Sterben. Arthur Schnitzler.

Markus Imhoof. Stattheater Bern.

Radio DRS-2, Reflexe, 11. Januar 1988.

 

 

Heit dihr ou gueti Vorsätz gfasst für ds Neue Jahr? Gället, das isch ersch zäh Tag här, u mi het se scho fasch wieder vergässe. Es isch äbe schwierig, sys Läbe z ändere. I ha mir zum Byspiel vorgno, offniger z sy u de Lüt z säge, was i meine. Aber i ha dä Vorsatz nid drei Tag lang chönne halte. Es het mir öpper i ds Radio aglüttet, won ig ar Wiehnachte ha glehrt kenne, für ne Uskunft z höische. Wär i jetz offe gsy, denn hätt i gseit: "Loset, wenn chöi mir üs gseh? I wett mit nech i ds Bett." Aber das isch natürlich nid gange, stellet nech vor, u drum han i sachlich die Uskunft gä, wo me vo mir wölle het, u nächhär han i Adiö gseit und ufghänkt. So isch das gsy mit myre Offeheit. Drei Tag lang han i mir se chönne vornäh, u halte ke Stund. Das, wo ds Richtige wär für ds Härz, das passt äbe nid i d Wirklichkeit. "Wenn man immerfort das Richtige täte, oder vielmehr, wenn man nur einmal in der Früh, so ohne sich's weiter zu überlegen, anfing, das Richtige zu tun und so in einem fort den ganzen Tag lang das Richtige, so sässe man sicher noch vorm Nachtmahl im Kriminal." Das het der Arthur Schnitzler gschriebe, und um dä Zwiespalt zwüsche Wunsch u Wirklichkeit, um dä Zwiespalt zwischem Richtige und em Mügliche, genau um dä Zwiespalt geit's i de drei Einakter, wo der Markus Imhoof für ds Stadttheater Bern usegläse und inszeniert het.

 

I jedem vo de drü Stück chunnt e neui Lebensmöglichkeit uf d Lüt zue, geit plötzlich e Türen uf, sie chönnte überega in es Läbe, wo stimmt, wo Wunsch und Würklichkeit zämefalle, wo jede nach syre Wahrheit chönnt läbe – die Tür blybt e Moment lang offe, d Lüt stöh dervor – – u chehre sich wieder um. Es het keine der Muet, überezga, e Skandal uf sich z näh, mit der bürgerliche Existenz z bräche.

 

Bi allem Lyde ar Wirklichkeit blybe sie äbe Bünzli, grad so wien i, u grad so, wie der Schnitzler eine gsy isch. "Man muss sich damit abfinden", het der Freud gschriebe, "man muss sich damit abfinden, dass es das unentrinnbare Los des Kulturmenschen ist, zu verzichten und zu leiden." U so gseh mir de die Kulturmönsche i de drei Einakter verzichte; verzichte uf ihri Träum. U mir gseh se lide, lide ar Wirklichkeit.

 

Die melancholischi Dalektik zwüsche Verzicht u Lide, zwüsche Wunsch und Wirklichkeit bringt der Markus Imhoof im Stadttheater Bern so gschyd und überzügend in ds Spiel, dass me als Zueschauer nid cha drusschlüüfe. Ir Mansade und im Foyer nämlich het er Bühnebilder ufbaut, wo so realistisch und exakt sy, dass eim d Wirklichkeit vom Ambiente fasch erstickt. D Ysebett vom Allgemeinen Krankenhaus, der Stuehl mit der Emailschüssel, die bandagierte Kranke, die füechte Lyntüecher sy so ächt, dass me vergisst, dass me nume im Theater isch. Wenn sich öpper e Zigarre azündet, de schmöckt me der Rauch, u wenn är sich Champagner ygschänkt, de ghört me d Blööterli, so nach isch me dranne, dass me derzueghört, dass me dryghört i die kompakti, erdückendi Wirklichkeit vom Jahr 1900. Und will mer drinne sy, verstöh mir ou jede Wunsch, wo d Lüt unterdrücke u wo se fasch versprängt. Mir ghöre die gheime Wünsch use us der Substruktur vo de Dialoge, u mir chöi se abläse ab de Gäng, wo der Markus Imhoof d Füess vo syne Schauspieler laht la mache.

 

Natürlich, es isch nüt Grossartigs, wo die Lüt wei. Sie wette eifach drus mit öpper anderem, oder sie wette endlich ihrem Find chönne d Wahrheit säge. Aber grad, will die Lüt nüt Grossartigs a sich hei, glyche sie üs. Klar, die Inszenierig mit ihrem erstickende Realismus und ihrer ustüftlete Nuancenkultur isch e Luxusproduktion, wo sich kes Chlytheater cha leiste. Der technisch Ufwand isch enorm, aber es chöi nume 66 Lüt uf einisch zueluege. Derfür sy de die 66 Lüt so nach a de Schauspieler u so nach am Bühneruum, dass der Imhoof alli Vorteile, wo schüsch nume der Film het, ou für ds Theater cha awände. Wenn zwe Schauspieler uf üs zuechöme u vorne ar Spielflächi halblut mitenand rede, de het das Gspräch d Intimität von ere Nachufnahm. U wenn die rychi Frau mit der Stola hintere geit i Saal u dert ganz verlore vor sich häreredt, de isch plötzlich ds Mittel vor Totale für ds Theater fruchtbar gmacht.

 

U so finde mir i dere Produktion vom Markus Imhoof drei Äbenine überenand gleit. Zersch d Äbeni vor Wirklichkeit, vom herte Filmrealismus; drüber d Äbeni vo de gheime Wünsch, u nomal drüber d Äbeni vor Kunst, wo dür ds Arrangement vo de Gäng, vo de Pause, vom Liecht u vo de Körperstellige dene schynbar zuefällige Dialoge Gstalt git, so dass me gspürt: Die Welt vo 1900, wo d Mönsche unter em Zwiespalt vo Wunsch u Wirklichkeit glitte hei, die Wält vo 1900 isch no lang nid verby, a däm Zwiespalt lyde mir no gäng.

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