Romulus der Grosse. Friedrich Dürrenmatt.

Komödie.

Klaus Götte. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 15. April 1980.

 

 

Stadttheater in der Gewerbeschule:

Solide, wirkungsvolle Theaterarbeit

 

"Romulus der Grosse" von Friedrich Dürrenmatt, inszeniert von Klaus Götte, ist eine Aufführung, der ein breiter Erfolg zu wünschen ist; sie ist gelungen, was das Theatermässige angeht, und sie stellt darüber hinaus Fragen von unvermindert aktueller Bedeutung. Am Stück selber bestätigt sich Dürrenmatts Ruf als Dramatiker von vitalem Spieltemperament und effektsicherer szenischer Phantasie.

 

 

Wer die Nachrichten verfolgt und die Ereignisse studiert, wird über die Inserate der hoch angesehenen "Times" vielleicht nicht den Kopf schütteln, mit denen sie im Innern ihrer Ausgaben um Neuabonnenten wirbt. Da steht nämlich in grosser, fetter Schrift, die Frage: "Dritter Weltkrieg?" Und darunter wird zur Erklärung ausgeführt, noch nie seien so viele Krisen in so kurzen Abständen auf die Menschheit losgebrandet.

 

Man mag sich tatsächlich fragen, wo unsere Geschichte enden wird, ja, ob sie nicht bereits am Ende sei. Jedenfalls nähren sich christliche Sekten, indische Meditationskulte und Umweltschützerbewegungen aus ein und derselben Wurzel: der Furcht vor dem Untergang, der im Abendland kaum mehr einer widersteht.

 

Vor diesem Hintergrund ist Friedrich Dürrenmatts "ungeschichtliche historische Komödie" mit dem Titel "Romulus der Grosse" aus dem Jahr 1958 keineswegs veraltet, und erst recht nicht veraltet sind die Umstände, unter denen sie spielt: "Zeit: Vom Morgen des 15. bis zum Morgen des 16. März vierhundertsechsundsiebzig nach Christi Geburt."

 

Denn dieses Drama ist von eminenter historischer Bedeutung. An diesem Tag wurde, wie das Lexikon lakonisch mitteilt, eine Welt begraben und ihr Untergang besiegelt: "Mit der Übernahme der Herrschaft in Italien durch Odoaker (einen germanischen Fürsten) endete 476 das Weström. Reich." An diesem Tag wurde "Romulus Augustulus, letzter weström. Kaiser von Odoaker abgesetzt und mit einer Jahresrente versorgt."

 

Das Stück ist also nicht veraltet. Denn weil es "ungeschichtlich" ist, erlaubt es Parallelen zu unserer Zeit. Es zeigt einen Menschen, der nichts gegen den Untergang tut, sondern ihn nach Kräften fördert – wie wir. Allerdings nicht – wie wir – aus Egoismus und Verblendung, sondern weil er findet, seine Welt habe den Untergang verdient.

 

Und unsere Welt? Hat diese von Dauerkrisen geschüttelte westliche Zivilisation ihr Recht zum Weiterbestehen ebenfalls verwirkt? Friedrich Dürrenmatt ist ein Zeitgenosse, der mit nie nachlassender Intensität darüber nachgedacht hat, wie das Urteil über uns ausfallen könnte und, wer weiss, ausfallen wird. "Die Weltgeschichte ist das Weltgericht", schrieb ein Vorgänger Dürrenmatts, Friedrich Schiller.

 

Und Dürrenmatt? Seit er schreibt, beschäftigt ihn die Frage nach Gerechtigkeit und Recht; und seit er schreibt, zieht sich das Problem des Untergangs durch sein Werk. Zuletzt im "Porträt eines Planeten", wo die Welt "Hops geht", vorher in der Shakespeare-Bearbeitung von "König Johann", im "Meteor"; und überall erscheint der Untergang als unausweichlich. In "Die Mitmacher", einem Projekt, das er nicht bis zur Bühnenreife verfolgte, sollte das merkwürdige Phänomen zur Sprache kommen, dass niemand das Zustandekommen des babylonischen Turms wünscht, aber alle daran mitarbeiten...

 

In seiner Reihe zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1957 sagte Dürrenmatt: "Die Welt – die Bühne somit, die diese Welt bedeutet – steht für mich als ein Ungeheures da, als ein Rätsel an Unheil, das hingenommen werden muss, vor dem es jedoch kein Kapitulieren geben darf."

 

Das Unheil kommt, weil es kommen muss. Die Frage ist bloss, wie man es aufnehmen soll. Eine Antwort versucht Dürrenmatt mit der Figur des Romulus zu geben, der ungeachtet der täglich eintreffenden Hiobsbotschaften den Kopf und seine Gelassenheit nicht verliert.

 

So, wie Romulus das Unheil nimmt, scheint sich also ein Ausweg anzubieten, wie die Vernunft über den blinden Untergang triumphieren könnte. – Doch "man sehe genau hin, was für einen Menschen ich gezeichnet habe", warnt Dürrenmatt. Und wirklich zeigt sich, dass Romulus' Rechnung nicht aufgeht. Auch er ist schuldig, sein Opfer wurde nicht angenommen.

 

Damit erhält das Stück einen doppelten Boden, und die Figur wird fragwürdig. Wer ist sie? Was gilt? Die Züge, die Dürrenmatt mit "witzig, gelöst, human" umschreibt, oder sein Urteil: "ein gefährlicher Bursche"? Von Anfang an spielt Romulus den andern was vor, aber – wie das Ende zeigt – auch sich selber.

 

Es ist ein Glücksfall, dass mit Klaus Abramowsky ein Darsteller zur Verfügung steht, der die verschiedenen Facetten des letzten römischen Kaisers zum Ausdruck bringen kann.

 

Im ersten Akt lässt Abramowsky seinen Romulus mit sichtlicher Übertreibung agieren, wie eine Mischung von Boy Gobert und Louis de Funès. Im zweiten Akt kommt das Schreckliche dieser Figur durch ihre Starrheit und Eigensinnigkeit zum Tragen; im dritten Akt wirkt sie scheinbar echt und menschlich, um dann jäh zu Pathos und Show auszuholen. Beeindruckend ist schliesslich, wie Abramowsky abtritt: ganz ohne Würde, wie ein melancholischer Clown, der das Geheimnis seiner Person mit sich nimmt, so dass die Aufführung mit einem Fragezeichen endet.

 

Ein Glücksfall ist auch, dass die übrigen Rollen beinahe durchgehend optimal besetzt werden konnten, so dass mancher der Schauspieler sich selbst zu übertreffen scheint. Aldo Huwyler etwa, der aus seiner kleinen Rolle eine ganz starke Wirkung zu holen wusste, oder Alf Beinell, der hier, als Innenminister, am Platz war und durchwegs stimmte. Beiläufig sei der Koch herausgehoben, ein namenloser Statist, der mit seinem Charakterkopf Ausstrahlung hat und wirkt. Daneben, exakt und zuverlässig wie je und ein echter Gewinn fürs Ensemble, Beat Albrecht als Kunsthändler. Das ganze Ensemble war für diese Aufführung auf den Beinen; unmöglich, alle Namen aufzuzählen, aber auch unnötig, denn keiner fiel ungebührlich ab.

 

Klaus Götte, bei dem als Regisseur die Fäden zusammenliefen, inszenierte zurückhaltend und eher konventionell, brachte aber die Zwischentöne heraus, die das Publikum packten und es immer wieder vergessen liessen, mit den Füssen zu scharren und zu husten. In diesen Momenten erfüllte die Aufführung ein weiteres Dürrenmattsches Qualitätskriterium: "Menschlichkeit ist vom Schauspieler hinter jeder meiner Gestalten zu entdecken, sonst lassen sie sich gar nicht spielen."

 

Bilanz: Mit dieser Aufführung dürfte das Städtebundtheater – endlich – jenen breiten, unbestrittenen Erfolg verbuchen können, den man ihm bisher vergeblich wünschte.

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