Le Nozze di Figaro. Wolfgang Amadeus Mozart.

Oper.

Peter Maag, Peter Rasky. Stadttheater Bern.

Radio DRS-2, Reflexe, 6. Januar 1988.

 

 

I ha der Peter Maag bis jetz vo zwone Syte här kennt; us der eigete Aschouig und us em Lexikon. Die beide Syte hei bis jetz nid zämepasst. Die persönlichi Aschouig, won ig im Stadttheater Bern ha chönne gwinne, het mir e Dirigent vor Auge gfüehrt, wo im "Fidelio" zum Byspiel oder im "Rosenkavalier" vor allem dür syni Schwächine ufgfallen isch. I ha Klarheit vermisst, d Balance zwüsche Sänger und Orchester, und es isch albe so viel Handwerklichs dernäbe, dass i ds Gfüehl ha gha, es syg zweni, oder ömel zweni intensiv probet worde. Das isch myni persönlichi Aschouig gsy vom Peter Maag als Dirigent. Und i ha se nid zämebracht mit däm, wo mir ds glehrte Lexikon versicheret het, der "Concise Oxford Dictionary of Opera". Dert het's unter em Stichwort "Maag" gheisse: "London, Covent Garden; Chicago, Lyric Opera; New York, Met, from 1974. Successful appearances in various Italian houses, including Venice and Parma. A gifted Mozart conductor." Dä begnadet Mozart-Dirigent, wo mir der "Oxford Dictionary" versproche het, dä han i bis jetz bim Peter Maag vergäbe gsuecht. Aber schliesslich han i ja der Peter Maag ou no nie ghöre e Mozart-Opere dirigiere. Bis jetz zum "Figaro". Und d Frag isch gsy: Was macht er drus?

 

(Musik)

 

D Ouvertüre isch schon e Entscheidig. Der spät Otto Klemperer, wo mir hie yspiele, het usegstriche, dass der "Figaro" eini vo de schönste Opere ir gsamte Literatur überhaupt isch. Jedes Detail stimmt hie eifach, und am Klemperer sy Konzeption isch drum dadrin gläge, jedes Detail ou mache z singe u dadermit z ghöre. I den erste Täkt vom Presto het är d Schönheit vo den Achtle usegschaffet. U für die Schönheit usezbringe, het är ds Tempo drosslet, so dass der "Figaro" nach "Orpheus und Eurydike" het afe töne.

 

(Musik weg)

 

Anders der Peter Maag. Bi ihm chunnt d Ouvertüre im Sturmschritt derhär; ds Presto isch es Presto. Ds Grummle vo de Strycher entspricht am Untertitel vom Schauspiel: "Figaro oder der tolle Tag", und mir wärde grad ynegrisse i dä toll Strudel. Und wenn de d Fanfare yfalle, de hei sie d Schärfi vom ene Däge, und d Rasanz vom Presto nimmt plötzlich der Sturmschritt vor Revolution vorwägg. Ds Tempo, wo der Peter Maag aschlaht, entspricht genau dem, wo d Partitur wott. Wenn me nämlich uf d Note luegt, gseht me, dass ei Takt fehlt. Es het nume siebe Täkt Strycherintroduktion, bevor ds Bläserthema chunnt. Und das git's bi de klassische Komponiste, speziell bim Mozart, schüsch nid. Normalerwys isch bi ihne d Taktzahl grad, meistens vier plus vier. Dass es am Afang vom "Figaro" aber nume siebe Täkt het statt acht, liegt natürlich nid dadranne, dass sich der Mozart verzellt het. Schüsch hätt är die siebe Täkt bir Reprise korrigiert. Sondern är het dermit wölle usdrücke, dass d Rasanz vom Presto – und dadermit ou d Rasasanz vor Handlig – die altehrwürdige, symmetrische Formen unterspüelt. U das ghört me z Bern jetz unter em Peter Maag.

 

(Musik)

 

D Tempi, wo der Peter Maag z Bern vor allem i de zwe ersten Äkt aschlaht, gäbe im Ganze gseh e – i wett fasch säge – e junge Mozart-Klang, lakonisch, elegant, stark, aber verhalte, ächt, ohni Pathos. Und will der Maag d Ornamentik biläufig laht la spiele (wenn er sie nid ganz bewusst als Kontrapunkt zur Melodie ysetzt), will also der Maag nid wie der Klemperer jedem Tüpfli vom Ornament nachefahrt, stellt sich im Lauf vor Opere immer wieder e ganz eigeti Schönheit y. Die klassische Forme löse sich plötzlich uf u föh afe vibriere, wie bim impressionistische Pointillismus.

 

(Musik)

 

Bi aller Gschwindigkeit, wo der Maag aschlaht: Es glingen ihm derzue ou ganz ydrücklichi Ritardandi, und ds ydrücklichste isch de, in Überystimmig mit der Partitur, am Schluss. Der toll Tag isch verby, d Mechanik vo den erotische Beziehige isch abgschnurret, d Verwirrig isch chuum meh z löse, und jetz chunnt vo hinte füre d Gräfin, u d Zyt blybt stah. Der Graf isch i sym Innerste troffe, u ds Unrecht, won är begange het, geit ihm uf, und är cha nume no säge: "Tue mir vergä." Und währenddäm die andere i die Versöhnig ystimme, chöme ire extreme Verlangsamig während der Modulation Oboe u Flöte füre. Es isch, wie wenn e Näbel verrisse würd, u der Strahl vor Wahrheit zum erste Mal würd ynezünde i d Seele vo däm aristokratische Komödiepaar, wo sich e ganze tolle Tag lang vor üsne Auge het lächerlich gmacht. Und denn, ganz rasch u byläufig, ds Allegro assai, wo der Mag ehner Presto laht la spiele. Dä konventionell Jubel, wo d Komödie abrundet, söll dä Moment vo Wahrheit, won ihm voragangen isch, nid zuedecke. Der vorletzt Moment, wo sich zwo Seele i ihrer Verirrig troffe hei, dä vorletzt Moment wird dür d Interpretation vom Peter Maag useghobe, und är blybt hafte, wieder im Yklang mit em Werk, will die verletzlichi Menschlichkeit ds Ziel isch, wo die vieraktigi Komödie dry ymündet.

 

(Musik)

 

Me chönnt die Analyse no lang, lang wyterfüere, und es chäm da no mängs use, ganz nach em Satz vom Brecht: "Zerpflücke eine Rose – und jedes Blatt ist schön." Aber dä Satz gilt ir Berner Uffüehrig nume grad für e musikalisch Teil vom "Figaro". Das Konzept vom Peter Maag, wo so klar und überzügend der Partitur nachegspürt, das Konzept steit ir Uffüehrig einsam da. D Sänger u vor allem der Regisseur Peter Rasky hei nüt Glychwärtigs azbiete. D Uffüehrig isch dadermit gspalte. Der ganz Inszenierigsberych isch, wenn me's uf ds Schutte übertreit, dritti Liga. Und d Musik ghört i d Nationalliga A. Es geit also e Riss dür ds Ganze, wo nid z blätzen isch. Wenn me der "Figaro" vo Bern vo syre usgezeichnete Syte här wott gniesse, de muess me d Augen zuetue. Aber wär d Augen zuetuet, dä überchunnt de öppis z ghöre, wo yfahrt.

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