Das Eulenschloss. Franz von Pocci.

Kasperlkomödie.

Vera Strasser. "Studio am Montag" im Theater am Zytglogge, Bern.

Der Bund, 10. März 1980.

 

 

Honig fürs Kind im Menschen

 

Welche geheime Verbindung ist es, die uns im Porträt des Grafen von Pocci andeutungsweise die Züge von Karl Valentin erkennen lässt? Verwandtschaft kann es nicht sein; der eine stammt aus dem Hofadel, der andere aus einer Familie von Kleinhandwerkern. Liegt es am Bayerischen? Auch nicht. Das Bayerische trägt man nicht im Gesicht. Was also? Schulterzucken. Das Herumrätseln über die Ähnlichkeit von Gesichtszügen bringt nichts.

 

Einfacher ist es, von den Ähnlichkeiten in ihren – na, sagen wir: Stücken zu reden. Da fällt bei beiden auf: eine ganz besondere Form des Humors. Er ist nicht spitz. Er ist nicht ätzend. Er ist nicht hintergründig. Er ist, mit einem Wort, nicht intellektuell. Darin treffen sie sich, der Schreinermeister Valentin Ludwig Fey, genannt Karl Valentin, und Franz Graf von Pocci, unbeschadet des Standesunterschiedes und ungeachtet der Generationen, die dazwischen liegen. Bei ihnen ist Humor eine Weltanschauung.

 

Demzufolge sind ihre Stücke nicht ausgetüftelt wie bei den Boulevardiers. Die Gags sind nicht bombensicher wie bei den Clowns. Die Wortspiele nicht so entlarvend wie bei den Kabarettisten. Auf diese Weise üben sie auf den Zuschauer auch keinen Zwang aus, die Sachen mal anders (lies: lustig) zu sehen. Sondern die Sachen sind anders. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...

 

Tja, was ist, wenn man's nicht kann? Dann wird man ihre Stücke nicht relevant finden. Der Beitrag, den Franz Graf Pocci zur Veränderung der Welt leistet, ist, politisch gesehen, gleich null. Sein Kasperl ist immer noch der Kasperl, auch wenn er einen Minister spielt, auch wenn die Handlung im 19. Jahrhundert fusst.

 

Doch das ist, ehrlich gesagt, schön. Und rührend. Hinter aller Zeitbezogenheit und "Modernität" steckt in den Stücken des Oberstkämmerers Ludwigs des Ersten, des Herrn von Pocci, eine echte, reine Naivität.

 

Wer sich ein Organ für solche heute wie damals verlorene Reinheit bewahrt hat, wer weiss, wie gefährdet sie ist und sie trotzdem liebt – der wird sich die Aufführung des "Eulenschlosses" im Theater am Zytglogge nicht entgehen lassen. Denn hier kann er ihr, der Kinderwelt, begegnen, der er als Erwachsenere einen Platz in seinem Innern bewahrt hat.

 

Vera Strasser hat sie in Szene gesetzt, ganz diskret, ohne Drücker. Ihrer Inszenierung eignet eine wohltuende Sparsamkeit an, die der Einfachheit des Stücks entspricht. Und Elisabeth Berger, Janet Haufler, Eva Schär und Rudolf Bobber spielen sie mit Zurückhaltung und Delikatesse.

 

Ein einziges könne man sich noch wünschen (aber vielleicht stellt es sich in späteren Aufführungen noch ein): dass die Darsteller zu dieser Art Humor noch mehr Glauben aufbringen. An der Premiere schienen sie noch nicht so recht überzeugt. Doch das Vertrauen, dass die Sachen, genauso wie sie Pocci sah, richtig sind, lässt sich nicht einstudieren. Es muss aus dem Herzen kommen.

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