Der Kirschgarten. Anton Tschechow.

Komödie.

Gian Gianotti. Stadttheater Bern.

Radio DRS-2, Reflexe, 23. Februar 1990.

 

 

Ds Thema vo däm Stück isch der Wechsel. Die alti Zyt isch verby, e neui Zyt bricht a. D Ornig, wo ds alte Russland zämeghalte het, gilt nümm, d Mönsche müesse sich e neue Sinn sueche für ihres Läbe, u die meiste göh a dere Ufgab z grund. Sie löh sich la abezieh vo ihrer alte Zyt. U jetz, im Moment vom Ertrinke, wo für sie keni Wärte meh gälte, klammere sie sich a d Vergangeheit u verdränge d Zuekunft, nach em Motto vom Johann Strauss: "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist."

 

Was nid z änderen isch, isch der Epochewächwel, wo die gsellschaftliche Verhältnis z underobsi bringt. Die alte Grundbsitzer gönge a ihrne Schulde z grund, derfür aber chunnt e neui Schicht uf, wo mit em Geld cha umgah und mit dem Gschäfte Erfolg het, will sie nid vo sentimentale Erinnerige glähmt wird. Ds Thema vom Stück isch also der Wechsel, und ds Symbol vo däm Wechsel isch der Kirschgarte. Der Kirschgarte, im Früehlig mit der Bluest, im Summer mit de Kirschi und im Herbst mit em brune Laub isch am Wechsel vo de Jahreszyte i der Natur unterworfe. Är isch aber ou ds Opfer vom Epochewechsel i der mönschliche Gsellschaft. Vor uralte Zyte hei ne Landarbeiter apflanzt, und hüt tüe ne Landarbeiter abholze, will är nümm rentiert. Der Kirschgarte also isch es Symbol vom Wechsel, und der Wechsel wiederum isch es Symbol vom Leben, will alles im Leben Veränderig isch. Wenn drum der Tschechow i sym Stück zeigt, wie d Mönsche am Wechsel nid gwachse sy, de zeigt är eigentlich, wie sie am Leben nid gwachse sy. U drum würke sie komisch.

 

E Clown, wo ne Liegestuhl trotz aller Asträngig nid ufbringt, isch komisch, will är mit dem Alltägliche nid zrecht chunnt. D Mönsche im "Kirschgarten" chöme mit ihrem alltägliche Leben nid zrecht. Drum seit der Tschechow vo sym Stück, es syg e Komödie. - E Komödie darf me nid sentimental inszeniere. Das isch der Vorwurf, wo der Tschechow am Stanislawsky bi der UA gmacht het. Sondern e Komödie wott kalt und präzis gspielt sy.

Just die präzisi Kälti het der Regisseur Gian Gianotti i syre Inszenierig härebracht, u drum isch sie guet. Mi gheit nid uf d Figuren ine, mi cha nid Mitleid entwickle mit ne, will me nid cha drüber ewägg luege, dass sie alli öppis Beschränkts hei. Die Beschränktheit üsseret sich i charakteristische Geste: der Gajew, wo gäng wieder es Täfeli i ds Mul steckt und einisch seit, eigentlich heig är sys ganze Vermöge i Form vo Täfeli (also Versüessigsmittel) versugget. Oder d Beschränktheit üsseret sich i Gäng: ds Dienstmeitli Dunjascha zäberlet dür ds Zimmer wie ne Libelle mit länge Bei. U der ewig Student mit syne kurzsichtigen Auge isch blind für das, was um ne ume vorgeit, derfür aber blinzlet är i Himmel u meint, dä hangi voll Bassgyge.

 

So zeichnet, isch jedi Figur i der Inszenierig vom Gian Gianotti komisch. Und d Beschränktheit, wo sie usmacht, isch eigentlich d Unfähigkeit, sich z verändere und die Veränderig als Modus vom Leben z akzeptiere. Drum purzle us em alte, ehrwürdige Schaft scho im ersten Akt Spielsache, Bälleli, Kreisle u Märmeli füre, als Symbol derfür, dass d Lüt gfüllt sy mit Kindheitserinnerige, wo sie nie verarbeitet hei u wo sie nid dervo loschöme.

 

De meiste vo de Schauspieler isch es z Bern glunge, der Stil, wo die Konzeption verlangt, zum Usdruck z bringe. Sie hei ihrer Darstellig e Schuss i ds Karikaturistische gä, ohne dass me scho müesst säge, ihri Figure syge verzeichnet oder unglaubwürdig. Sie sy echly eisytiger, als me das vo de konventionelle Tschechow-Inszenierige här gwahnet isch, derfür aber chunnt de d Differenziertheit vom Ganze desto dütlicher use. Am Tschechow sy "Kirschgarten" isch e Kammersinfonie für zwölf solistischi Instrument. Ds einzelne Instrument isch i sym Usdruck beschränkt, und es het nume ei Stimm. Aber d Partitur als Ganzes isch vielfältig und spielt mit dene zwölf Instrument nach de Gsetz von ere höhere Ornig. Dass me das im "Kirschgarten" vom Stadttheater Bern het könne gseh, ganz klar und dütlich, und ohni sentimentali Verschleierig, das isch ds Verdienst vom Regisseur Gian Gianotti.