Sechs Personen suchen einen Autor. Luigi Pirandello.

Rudolf Kautek. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 19. Februar 1980.

 

 

Stadttheater in der Gewerbeschule:

Ein ungerechtfertigtes Desinteresse

 

In einer gesamthaft überzeugenden und farbigen Aufführung bringt das Städtebundtheater das von Rudolf Kautek inszenierte Stück von Luigi Pirandello "Sechs Personen suchen einen Autor". Das Stück, 1921 in Rom uraufgeführt, wurde seither zu einem Welterfolg und Dauerbrenner und gilt als "Klassiker der Moderne". Doch in Biel wird es vom Publikum im Stich gelassen.

 

 

Im Moment, wo ich diese Kritik verfasse, liegt ein Leserbrief vor mir. Eine Dame aus Dotzigen beklagt, dass Loseys Filmoper "Don Giovanni" in Biel bereits nach zwei Tagen abgesetzt werden musste. Grund: Der Film lief vor leeren Sälen.

 

Gäbe es nicht den Zwang der Abonnementsvorstellungen, dann müsste das Städtebundtheater eigentlich seine neueste Produktion auch absetzen. Und die Schauspieler müssten sich sagen: "Okay, wir haben sechs Wochen geprobt, aber da sich niemand für unser Stück interessiert, schlagen wir es uns halt aus dem Kopf und lernen ein neues."

 

So müsste es zugehen, wollte man künstlerische Darbietungen nach rein finanziellen Gesichtspunkten behandeln. Denn buchhalterisch und statistisch war die Aufführung von Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor" in Biel ein totaler Misserfolg. An der Premiere waren keine fünfzig Zuschauer zugegen, und darunter erst noch viele mit Freikarten.

 

Woran mag das liegen? Woher diese Gleichgültigkeit gegenüber künstlerischer Qualität? Man könnte die Abwesenheit des Publikums noch verstehen, wenn es sich um ein unbekanntes Stück handelte, das eine Anlaufzeit braucht, bis die Mund-zu-Mund-Propaganda einsetzt. Aber das ist ja bei "Sechs Personen suchen einen Autor" nicht der Fall! Dieses "Stück, das gemacht werden soll", ist seit seiner Uraufführung im Jahr 1921 ein Dauerbrenner; es lief unzählige Male um den Globus und gilt in der Branche als erfolgssicherer "Klassiker der Moderne". Aber in Biel laufen die Uhren offensichtlich anders...

 

Da verweigert sich das Publikum den Fragen nach Leben und Wirklichkeit, die von der Bühne in den Saal hinunterwehen. Das Geheimnis der poetischen Schöpfung, wo aus dem Nichts etwas wird, das nicht nur den Autor bedrängt, sondern auch uns, die Zuschauer, dieses Geheimnis lockt die Bieler nicht aus dem Fernsehsessel.

 

Und dabei – wie haben die Dichter gelitten! "Sobald ich eine Arbeit anfange, so kommt ein Geist in diese Arbeit, und dieser Geist ist mächtiger als ich, und in jede Person kommt ein Leben, und dieses Leben fordert seine Rechte, will auswachsen und nach allen Richtungen sich geltend machen." So ist es Gotthelf gegangen.

 

Und so ist davon im Stück die Rede: "Wenn die Figuren lebendig, wirklich lebendig vor ihren Autor treten, dann hat er nichts anderes mehr zu tun, als den Worten und Bewegungen zu folgen, die sie ihm vorschlagen, und er muss sie so wollen, wie sie sich selbst wollen. Und wehe ihm, wenn er das nicht tut! Sobald eine Figur geboren ist, erlangt sie sofort eine solche Unabhängigkeit auch von ihrem eigenen Autor, dass man sie sich in sehr vielen Situationen vorstellen kann, an die der Autor nie gedacht hat, und manchmal gewinnt sie eine Bedeutung, die dem Autor nicht einmal im Traum eingefallen wäre!"

 

Die Kunstfiguren sind lebendiger als ihr Dichter. Ihre Wirklichkeit überdauert den Schöpfer. Dieser elementare Schrecken wird bei Pirandello heraufbeschworen. "Unsere Wirklichkeit wandelt sich nicht, kann sich nicht verwandeln und niemals eine andere werden, weil sie festgelegt ist – so, als diese eine, für immer! Und das ist schrecklich, Herr Direktor! Eine unveränderliche Wirklichkeit, vor der es Ihnen schaudern müsste, wenn Sie in unsere Nähe kommen!" Das ist ein Rätsel, das einen zur Verzweiflung bringen kann und auch wirklich den todkranken Flaubert zu Schrei veranlasste: "Ich liege am Sterben, und diese Hure von Bovary lebt für immer!"

 

Doch halt, bin ich jetzt nicht daran, ein Missverständnis hervorzurufen? Werden die, die der Aufführung fernblieben, jetzt nicht dem Irrtum verfallen, das Stück habe keine theatralische Substanz? Werden sie jetzt nicht meinen, "Sechs Personen suchen einen Autor" sei etwas für blutarme Theoretiker? – Höchste Zeit, von der Aufführung zu reden!

 

Denn all das Gesagte wird hier nicht in abstrakten Philosophemen erörtert, sondern abgehandelt als Theater. Und das heisst: Es ist unterhaltsam, abwechslungsreich, spannend, farbig, tragisch, kitschig – in einem Wort: genussreich.

 

Es liegt im Wesen dieses Stücks, dass alle Register des Theatralischen gezogen werden können und dass sie in ihrer Widersprüchlichkeit trotzdem zusammenpassen, weil sie von der Grundsituation aufgefangen werden. Da kommt das Geheimnisvolle zum Tragen in der Rolle des Vaters, den Georges Weiss mit solch verhaltender Intensität darzustellen weiss, dass es im Zuschauerraum jedesmal ganz still wird, wenn er spricht.

 

Da ist das Komische enthalten, so dass ein Gelächter durch die Reihen fährt, wenn Hans Heinrich Rüegg als Inspizient auftritt, wenn Gerda Zangger als Mutter ihre grossen Ausbrüche mimt, denn auch das Melodramatische ist in der Schauergeschichte der sechs Personen aufgehoben.

 

Und man wird spüren, dass es sinnvoll ist, wenn Günter Rainer seinen gestressten Theaterdirektor übertreibt – denn ist es nicht so, dass die erdachten Figuren auf der Bühne immer realer wirken als die wirklichen Menschen? Und soll uns nicht gerade dadurch der Zweifel kommen, wer denn eigentlich spielt: die Wirklichen im Leben oder die Unwirklichen in der Kunst?

 

Aber wozu das Aufzählen all der überzeugenden schauspielerischen Leistungen? Übergehen wir den Hinweis auf die grossartige Chargenrolle von Claudia Federspiel als Madame Pace und die Darstellung der "Söhne" durch Beat Albrecht und Rolf Schwab. Wozu von Einzelnem reden, wenn das Ganze stimmt? Erfreulicherweise wird nämlich die Aufführung von einer geschlossenen und durchgehenden Ensembleleistung geprägt.

 

Es liegt auf der Hand, dass sich solches nicht von selber ergibt. Zu rühmen bleibt daher Rudolf Kautek, der als Regisseur erneut unter Beweis gestellt hat, worin seine Stärke liegt: Im Gespür für die Möglichkeiten seiner Schauspieler. Jeder ist so eingesetzt, dass seine Eigenart im Ganzen aufgeht und voll zur Wirkung kommt.

 

Insgesamt ist die Inszenierung von Pirandellos Stück also das, was man eine "runde Sache" zu nennen pflegt. Man kann über einzelne Schwächen des Stückes und der Aufführung gelassen hinwegsehen, weil das Ganze trägt. Doch umso unverzeihlicher nimmt sich vor diesem Faktum der dürftige Zuschauerbesuch aus. Denn er zeugt nicht bloss von einem Mangel an Neugierde und Offenheit, sondern ist auch ein Zeichen von krasser Missachtung für eine respektable künstlerische Leistung. Die Abstinenz der Bieler ist mithin ungerecht und ungerechtfertigt zugleich.

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