssig. Puntila macht eine einladende Geste: "Mit mir kannst du ruhig trinken, Bruder."

 

Und so stossen sie an, der Herr Puntila und sein Knecht Matti. Der Gutsbesitzer hatte seinen Chauffeur im Dusel gar nicht wiedererkannt. Nun findet er ihn über alle Massen fesch.

 

Mit dieser Szene beginnt das Stück, das Bertolt Brecht 1938 in der Emigration verfasst hat. Was besagt es? Worauf will es hinaus?

 

Es zeigt, dass ein Gutsbesitzer menschliche Züge nur zeigen kann, wenn er betrunken ist. Da sieht er, wie nett die andern eigentlich sind – sogar wenn sie zum Gesinde gehören.

 

Aber nüchtern ist Puntila "direkt zurechnungsfähig". Da denkt er zuerst an seinen Vorteil. "Nüchtern" betrachtet, ist sein Besitz das Wichtigste. Und es stellt sich die Frage: Wie lässt sich die Arbeitskraft der Knechte besser ausnützen?

 

Die Moral von der Geschicht': Wenn ein Kapitalist menschlich ist, handelt er gegen seinen eigenen Vorteil. Darum gibt es keine menschlichen Kapitalisten.

 

"Gemütliche" Kapitalisten wie der Herr Puntila aber sind zum Aussterben verurteilt, weil sie sich selber ruinieren. Darum nennt ihn Brecht "ein gewisses vorzeitliches Tier".

 

Frank Jungermann gibt den Puntila als ungemütlichen Menschen. Es ist einem nicht wohl, wenn er reglos dasteht und mit kalten Augen das Gesinde beobachtet. Und es wirkt peinlich, wenn er seinen Knecht anhimmelt und ein kokettes Zünglein zwischen den Lippen hervorschiebt. Kurz, dieser Puntila ist ein unmöglicher, widerlicher Mensch. Aber Frank Jungermann, den möchte man noch öfter sehen.

 

Erwin Leimbacher zeigt einen Matti, der den Puntila innerlich verabscheut. Darum übt er mit seinen Gefühlen Zurückhaltung. Seine Gesichtszüge bleiben unbeteiligt und verraten nichts. Er vermeidet es, die Herrschaften beim Sprechen anzusehen. Und er zwingt seine Stimme zu monotoner Gleichgültigkeit. Nur nicht zeigen, wie es im Innern aussieht! Die Herrschaften könnten es sonst ausnützen! So wirkt dieser Matti kalt wie ein Fisch und langweilig wie ein Roboter.

 

Anders die Eva, Puntilas Tochter. Verena Leimbacher leiht ihr tausend Schattierungen. Mal schmollt sie, dann wieder jauchzt sie auf. Mal ist sie indigniert, dann kichert sie sinnlich. All diese Register zieht Verena Leimbacher mit Leichtigkeit, und sie beweist: Wer Geld hat, kann sich Launen leisten.

 

Davon weiss ihr Verlobter, der Attaché, ein Lied zu singen. Er muss an sich halten, sonst verliert er seine Braut. Und mit ihr eine millionenschwere Aussteuer. Da lohnt es sich schon, sich verspotten zu lassen. Hans Schatzmann gibt diesen erbärmlichen Kerl. Obwohl seine schauspielerischen Möglichkeiten durch die Rolle eingeschränkt sind, dringt sein grosses komödiantisches Talent durch die Haut des dummen Diplomaten hindurch.

 

Das Ganze hat Alex Freihart inszeniert. Sauber, ansprechend, mit einer Reihe gelungener Details. Gut ist, wie Puntila den Kotflügel seines Studebakers streichelt. Oder wie er misstrauisch die Geldkassette verschliesst, sobald ein "roter" Arbeiter seine Stube betritt.

 

All diese Details zeugen von einer gepflegten Einstudierung. Aber die Einzelheiten bremsen auch, und das macht die Aufführung schwerblütig. Zu jedem Satz ist Freihart ein Gang oder eine Bewegung eingefallen. Das hat zur Folge, dass die Pausen das Stück zerdehnen.

 

Die Aufführung dauert drei Stunden und vierzig Minuten. Wenn man aus dem Theater kommt, ist der letzte Zug abgefahren. Die Besucher aus Täuffelen brauchen einen Chauffeur. Die aus Brügg, Busswil, Lengnau ebenfalls. Glaubt das Theater, es wohnten dort lauter Kapitalisten, die sich einen "Matti" leisten können?

 

 

 

Bieler Tagblatt, 4. November 1983:

Gut geschlafen!

 

Im Verlauf der ersten Hälfte der Premiere von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" gestern Abend im Stadttheater ereignete sich ein ungewöhnlicher Zwischenfall. Vom Balkon her drangen immer lautere Schlafgeräusche. Das Publikum begann zu tuscheln und die Köpfe zu drehen. Die Schauspieler auf der Bühne wurden zusehends nervöser. Nach einem besonders lauten Schnarcher riss dem Hauptdarsteller der Geduldsfaden. Er trat an die Rampe: "Wenn Sie jetzt nicht aufhören zu schnarchen, höre ich auf zu spielen." Applaus aus dem Saal. Das Publikum, darunter Stadtpräsident Hermann Fehr und Gemahlin, nickt beifällig. Die Szene fängt noch einmal an.

 

Kaum spricht der Schauspieler seine ersten Sätze, ertönen die störenden Geräusche wieder vom Balkon. Hauptdarsteller Frank Jungermann schmeisst sein Kostüm zu Boden: "Jetzt reicht es mir! Sie können Ihre Premiere anderswo feiern! Mit mir brauchen Sie nicht mehr zu rechnen."

 

Erzürnt verschwindet der Gast aus Deutschland in der Garderobe. Der Kritiker des "Bieler Tagblatts" versucht ihn zu begütigen. "Sie brauchen mir nichts zu erzählen", faucht der Schauspieler zornig, "es ist eine Unverschämtheit, ich will nichts hören."

 

Nachdem Frank Jungermann von Direktor Peter-Andreas Bojack beruhigt worden ist, kann weitergespielt werden. Auch der Schuldige ist inzwischen gefunden und ermahnt worden. Es ist ein Feuerwehrmann, der – nach des Tages Müh und Plage – das Theater zu seinem Schlafplatz ausgewählt hat. Es muss sich um einen braven Mann gehandelt haben, denn wie sagt doch das Sprichwort: "Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen."

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