Mein Tschechow. René Regenass.

Einakter

Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 5. Dezember 1980.

 

 

 

Missglückte Ausbruchsversuche

 

Im Rahmen der CH-Dramaturgie brachte das Städtebundtheater seine zweite Uraufführung heraus: "Mein Tschechow" des Basler Autors René Regenass. Noch dreimal wird dieser Einakter am Ende von "Onkel Wanja" gegeben werden, und jedesmal wird sich der Autor anschliessend zum Gespräch stellen.

 

 

Tschechows "Onkel Wanja" endet in der Resignation. "Wir werden ausruhen", wiederholt Sonja dreimal, dann fällt "langsam" der Vorhang. Die Leute des Stücks kehren an die Arbeit zurück, ohne einen Gedanken an Auflehnung, aber auch ohne einen Glimmer von Hoffnung. Tschechow: "Mir wird oft vorgeworfen, dass ich über Bagatellen schreibe, dass es bei mir keine grossen Helden, keine Revolutionäre gibt. Wo soll ich sie aber hernehmen? Ich wäre ja gern bereit! Das Leben ist bei uns provinziell..."

 

Für René Regenass, der 90 Jahre nach Tschechow ein einaktiges "Nachfolgestück" schrieb, hat Resignation nicht das letzte Wort. Bei ihm heisst es zum Schluss: "Du hast zwei Hände zum Arbeiten!", und damit endet "mein Tschechow" mit der Aufforderung, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung aufzulehnen. Denn Regenass hat die Linien des Tschechow-Stücks weitergezogen und die letzte Szene im Jahr 1917, dem Ausbruch der Oktoberrevolution, angesiedelt.

 

Nun hat sich Wanja auf die Seite der Revolutionäre geschlagen, doch mangelt es ihm auch jetzt noch an Konsequenz und Festigkeit. Den "Klassenfeinden", verkörpert vom aufgeblasenen Professor Serebrjakow, gewährt er Unterschlupf und ist ihnen auf der Flucht behilflich. Der seinerzeit idealistische Arzt, aber auch Jelena, sind jetzt komplett verbürgerlicht, und Sonja erscheint als in sich gekehrte, enttäuschte Jungfer, die während der grossen Auseinandersetzungen nur noch ans Essen denkt.

 

So fehlt dieser Szene eine echt revolutionäre Aufbruchstimmung aus mehr als einem Grund. Zunächst hat Tschechow selber keine Menschen dargestellt, die sich zum Helden eignen; darum kann auch Regenass niemanden vorführen, der mit Überzeugung an die Revolution glaubt. Dann aber weiss der Basler Autor zu gut, in welch neuem System der Unterdrückung die russische Revolution geendet hat, um noch mit Goldfarben zu malen.

 

Aus diesem Grund drückt "mein Tschechow" ungeachtet des revolutionären Appells am Schluss vor allem Skepsis und Bedauern aus. Bedauern, dass in einem so wichtigen historischen Moment wie der Oktoberrevolution kein echter Umschwung zustande kam; und Skepsis angesichts einer Gegenwart, in der sich die Systeme in Ost und West weitgehend angeglichen haben. Ein fiktives Interview, das Regenass zu Beginn seines Einakters mit Tschechow führt, bestätigt die These, dass letztlich vieles, wenn nicht alles, beim alten geblieben sei.

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