Wozzeck. Alban Berg.

Oper.

Michael Boder, Christof Nel. Basler Theater.

Radio DRS-2, Reflexe, 1. Mai 1990.

 

 

Stellet nech vor, dihr ghöret die Musik:

 

(Musik)

 

Wie reagiert dihr druf?

 

(Musik)

 

Wenn dihr Kenner syt, de säget dihr: Aha, "Wozzeck". Und wenn dihr Spezialist syt, de kennet dihr nid nume der Titel vo dere Opere, äbe "Wozzeck", sondern dihr wüsset ou, vo wäm d Ufnahm isch. Und als Spezialist säget dihr: Das isch der "Wozzeck" i der legendäre Ufnahm vom Pierre Boulez. Es cha aber ou sy, dass dihr no nie e Ton vo dere Opere vom Alban Berg ghört heit. I däm Fall hanget Eui Reaktion uf Musik dadervo ab, ob dihr der Kompositionsstil vo der Wiener Schuel möget oder nid. Wenn dihr ne nid möget, de finget dihr jetz die Tön es dissonants cheibe Dürenand. Es cha aber ou sy, dass dihr jetz eigenartig in Bann zoge syt vo däm unerhörte Klangbild. Dihr gseht: Je nach Kenntnisstand und je nach Sensibilität reagiere d Lüt verschiede uf die glychi Musik. Aber dadermit verzell i nech nüt Neus, i weiss.

 

(Musik weg)

 

Es isch gäng die glychi Musik, aber jede, wo sie ghört, het es anders Verhältnis zuen ere. Eso geit’s eim aber nid nume mit der Musik, so geit’s ein ou mit de Lüt. Dihr chöit sy, wär dihr weit, dihr finget nid zwo Persone uf der Wält, wo ds glyche Verhältnis zue nech hei. Für die einte syt dihr z.B. Papi, für die andere Ehema, für die dritte Arbeitskolleg, Jasspartner etc. Aber das isch nume eso, will dihr – säge mir mal: in ere mittlere soziale Stellig syt. Wäret dihr zunterst i der soziale Hierarchie, zalleri unterst, de wär’s anders. De hätte alli Lüt wieder ds glyche Verhältnis zue nech. Alli würde denn uf nech abehacke und nech usnütze. Und die Eisytigkeit isch en Ungrächtigkeit, und wie öpper wo z underst isch, die Ungrächtigkeit erläbt, das verzellt äbe der Alban Berg i synere Opere "Wozzeck", u dihr merket, mir sy scho z mittst ir Besprächig.

 

Ds Unerhörte a däm Wärk isch, dass ds erste Mal "der kleine Mann" im Zentrum von ere Opere steit, u nid irgend e chlyne Ma, sondern der Wozzeck, dä, wo alli druff ume trample. Und drum chunnt d Musik ou so schräg derhär – d Musik vom sogenannte gsunde Volksempfinde.

 

(Musik)

 

Im Zentrum steit also der Wozzeck; "der kleine Mann", wo alli druff umetrample. Und die andere zieh an ihm verby wie d Figure vom ene Totetanz, u der Wozzeck singt: "Dreht euch, wälzt euch. Warum löscht Gott die Sonne nicht aus? Alles wälzt sich in Unzucht über einander, Mann und Weib, Mensch und Vieh."

 

(Musik)

 

Das isch d Mitti vo der Opere, und es isch der Moment, wo ds Drama chehrt. Der Wozzeck het sich us der Gsellschaft usegschliche u luegt sie jetzt vo usse a. Es isch der Moment, wo är nümm mitmacht. Der Tanz geit ohni ihn wyter.

 

Dä Angelpunkt vom Drama isch ou der Angelpunkt i der Inszenierig vom Christof Nel im Theater Basel. Vo da etwägg wird sie faszinierend, intensiv u spannend. Für das z erkläre, muess i zersch es Wort zur Bühni säge. D Bühni isch nämlich e Kreis wie ne Saturnring. A der Peripherie vo däm Saturnring bewege sich d Sänger. Ir Mitti vom Kreis aber isch ds Orchester ufgstellt. Und jetz, wo der Wozzeck usstygt, won är der Tanz nümm mitmacht, verlaht är der Kreis, wo d Handlig spielt, und är stygt abe i ds Orchester u luegt vom Mittelpunkt us, wie die verdorbeni Welt an ihm verby zieht. Es isch e Horrorvision, wien i sie no sälte uf em Theater erlebt ha. Zu der Wand us wachse nämlich Händ, u die Händ begrapsche uflätig am Wozzeck syni Geliebti. D Marie geit buechstäblich dür alli Händ, ghetzt wien es Reh, ghetzt von ere Meute vo geile Manne, won es brünstigs Jagdlied brüele.

 

(Musik)

 

Und so chunnt der Wozzeck, wo sich bis jetz gäng duckt het, langsam derzue, sich z wehre. Es isch da gäng es Mässer uf der Bühni, vom erste Bild a. Ds Rasiermässer vom Wozzeck, von er dermit sött der Hauptmann rasiere. Mit eme Mässer het sich bis jetz der Wozzeck dienstbar gmacht ir Gsellschaft. Mit eme Mässer het är der Hauptmann rasiert. Mit eme Mässer het är für e Major Stäcke gschnitte. Mit eme Mässer het är sys Geld verdient, won är der Marie abglieferet het. Ds Mässer isch ds Symbol gsy, wie sich der Wozzeck als nützlichs Glied vo der Gsellschaft het la ybinde und la bruche. Und das Mässer isch immer dagläge, uf em Rasierstuhl vorn uf der Bühni. Aber jetzt seit är der Marie: "Du sollst dableiben, Marie. Komm setz dich." Sie nimmt Platz uf em Rasierstuehl, u der Wozzeck schnydt ere mit em Mässer ds Gurgeli ab. "Tot."

 

(Musik)

 

Was mer da i der Inszenierig vom Christof Nel uf der Bühni vom Theater Basel gseh, trifft d Paradoxie vom "Wozzeck" direkt i ds Herz. "Der kleine Mann", wo alli druff umetrample, wott sich räche. Und won är zrügg schlaht, tötet är nid die, wo ne plage, sondern syni Geliebti. Nid am Hauptmann schnydt är uf em Rasierstuehl ds Gurgeli ab, sondern syre Marie.

 

Die Intensität vom Bühnegscheh het me ir Musik nid gäng gfunde. Der Michael Boder het ds Basler Sinfonie-Orchester umsichtig, aber ou vorsichtig dirigiert. Die verhaltene Passage im Wärk hei dermit en unbeschryblichi Zartheit gwunne. Und tief berüehrt het mi d Zwüschemusik vor em letzte Bild, wo der Alban Berg nomal der ganz Film im Orchester laht la verby zieh. Der Dirigent Michael Boder het da ne stilli Nachdänklichkeit la ufklinge. Dermit het yni Interpretation der ganze schuurige "Wozzeck"-Moritat e Würdi gä, wo tiefe Respekt vor den arme Kreature Wozzeck und Marie usdrückt. – Weniger guet glunge sy am Michael Boder aber die dramatische Momente. Da, wo d Musik heftig wird, wo sich öppis ufbäumt, da wird’s z Basel nid spannend, sondern nume lut. Ds Orchester spielt also nid immer glych inspiriert, und unglych sy ou d Sängerleistige. Rein gsanglich het mi d Premiere nid befriediget. Da isch mängs technisch im Arge gläge, ou bim Wozzeck und ou bir Marie. Und gäng wieder isch nid nume z tief gsunge worde, sondern ou rhythmisch falsch. Rein gsanglich also hei mir’s nid mit erstrangige Leistige z tüe. Derfür aber hei d Marie vor Emily Rawlins und der Wozzeck vom Falk Struckmann schauspielerisch sich so i ihri Rolle ynegläbt, dass eim d Uffüehrig im Theater Basel packt het. Mi het gwüss nid e perfekte "Wozzeck" gseh, aber eine, wo mit syre Intensität sich tuet vom Durchschnitt abhäbe.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]