Salome. Richard Strauss.

Oper.

Theater Basel.

Radio DRS-2, Reflexe, 5. Juni 1989.

 

 

[Ansage: Es war die letzte Opernpremiere dieser Spielzeit, und gleichzeitig die letzte Produktion von Armin Jordan in Basel. Michel Schaer hat sie gesehen...] und gseh han i en intelligenti, e tiefgründigi, e wunderbar eifachi Uffüehrig vor "Salome". Aber bi aller Eifachheit isch d Inszenierig ou usserordentlich gschyd, und sie het mänge Hintergedanke, wo sie nume adütet. Dadermit isch d Inszenieruig nid nume gschyd, sie isch ou raffiniert, u das irritiert viel Lüt, will sie ds Gfüehl hei, der Regisseur Herbert Wernicke wöll extra nid, dass sie nachechömi, är nähm sie höch.

 

Drum isch am Schluss vor Uffüehrig ou der Kampf usbroche zwüsche de Buhrüefer u de Bravorüefer. U bi däm Kampf, ob jetz d Inszenierig ds Werk ernst nähmi oder ob sie's verhunzi, hei alli fasch echlei vergässe, dass me eigentlich für en Armin Jordan hätt sölle klatsche, wo mit dere "Salome" ds Basler Theater nach mängem, mängem Jahr endgültig verlaht. Derby het ds Orchester, so het's mi dünkt, der ganz Abe für ihn gspielt, so ufmerksam, so präzis, so inspiriert. Der Armin Jordan aber het sich am Schluss ganz bescheide am Rand vor Bühni verbeugt, und är isch dermit ou ar letzte Premiere am Prinzip treu bliebe, sich nid i Mittelpunkt z stelle und mit syre ganze Kraft der Musik z diene.

 

Wo du aber der Herbert Wernicke vor e Vorhang cho isch und der Protest losgangen isch, da het sich der Jordan umdräit und demonstrativ für en umstrittnig Regisseur gklatschet. Für ihn het offebar d Inszenierig ds Wärk nid verhunzet.

 

Was het me jetz aber gseh? Also, stellet nech vor, dihr lieget z unterst im ene tiefe Schacht. Wenn dihr ufelueget, gseht dihr zersch die graue Betonwänd mit Ysesprosse, wo obsi füehre. Und z oberst, wo d Öffnig isch, gseht dihr der Nachthimmel mit de Sternen. Alles andere chöit dihr vom Schacht us gar nid gseh, weder Hüser, no Bäum, no Mönsche. Es git nume no euch, und vis-à-vis vo euch der Himmel.

 

Wenn dihr jetz aber nume no der Himmel im Blick heit, stundelang, tagelang, wie chömen euch de d Mönsche vor, wenn sie am Rand vom Brunne stöh und abeluege, wenn sie mitenand gestikuliere, wenn sie scharf ufenand wärde und nume no Sex im Gring hei?

 

Für dä, wo im Schacht liegt und ufeluegt zum Himmel, für dä, wo also im wörtliche Sinn d Ewigkeit vor Augen het und dermit d Sache, wie der Spinoza het gseit, unter em Gsichtspunkt vor Ewigkeit aluegt ("sub specie aeternitatis") – für dä isch das ganze sexuelle Getue vo de Lüt (ob sie jetz Herodes, Narraboth oder Salome heisse) nume no lächerlich.

 

Und so zeigt's jetz ou der Wernicke: unten im Schacht der Prophet Jochanaan; u mir luege mit synen Augen obsi i Himmel, und am Rand vom Brunne chöme de die lächerliche Mönsche derhär: d Salome als zickigs Hüerli, d Herodias als chüeli Domina, der Narraboth als pomadisierte Geck und der Herodes als feisses Dubeli.

 

Alli sy lächerlich, mit Usnahm vo eire Figur, ere Frau mit riesige schwarze Flügle: der Todesengel. Für d Mönsche, wo am Hof vom Herodes läbe, git's äbe nume eis, wo absoluit isch, das isch ihri Vergänglichkeit, das isch der Tod.

 

Für dä aber, wo d Ewigkeit im Aug het, isch ou der Tod öppis Lächerlichs. Drum inszeniert der Herbert Wernicke ou alls, wo mit em Tod zämehanget, als theatralische Klamauk. Bim Selbstmord vom Narraboth zeigt der Regisseur, wie me muess der Theatersabel alege, für dass eim d Klinge zum Rücken usluegt. Und bim Jochanaan zeigt är üs vo Afang a der Kopf vo der Atrappe, wo de am Schluss an ere Schnuer ufghänkt wird, wie wenn är tät schwäbe. Aber das isch äbe nume Theater. Am Schluss vor Vorstellig aber wächslet ds Liecht, der Jochannaan steit uf u geit mit feste Schritte dervo. D Komödie vom Sex, d Komödie vor Macht, d Komödie vom Tod, d Komödie vom Vorläufige isch z änd. U mir Zueschauer gönge zum Theater us, ds Spiel isch verby, und es gilt wieder ernst für üs. Oder ächt nid? Spiele mir ächt im Leben d Komödie wyter, wo mir ir "Salome" hei gseh, mit üs selber als Hauptfigur?

 

Dihr gseht, hinter der ganze Inszenierig vom Herbert Wernicke steckt en unerbittlichen Ernst, so dass sogar ds Lächerliche en ernsti Bedütig überchunnt. Das aber irritiert eim – wie gäng, wenn eim die grossi Kunst der Boden unter de Füess wägzieht und me abegheit i ds Loch, wo me plötlich vis-à-vis vo sich nume no der Himmel het.

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