Fidelio. Ludwig van Beethoven.

Oper.

Johannes Schaaf. Grand Théâtre de Genève.

Radio DRS-2, Reflexe, 9. Mai 1989.

 

 

[Abnahme der Ansage] Tatsächlich, es isch ja ne Repertoire-Opere, und mehr als das: es isch die einzigi Opere, wo der Beethoven überhaupt gschriebe het. Und Beethoven, das isch Klassik. Und Klassik isch schön. Drum cha me die klassischi Musik ou so schön i sich inesüggele.

 

(Musik)

 

Wär aber der "Fidelio" so schön i sich ynesüggelet wien es Soft-Ice, dä erfahrt eigentlich gar nid, was für ne unerhört küehni Opere der Beethoven gschriebe het. Scho nume stimmtechnisch: D Partie vom Fidelio isch technisch so aspruchsvoll, dass sie zu Beethovens Zyte d Sängere no gar nid richtig hei chönne bewältige. Und no hüt führt der Schluss vo der Opere d Choriste a d Gränze vo ihrer Stimmkraft.

 

(Musik)

 

Unerhört kühn isch der "Fidelio" aber nid nume kompositorisch, sondern ou inhaltlich. Stellet nech vor: e Frau, wo handelt. E Frau, wo d Hose anne het, e Frau, wo der Held isch. Das het's no nie gäh. Derzue chunnt nämlich, dass der Ma passiv isch. Är isch abunde u cha drum nume bätte u chlage.

 

(Musik)

 

Der Ma passiv und schwach, d Frau aber aktiv und stark. Das isch unerhört, vor allem, wenn me dra dänkt, wenn das gschrieben isch: nämlich in ere rächtskonservative Yszyt, im Jahr 1814. Und no revolutionörer isch die politischi Botschaft vor Opere. Dass die politische Gfangnige plötzlich d Freiheit überchöme, dass me niemer meh ysperrt für sy Gsinnig, und dass die staatlichi Obrigkeit, dass e Minister sich verneigt vor de politische Gfangnige u seit: "Nein, nicht länger kniet sklavisch nieder, / Tyrannenstrenge sei mir fern, / Es sucht der Bruder seine Brüder, / Und kann er helfen, hilft er gern."

 

(Musik)

 

Settigi politischi Sprängsätz, komponiert in ere totalitäre Yszyt, die sy unerhört, die het's no nie gäh – sie sy utopisch. U die utopischi Kraft muess en Inszenierig useschaffe, dermit me merkt, was der "Fidelio" für ne gwaltige Brocken isch. Der Regisseur Johannes Schaaf het das z Genf usebracht, mit eren Inszenierig, wo ds Werk so neu gseht,

dass d Musik wieder yfahrt, wie wenn me sie no nie hätt ghört.

 

Da nes Byspiel. Der Gfangenechor us em 1. Akt. Die ygsperrte Lüt dörfe zum erste Mal use, uf ene Spaziergang, a d Luft. Me tuet d Tor uf – aber es chunnt niemer use. So ygschüchteret sy sie. Me muess ne's befähle, dür ne scharfe Pfiff mit der Trillerpfyfe. Da ersch seckle sie füre wie verängstigeti Rekrute, und wie im Kasernenhof stöh sie zäme zum Appell. Ir Achtigstellig warte sie uf wyteri Befähle. D Sunne schynt uf ihri kahlgschornige Köpf, und es isch still, und es passiert nüt, und es isch still, u mir alli föh afe warte – u nach langem, langem ghört me Kläng vo wyt här – u da stöh sie no gäng, die reglose Gfangige i ihrer Achtigstellig.

 

(Musik)

 

Die Harmonie passe nid zur Situation vom Gfängnishof. Sie verzelle von ere Schönheit, wo's gar nid git. D Musik chunnt us ere andere Dimension, us ere Dimension änet der Gwalt und änet em Terror. Wenn aber d Musik vo änedra härchunnt, de verzellt sie vo öppisem, wo's nume änedra git – sie verzellt vor Utopie. U das usezschaffe, das isch d Leistig vom Johannes Schaaf.

 

Drum het är ou ds berüehmte Duett mit em Text "O namen-, namenlose Freude" anders inszeniert als schüsch. Ds Paar, wo nach Jahre vo Haft zum erste Mal wieder zämen isch, het gar nümm d Kraft, ufenand zuezga und sich i d Arme z näh. Mit schwache Bei stützt sich jedes a syni Muur, meterwyt vom andere wäg, und wenn sie singe: "Mein Mann an meiner Brust – an Leonorens Brust" – de hei d Körper gar nümm d Kraft, für das übermönschliche Glück z trage. Und wieder verzellt d Musik von ere Seligkeit, wo d Realität hinter sich laht, wieder erfahrt me ihre utopisch Kern.

 

Gfanenechor und Duett Leonore-Florstan: das sy nume zwöi Byspiel von ere grossartige, ja von ere geniale "Fidelio"-Neuschöpfig. Es lohnt sich, daderfür vo wyt här uf Genf z fahre.

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