Das Leben eines überflüssigen Menschen. Jaroslav Gillar nach Maxim Gorki.

Schauspiel.

Jaroslav Gillar. Werkstatt-Theater Solothurn im Théâtre de Poche, Biel.

Bieler Tagblatt, 19. Februar 1980.

 

 

Absolute Spitzenklasse

 

Eines der zuverlässigsten Kriterien, das ich für die Bewertung künstlerischer Produktionen kenne, ist Schopenhauers "Satz vom zureichenden Grunde". Da heisst es: "Nichts ist ohne Grund, warum es sei." Das bedeutet, umgekehrt: Alles, was ich sehe, muss seinen Grund haben. Nichts darf bloss um seiner selbst willen oder nur für den Effekt da sein.

 

Wie häufig aber kommt es vor, dass Theateraufführungen vor diesem Satz bestehen? Für mich, einen herumreisenden Kritiker, einmal, zweimal pro Jahr. Allerhöchstens. Normalerweise sitzt man im Theater und weiss nach zehn Minuten: hier nicht. Die Schauspieler bewegen sich zwar – aber irgendwie. Ihr Spiel hat keine Evidenz. Es wirkt, wenn nicht zufällig, so doch beliebig. Nur ab und zu ist ein zwingender Grund zu finden, warum sich Herr X jetzt gerade so und nicht anders bewegt. (Aus diesem Grund sind die Marionettentheater immer so beglückend. Hier muss – auf Grund der Sache – jede Bewegung überlegt und mit bewusster Kontrolle ausgeführt werden.)

 

Die Folge von dieser Beliebigkeit im Spiel der Akteure ist, dass die Wirklichkeiten, die das Theater zu entwerfen und abzubilden hätte, in den allermeisten Fällen eben auch verschwommen, ungenau, irgendwie zufällig und letztlich belanglos ausfallen. So steht es mit der Routine unserer etablierten und subventionierten Kulturinstitute.

 

Und dann gibt es, im Bereich des "alternativen Theaters", plötzlich eine Inszenierung wie "Das Leben eines überflüssigen Menschen", eine Gorki-Novelle, die Jaroslav Gillar fürs Theater eingerichtet hat. Ein Ereignis, das einen alles vergessen lässt, was man je gesehen hat und das alle Zweifel beiseite wischt, die man je am Theater haben konnte. Kein Superlativ ist zu hoch, um auszudrücken, was für eine beachtliche, ja grosse Inszenierung das Werkstatt-Theater Solothurn herausgebracht hat.

 

Hier stimmt alles. Der Gehalt des Stücks, das Atmosphärische der Darstellung, der Rhythmus und Ablauf der Handlung, die Genauigkeit der Beobachtung, die Suggestivkraft der Requisiten, aber auch die ausgefeilte Dialogregie, die subtile Gesichtsmimik und das aussagekräftige, beziehungsreiche Gebärdenspiel. Das alles stimmt, es stimmt in jedem Moment der zweieinhalbstündigen Aufführung, und alles stimmt zusammen – eine der ganz raren, unendlich kostbaren Sternstunden für jedes Theater und jeden Zuschauer.

 

Und so ergibt sich eine Aufführung von bedrängender Wirklichkeit, voll von nie nachlassender Spannung, wahr, wie eben nur Kunst wahr sein kann, sinnvoll und folgerichtig bis in die unscheinbarsten Einzelheiten, weil hier, in diesem detailreichen Gemälde, alles in allem aufgeht.

 

Unmöglich, im knappen Rahmen einer Gastspielkritik die Leistung des Werkstatt-Theaters angemessen zu beschreiben. Hier, wo keine Verlegenheit bestünde, worüber ich schreiben könnte, weil man irgendwo anfangen kann und stets aufs Ganze geführt wird, ausgerechnet hier muss ich mich auf die knappe Feststellung beschränken, dass "Das Leben eines überflüssigen Menschen" – inszeniert von Jaroslav Gillar und gespielt von Friedhelm Koll, Jost Nyffeler und Gisela Kettner – nicht nur zum Besten gehört, sondern das Beste ist, was Biel in den zehn Jahren an Theater hatte. Zu dieser Behauptung stehe ich rückhaltlos.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]