Ödipus. Sophokles.

Schauspiel

Horst Statkus. Stadttheater Luzern.

Radio DRS-2, Reflexe, 26. August 1988.

 

 

Ds Luzerner Publikum, das isch i Sportkreise wyt ume bekannt. Wenn dihr uf Luzern göht ga schutte, de wüsset dihr, dass dihr nid nume d Mannschaft gägen euch heit, sondern ou alli Zuschauer. D Luzerner nämlich stöh bedingigslos hinter ihrne Spieler. Sie tüe se afüüre, sie gönge mit ne dür dick u dünn, u sie terrorisiere erbarmigslos der Gegner.

 

Das Publikum, gförchtet u bewunderet, parteiisch u chauvinistisch, het jetz z Luzern im Stadttheater zuegschlage und mit syre unbedingte Solidarität e Schauspiel-Uffüehrig zum Weltereignis ufegklatschet. Der Horst Statkus het der "Ödipus" inszeniert, und är het derfür e regelrächti Applausorgie chönne entgegennäh. Mi het alles schön gfunde, und alles glych schön. Die aber, wo die grösste Rolle hei gha und am meiste hei müesse rede, der Ödipus und d Iokaste, für die het me de ou am meiste gklatschet, und es het niemer gstört, dass d Iokaste schlächt redt und "ä" seit statt "e", "Ähre" statt "Ehre".

 

Für mi isch die ungrächti Vehemenz vom Luzerner Premierenpublikum es Phänomen und es Rätsel. Will vo usse här gseh isch d Uffüehrig bieder, provinziell u längwylig gsy. Es het ihre alles gfählt, wo sie in irgend ere Hinsicht hätt chönne zum Ereignis mache: Der Horst Statkus het kei neui Interpretation vom Ödipus vorgleit, kei eigeti Vision. Kei Adütig dervo, dass der Ödipus es hochbrisants Stück isch. Derby: Mit was faht's a? Mit ere Demo! Mit ere Demo vor em Regierigsgebäud, em Palast vo Theben. Ds Volk tuet sich beschwäre, dass d Felder unfruchtbar sy u d Fraue nümm chöi gebähre. D Parallele zu üser Zyt sy frappant. Ou bi üs faht sich d Natur a gäge Mönsch z kehre. Schermetall im Bode, ds Ozonloch, ds Robbestärbe, der Algeteppich, Tschernobyl. Aber der Ödipus probiert d Lüt z beruhige: Jaja, d Regierig nähm ds Problem ernst, me syg dranne, Massnahme z prüefe. U wie verlangt wird, me söll doch usefinde, wär am Desaster tschuld syg, verspricht är en Untersuechig. U dadermit löst är e Lawine us. Eis Nachrichtenelement schiesst zum andere, d Bote sy scho da, chuum het me nach ne gschickt; u gäng dütlicher chunnt füre: d Regierig selber isch tschuld ar Katastrophe; aber sie muess nid nume für die eigete Fähler grad stah, sondern ou für d Fähler vo ihrne Vorgänger. Wo der Ödipus ds Mass vo syre Schuld ygseht, tuet er sich d Augen usstechen u lauft dervo. U grad das, wo der Ödipus macht, d Auge zuetue und dervo laufe, grad das chöi mir hüt nümme mache. Will ds Unglück, wo mir mit üsere Welt dry laufe, isch viel schlimmer als alles, wo sich die alte Grieche hei chönne vorstelle.

 

Im Unglück vom Ödipus also gseh mir ersch rächt, wie gross üses eigete Unglück isch und üsi eigeti Blindheit. Drum isch das Stück subversiv u ghörti i ds Apothekerschäftli. Der Horst Statkus het das gmerkt u derfür gsorget, dass der "Ödipus" hinter syre Vitrine blybt. Är het ds Stück in ere abstrakte Dekoration agsiedlet, wo ja nüt z tüe het mit üsere Welt u üsere Zyt, und är het syner Schauspieler so gmässe u so eitönig la ufsäge, dass vo däm gfährliche Stoff ja nid öppe e Funke i ds Publikum überespringt.

 

D Sprach vo de Schauspieler isch i allne Szene u allne Momente glych bliebe. Sie het nid la merke, dass es irgendwo schmürzelet und dass es immer heisser wird unter ihrem Stuhl. Sondern d Schauspieler deklamiere schön u pflegt vor sich häre, die ältere im Stil vo früecher, wo me no uf Sinn betont het, u die jüngere im Stil vo üser Zyt, wo me meh uf Rhythmus macht. U gäng wieder chunnt's vor, dass falsch betont wird, so dass d Ussag vom Satz ja nid öppe i Chopf vo de Zuschauer geit u verstande wird, bhüetis, das wär z gfährlich.

 

Der Horst Statkus präsentiert üs also en "Ödipus" im Guldschnitt. Der "Ödipus" als Klassiker für d Absolvente vom humanistische Gymnasium. Wär da no drus chunnt, dä isch gebildet, und die Gebildete hei gklatschet u derfür danket, dass der Horst Statkus der revolutionär Sprängstoff vom Ödipus-Drama zuedeckt het mit der Watte vo der klassische Einfalt u Längwyligi.

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