L'Orontea. Pietro Antonio Cesti.

Oper.

René Jacobs, Erika Ackermann. Theater Basel.

Radio DRS-2, Reflexe, 11. Juni 1990.

 

 

D Opere handlet von ere fundamentale Ungrächtigkeit, u drum isch sie für hüttigi Begriffe eigentlich skandalös. Göh mir hüt vom Glychheitsgedanken us, wo i verschiednige Revolutione het müesse erkämpft wärde (Glychheit vo Rasse, Glychheit vo de Bürger gegenüber em Gsetz, Glychheit vo de Chance, Glychheit vom Aspruch uf Läbensglück), isch also Glychheit üses Thema, so geit d Opere vom Cesti grad vom umgekehrte Prinzip us. D Mönsche sy nid glych. Sie sy nid glych gebore, sie hei nid die glyche Chance, u sie hei nid die glyche Rächt. Teil Lüt hei meh als anderi, u sie chöi ou meh als anderi. Und dass sie meh hei u meh chöi, daderfür chöi sie nüt, das het ne der Liebgott gschänkt, d Unglychheit isch also gottgewollt. Die Botschaft handlet d Opere vom Antonio Cesti drei Stund lang ab.

 

Ds Symbol vo der Unglychheit isch d Schönheit. Niemer, wo schön isch, cha öppis derfür. D Schönheit isch eim gä, sie isch es Gschänk vom Himmel. Aber es geit drum, vernünftig umzgah mit däm Gschänk. Das isch d Ufgab vom schöne Mönsch i üsere Opere. Will d Schönheit weckt d Liebi. D Härz flüge am schöne Mönsch nume so zue, är muess sich direkt wehre gäge all die Aträg. Und am Schluss muess är sich ou entscheide. Entscheide für die Richtigi. Das brucht e Ryfigsprozess. Ryfig aber entsteit dür Erfahrig. D Opere zeigt drum d Erfahrige, won e schöne Mönsch mit der Liebi macht.

 

D Liebi bringt ja d Lüt dürenand. Sie verliere der Kopf, d Vernunftargument gälte für sie nümm, sie hei nume no eis Ziel: gäng mit em geliebte Mönsch zäme z sy. So bedroht also d Lydeschaft die alltäglichi Ornig. Und drum isch es so gfährlich, wenn e Künigkin, wo schüsch het aleinzi gläbt, sich i der Liebeslydeschaft verliert, will denn isch nid nume die alltäglichi Ornig gfährdet, sondern d Ornig vom Staat. Es isch drum d Ufgab vor Orontea (so heisst die Künigin, wo sich verliebt), dass sie ihri Lydeschaft lehrt bändige. Ersch denn, wenn sie ihri Liebesgfüehl beherrscht, darf sie sich als Künigin uf Gfüehl yla, ersch denn isch d Liebi erlaubt und ou am Platz. Und ersch denn, wenn der schön Ma syni Schönheit nümm brucht für z profitiere, isch ihm die Schönheit ou z gönne, ersch denn darf är d Künigin übercho. Das isch d Theorie, wo hinter dere Opere vom Pietro Antonio Cesti steckt.

 

I der Praxis gseht das eso us: d Künigin Orontea verliebt sich in en unwahrschynlich schöne Ma. Dä Ma aber het e dubiosi Härkunft, är isch der Suhn vom ene Seeräuberhauptmann. Also geit das nid, dass ne d Künigin nimmt. Wo sie das ygseht und sich d Liebi us em Härz rysst, chunnt us, dass dä schön jung Ma in Wirklichkeit e graubte Prinz isch. Jetz cha sie ne ja hürate, jetz isch sie ou ryf derfür. So isch das nach der Uffassig vom Pietro Antonio Cesti u syre Zyt. Teilne Lüt isch mehr gä als andere. Es isch ne gäh, das sie schön sy, und es isch ne gäh, dass sie fürnähm sy. Und wenn ne derzu no gäh isch, dass sie vernünftig sy u Mass halte, de regiere sie zu rächt, de isch d Aristokratie ("die Herrschaft der Ausgezeichneten") Gottes Wille.

 

(Musik)

 

I ha's gseit, wenn me die Opere ärnst nimmt, isch sie für hüttigi Begriffe skandalös. Ds Thema vo der Liebi isch zwar ewig u gäng aktuell, aber das, wo ds Libretto drus macht, tut üsne Uffassige radikal widerspräche. Es isch also e zwöidütigi Gschicht, und die Ambivalenz zieht sich de ou dür die ganzi Basler Uffüehrig düre. Uf der einte Syte hei mir d Zytlosigkeit vo der Liebi, und die Zytlosigkeit zeigt sich im ene Bühnebild, wo nach hüttige ästhetische Vorstellige gstaltet isch. Uf der andere Syte aber hei mir der veraltet Konflikt vo der Künigin und ihrem Hofstaat, u da finde mir Gebärde und Kostüm us der Barockzyt. Hinter der Inszenierig vo der Erika Ackermann steckt also Skepsis. Viellicht sogar e gwüssi Unentschiedeheit. Ds Schicksal vo der Frau, wo der Liebi zum Opfer fallt, isch mit Ernst und "Anmut" nachezeichnet. D Gschicht vom schöne Ma aber würkt lächerlich. Är het z Basel kei Aspruch uf Mönschewürdi, är isch nume e dumme Kasper.

 

So isch d Uffüherig, was ds Optische ageit, ufglade mit Problematik, mit freiwilliger und unfreiwilliger. D Inszenierig isch broche und distanziert. Es isch da sicher keis affirmativs Verhältnis zum Barockzytalter usezläse. – Dadermit aber macht d Inszenierig grad ds Gägeteil vo däm, wo der Dirigent René Jacobs useschaffet. Är spielt nämlich zäme mit der Schola Cantorum Basiliensis d Musig genau eso, wie me sie vor 350 Jahr gspielt het. Mit historische Instrument und mit barocke Verierige. Hinter der musikalische Leistig stecke also Liebi und Ehrfurcht vor em Wärk. Also just das affirmative Verhältnis, wo d Inszenierig unterlauft. So aber gheit das, wo me gseht, u das, wo me ghört, usenand. D Tön chöme us ere andere Wält als d Inszenierig. U so spieglet d Basler Uffüehrig d Problematik vo der Barockopere i üsere Zyt. Vom Musikalische här sy mir fasziniert, vom Inhaltliche aber hin u härgrisse zwüsche Verzückig und Abwehr.

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