Schliesslich wird auch in kleinen Städten gestorben. Manfred Züfle.

Vilmos Désy. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 3. Oktober 1980.

 

 

Von Tod, Ordnung und Leben

 

Die Bemühungen des Städtebundtheaters, zeitgenössische Autoren für die Bühne zu gewinnen, haben in dieser Spielzeit zum Experiment der "CH-Dramaturgie" geführt. Zu drei freigewählten Stücken des laufenden Spielplans haben drei Autoren je einen Einakter geschrieben, der Inhalt und Problematik des Hauptstücks aufnimmt, weiterführt, kritisiert. Das erste dieser "Spiegelstücke" erlebte am Mittwoch seine Uraufführung im Stadttheater. Es war "Schliesslich wird auch in kleinen Städten gestorben" von Manfred Züfle, das sich auf Thornton Wilders "Unsere kleine Stadt" bezieht.

 

Er habe das Stück aus einer Wut heraus geschrieben, sagte Manfred Züfle in der anschliessenden Diskussion. Aus Wut darüber, wie Thornton Wilder in "Unsere kleine Stadt" mit den Figuren umgeht: dass es einen allmächtigen Spielleiter gibt; dass die Figuren nur so lange gebraucht werden, wie sie dem Autor in den Kram passen; dass Wilder seine Figuren nur braucht, um eine Weltanschauung auszudrücken. – Wilders Weltanschauung? Das wäre beispielsweise der Gedanke, dass alles seine Ordnung hat, selbst der Tod, und dass man sich in diese Fügungen schicken müsse.

 

Gerade dagegen protestiert nun das Stück: "Jeder Tod ist ein Todesurteil!", schreit Manfred Züfles Emily, und sie stellt damit die Frage nach der Gerechtigkeit, nach dem Sinn des Todes und der Ordnungen, die Wilder noch gläubig annahm. Was also für Wilder noch "gegeben" war, entpuppt sich im Spiegelstück als höchst fragwürdiges Arrangement. Die Ordnung dient den Interessen der Satten. Sie erstickt mit ihren Vorschriften Spontaneität, Kampf, Andersartigkeit, Auflehnung, Kritik – mit einem Wort: Ordnung kanalisiert das Leben, sie ist Zeichen von Erstarrung, sie ist ein Stück Tod in unserem Leben.

 

Szenisch hat Regisseur Vilmos Désy diese Anschauungen dergestalt umgesetzt, dass er Eleonore Bürcher als einzige im Wilder-Kostüm (als Tote) auftreten liess, während die übrigen Darsteller abgeschminkt und in Alltagskleidung daherkamen.

Doch die Tote, die ihren Tod weiterdachte und dagegen protestierte, sich zur Ruhe zu begeben, erwies sich als lebendiger als die andern, die handelten, wie sich's gehört, und taten, was man von ihnen erwartet.

 

Doch dieser Kontrast Emily-Ensemble war auch eine der wenigen Konstanten, die sich durch den Einakter zogen. Im übrigen hat die Inszenierung Züfles Stück ("es ist eine Art Totenklage, aus dem Bauch heraus geschrieben") in viele Fetzen zerteilt, die nicht immer gleich überzeugend wirkten. Einzelnes war traumhaft intensiv, anderes wirkte gesucht und unverständlich.

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