Pygmalion. George Bernard Shaw.

Komödie.

Theater für den Vorarlberg im Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 26. Februar 1980.

 

 

Eine fragwürdige Angelegenheit

 

Die Tradition der Austauschgastspiele mit dem Theater für den Vorarlberg dauert nun schon acht Jahre. Lange genug also, um ein paar grundsätzliche Fragen aufzuwerfen. Unser Kritiker nimmt die Inszenierung von Shaws "Pygmalion" zum Anlass, um sein persönliches Unbehagen zu formulieren.

 

 

Die Kritik einer Kollegin hört auf mit den Sätzen: "Einen jungenhaft-flegeligen Higgins spielte Gerhard Zemann. Er hat durchaus das Zeug für diesen menschlich-unmenschlichen Egozentriker, wenngleich es ihm noch ein wenig an Persönlichkeit mangelt. Eine Eliza aus der österreichischen Gosse war Helga Leitner, der ein wenig mehr Temperament wohl angestanden hätte."

 

Man kann hier ausblenden, wie es die Kollegin tat. Man könnte aber auch den Versuch unternehmen, die restlichen zehn Figuren zu beschreiben. Und wenn man das täte, dann käme heraus, dass nirgends von durchwegs überzeugender Darstellung gesprochen werden kann, ausser vielleicht bei Karl Blühm als Oberst Pickering. Fast überall müsste – im Stil der Kollegin – das Lob mit einem "zwar" eingeführt und mit einem "aber" abgeschwächt werden.

 

Und wenn man die Leistungen durchbesprochen hätte, käme heraus: das Theater für den Vorarlberg hat – wie die Kollegin in einem Halbsatz feststellte – "keinen grossen Theaterabend" ermöglicht.

 

Die Aufführung von "Pygmalion" kann man sich anschauen, gewiss, aber man kann sie ebensogut auslassen. Sie bietet einem anspruchslosen Zuschauer im Moment vielleicht einige Entspannung – doch über den Theaterabend hinaus bleibt nichts zurück.

 

Nun will ich damit der leichten Kost die Berechtigung nicht ganz absprechen. Mit dem "Pygmalion"-Gastspiel kann sich das Städtebundtheater sanieren; es füllt die Kasse und den Saal. Es bringt Leute ins Theater, die vielleicht mal wiederkommen. Doch um eine Feststellung komme ich nicht herum: Was das Theater aus Bregenz zeigt, kann das Städtebundtheater auch. Um die Geschichte vom Phonetikprofessor und seinem Blumenmädchen herauszubringen, ist unser Theater nicht auf den Vorarlberg angewiesen: "Pygmalion" liegt im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten.

 

Ein Gastspiel aber sollte grundsätzlich das lokale Theaterangebot bereichern. Und wenn schon das Stück nichts Neues bringt, dann müsste man wenigstens an die Verarbeitung einige Ansprüche stellen dürfen. Man sollte beispielsweise einen Theaterstil zu sehen kriegen, der neue Impulse gibt und zeigt, was andernorts möglich ist. Oder das Gastspiel sollte den Zuschauern ein neues, starkes Theatererlebnis ermöglichen, indem Schauspieler aufträten, die das Mass des Alltäglichen sprengen.

 

Doch auch in diesen Punkten bringt uns das Theater für den Vorarlberg nichts. Die Inszenierung ist Dutzendware, die jeder, der das Metier erlernt hat, zuwege bringt. Und was die Schauspieler angeht, so zeigt ein Vergleich über die Jahre hinweg, dass die hiesigen Schauspieler ebensogut, ja oftmals differenzierter und seriöser spielen. Wozu also Bregenz herbemühen?

 

Ja, der Sinn der Austauschgastspiele mit dem Theater für den Vorarlberg wird, je länger das Experiment dauert, desto zweifelhafter. Noch nie habe ich von dieser Bühne etwas gesehen, das spontan überzeugt hätte.

 

Wie lange soll das noch dauern? Wenn schon Austauschgastspiele – warum ausgerechnet dieses Theater, das uns, gesamthaft gesehen, so wenig gebracht hat? Was ist der Beweggrund, diese Bühne jedem andern der etwa 300 deutschsprachigen Theater vorzuziehen? Etwa das Geld? Liegt es daran, dass uns kein anderes Theater so billig käme? Wenn das die Antwort wäre – dann scheint mir, ist selbst das wenige, das wir zahlen, noch zu viel.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]