Das Geld liegt auf der Bank. Curth Flatow.

Komödie.

Bruno Felix. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 11. Mai 1984.

 

 

Eine saubere Leistung, ein reines Vergnügen

 

Nicht immer ist das "heitere" Stück, das die Theater zum Saisonende ansetzen, für den Zuschauer auch ein Vergnügen. Die Handlung ist häufig albern oder banal, die Dialoge mager, die Pointen flach. Aber all das trifft auf Curth Flatows Lustspiel nicht zu. Und darum wird seine Aufführung zum reinen Vergnügen.

 

Was ist, so fragte Bert Brecht, der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Von dieser Frage geht Curth Flatow in seinem Lustspiel aus. Die Antwort: Der Einbruch ist die grössere Leistung. Nicht jeder Trottel kann einen "Coup" durchführen.

 

Allein schon das Erkunden der Örtlichkeiten, das Ausspionieren der Alarmvorrichtungen, das Planen der Vorgangsweise stellt die höchsten Anforderungen an Ingeniosität, Raffinement und Geistesschärfe.

 

Anspruchsvoll ist aber auch der Einbruch selbst: Es braucht stählerne Nerven, damit man sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Volle Konzentration ist erforderlich, damit man bei der Arbeit keine Fehler macht und – Gott behüte – Spuren hinterlässt.

 

Schliesslich braucht es die Selbstüberwindung eines Heiligen, damit man den gelungenen Einbruch nicht vor lauter Freude ausplaudert. Es braucht die Geduld eines Philosophen, damit man das gewonnene Geld nicht zu früh in Umlauf setzt. Wer es mit vollen Händen ausgibt, macht sich verdächtig und wird bald gefasst. Das alles zeigt: Einbrechen ist eine Kunst. Körperliche Fitness, geistige Überlegenheit, handwerkliche Meisterschaft und ein stabiler Charakter sind dafür unerlässlich.

 

All diese Eigenschaften bringt Gustav Kühne, der Held des Lustspiels, mit. Darum hat er auch das beste Gewissen, obwohl er drei Bankeinbrüche verübt hat. Denn er weiss: Seine Arbeit macht ihm keiner nach. Sie ist einmalig, sie ist eine saubere Leistung.

 

Dieser brave Handwerksstolz macht uns Gustav Kühne – auch "der kühne Gustav" genannt – anziehend. Er ist im Grund ein Mensch wie wir. Er leistet gern gute, einwandfreie Arbeit. Daneben hängt er an Frau und Kindern, sorgt für ihr Auskommen, kurz er ist ein guter Familienvater.

 

Diesem "lieben" Einbrecher gibt Paul Bühlmann die erforderliche Herzensgüte. Sein Gustav ist ein bescheidener, gerader Charakter. Das Kennzeichen der meisten Tüftelgenies, leichte Verschrobenheit, eine Spur von Eigensinn – das macht ihn nur sympathischer. Dazu kommt, dass der Darsteller Paul Bühlmann etwas mitbringt, das sich nur mit Reife erlangen lässt: Er hat Ausstrahlung. Und das zählt vielleicht noch stärker als die rein schauspielerische Leistung. Wenn Paul Bühlmann auf der Bühne steht, spürt man: Der hat Freude an seiner Rolle. In ihm drin, da jubelt es. Und dieser heimliche Jubel überträgt sich auf den Zuschauer. Das nennt man "Ausstrahlung".

 

Das womöglich noch stärkere Kabinettstück an reifer Komik indes bietet Kurt Bigger in der kleinen Episodenrolle des Vertreters für Alarmanlagen. Wie er mit den Armen schlenkert, wie er sich verbeugt, wie sich seine Plattfüsse in die Quere kommen, das ist ausgefeilt, das ist unübertrefflich. Hätte dieser Mann seinerzeit eine perfekte Sprechausbildung erhalten – er stünde heute nicht auf den Brettern des Städtebundtheaters; man müsste nach München oder Berlin fahren, um ihn zu bewundern.

 

Ausser für Gustav Kühne enthält das Lustspiel eigentlich keine Bombenrollen. Das Ensemble muss sich damit begnügen, leicht und locker zu spielen. Diese Fähigkeit geht zwar den meisten ab, aber sie sind doch routiniert genug, um einem den Spass nicht zu verderben.

 

Positiv aufgefallen ist mir Raul Serda, ein langjähriges Mitglied des Ensembles, ein zuverlässiger Sprecher. Und dann, natürlich, Hans Schatzmann mit seiner skurrilen Komik. Schatzmann ist eben gut.

 

Die Frauen – nun ja. Karin Minet war als Jungfer gewiss keine Fehlbesetzung. Aber sie hätte aus ihrer Rolle noch ein bisschen mehr herausholen dürfen, Richtung verbittertes Mädchen oder, wie die Franzosen sagen, "fille mal-baisée".

 

Zu sehen waren noch Elisabeth Arno, Ingo Seeckts, Reto Lang, Herbert Boss. Lauter junge Kräfte – nun ja.

 

Die Inszenierung besorgte Bruno Felix. Keine Einwände. Höchstens den: Die Aufführung ist eine halbe Stunde zu lang. Das Stück hätte ein Dutzend Striche vertragen, um nicht zu sagen: erfordert. Jetzt geht die Sache zuweilen recht umständlich vor sich. Aber immerhin: Langeweile kommt nie auf, die Spannung fällt nie ab. Dafür ist das Lustspiel von Curth Flatow ganz einfach zu sauber gemacht – fast so sauber wie ein gelungener Einbruch.