Orphée. Christoph Willibald Gluck.

Oper.

Ciryl Diederich, Nicolas Joel. Théâtre du Jorat, Mézières.

Radio DRS-2, Reflexe, 28. Juni 1988.

 

 

[Ansage: Seit man 1908 das Théâtre du Jorat in Mézières gebaut hat, trägt es den Übernamen: das Bayreuth des Waadtlands. Gleich wie Bayreuth hat es eine ausgezeichnete Akustik, gleich wie Bayreuth bietet es von allen Plätzen aus freie Sicht auf die Bühne, und gleich wie Bayreuth wird es nur im Sommer bespielt. – Wenn aber in Mézières gespielt wird, dann kommen die Leute von weit her: wegen des Orts, aber auch wegen der Qualität der Aufführungen.

 

Diesen Sommer zeigt die Lausanner Oper in Mézières den "Orpheus" von Christoph Willibald Gluck, in einer französischen Übersetzung, die Gluck selber beaufsichtigt hat, und in einer musikalischen Fassung, die zwar nicht Gluck, aber doch immerhin Ernest Ansermet gutgeheissen hat. Ihr Hauptzug: Orpheus wird von einem Bariton (in Mézières von Gilles Cachemaille) gesungen.

 

Dass man jetzt nach Mézières hinaufpilgert, hat schliesslich noch einen Grund: Man kann "Orpheus" auf dem Theater so gut wie nie sehen. Und warum das so ist, erklärt Ihnen Michel Schaer in seiner Besprechung.]

 

Die Opere z inszeniere isch nämlich kei Schläck. Sie het nume drei Rolle, drvo ei mythologischi: der Amor – und bitte, wie weit dihr hüt dä Liebesgott uf d Bühni bringe? Als nünjährigs Buebli mit runde Bäckli und eme dicke Füdeli? Weit dihr ihm Kartonflügeli abinde und ihm Guldbronze uf die blutti Hut stryche? – U der Orpheus, wie weit dihr dä bsetze? D Rolle isch ursprünglich für ne Kastrat gschriebe, u Kastrate git's ja nümm. U jetz, was machet dihr? Tüet dihr d Rolle mit ere Frau bsetze, de rütscht nech d Liebi zwüsche Orpheus und Euridike i ds Lesbische. Nähmet dihr e Kontertenor, de füllt nech däm sy Stimm chuum der Saal.

 

Dihr gseht, der "Orpheus" bietet Problem, scho nume, was d Bsetzig ageit. Derzue chöme aber d Problem, wo d Paritur bietet. Dihr findet da nämlich sytenelang orchestrali Passage, wo niemer singt.

 

(Musik)

 

Über die musikalischi Qualität vo dene Syte bruuche mir gar nid z rede; aber was weit dihr uf der Bühni derzue zeige? Es Corps de Ballet? Und was söll das derzue tanze? Im 1. Akt d Truur vom Orpheus? Ja? Und i welem Kostüm? Im fleischfarbige Trikot oder im schwarze Truurchleid?

 

(Musik weg)

 

Äbe gället, es isch ke Schläck, der "Orpheus" z inszeniere. Vor allem, wen mir a 2. Akt dänke. Wie weit dihr der Hades darstelle, mit syne Dämone u den unglückliche Seele, ohni dass es zum Kasperlitheater wird? Ds Ganze isch jo ou vertrackt für e Bühnebildner: Wie zeiget dihr überhaupt der Hades? Und wie ds Elysium? Nähmet dihr en abstrakti Dekoration und verschiednige Schynwärfer, de föh nech d Lüt scho nach zwone Minute afe gihne. Dihr gseht, der "Orpheus" verlangt Entscheidige noch und noch. Mi muess sich entscheide für ds Bühnebild, für d Kostüm, für d Plazierig vom Chor, für d Bewegige und für en Usdruck vo de Lüt und für d Art vor Belüchtig. Me muss jedi Spieläbeni separat u vollständig düredänke, und am Schluss sött alles zämestimme.

 

D Frag isch jetz: Was het der Regisseur, der Nicolas Joel, z Mézières gmacht? Är het d Idee gha, d Natur, wo um ds Theater umesteit, ou i ds Huus inezzieh. Dihr wüsst ja villicht, dass ds Théâtre du Jorat zwüsche de Bäum zmittst in ere Matte steit. U jetz chömet dihr also i ds Theater u gseht uf der Bühni die glyche Gräsli, die glyche Stude, die glyche Steine u Wägli wie dusse. D Natur also, wo glych isch und glych blybt, hüt wie vor 2000 Jahr, die immerwährendi Natur also isch d Brügg, wo üs verbindet mit em antike orphische Mythos und ou mit der Tonsprach u der Usdruckswys vom Chevalier und kaiserlich-königlichen Hofcompositeur von Gluck.

 

D Sänger u der Chor vor Opere trage aber d Kostüm vom Hof, u dadermit isch ou augenfällig, was üs trennt: Es isch d Ychleidig, d Façon, wo der Mythos im 18. Jh. agno het. Für die alte Grieche het der Orpheus ja d Euridike für gäng verlore, won är sich nach ihre umdräit het, bim Ufstieg us em Hades. I der Opere aber chunnt am Schluss der Gott Amor derhär, mit der Euridike ar Hand, und är füehrt ds Liebespaar zäme dür alli Zyte, als Allegorie derfür, dass d Liebi stärker isch als der Tod.

 

Das isch e barocki Uffassig, wo die alte Grieche u mir hüt chuum meh chöi teile. Und so chunnt jetz z Mézières der Amor derhär als Frau, mit eme pompöse Cul de Paris, eme höche Fäderhuet und eme Lorgnon, und der Amor isch hie eigentlich en ältlichi, philantropischi Fürstin, wo's nid gern het, wenn d Untertane vo ihre Kummer hei.

 

Uf die Art zeigt d Inszenierig vom Nicolas Joel mit ihrer Naturkulisse, was üs mit em "Orpheus" verbindet, und mit de historische Kostüm zeigt d Uffüehrig im glyche Moment ou, was üs trennt. – Prüefstei für d Inszenierig wird de aber der "Reigen seliger Geister".

 

(Musik)

 

Wie weit dihr zu dere Wunschkonzärt-Nummere ds Paradies uf d Bühni bringe? Und wie die verklärte Seele? D Lösig vom Nicolas Joel: Mi zeigt gar nüt. Da lueget dihr also uf d Bühni, ei Minute, zwo Minute, u plötzlich merket dihr - das isch ja ds Paradies: Die reini Natur, ohni Mönsch! Und wenn dihr ganz i das Wäbe vor Natur ytoucht syt u spüret, dass da gar nüt meh nötig isch a Ballett, Bewegig u Lichtzauber, de stygt plötzlich in ere Steigerig, wo me gar nümm erwartet, d Euridike us ere Felsegruft, u der Zauber vor Natur wird eis mit em Zauber vom geliebte Mönsch.

 

(Musik)

 

D Inszenierig vom Nicolas Joel, wo so gschyd u gspürig mit der Paritur umgangen isch, die Inszenierig isch treit worde vo guete bis usgezeichnete Gsangsleistige, eme sichere, intonationsstarke Chor und eme Orchester, wo trotz de verkrampfte und unklare Zeiche vom Dirigent Ciryl Diederich läbig, farbig, und bis i ds Detail yne mit Füür musiziert het.

 

(Musik)

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