Lukas Resetarits, Barbara Thalheim, Hanns Dieter Hüsch. Treffpunkt Studio Bern.

Der Bund, 29. September 1980.

 

 

Von übertroffenen und von unerfüllten Erwartungen

 

Es ist Hanns Dieter Hüsch, diesem blitzgescheiten Kopf, schon zuzutrauen, dass hinter seinem Auftrittslied Absicht steckte. Oder wozu nimmt einer die Erwartungen der Zuschauer hoch, die vom Kabarettisten verlangen, dass sein Programm einen "Biss" habe, dass er dem Publikum "einen Spiegel vorhalte", dass jeder gleich von Anfang an merke, dass es kein Kneifen gebe?

 

Wozu sollte man solche Erwartungen hochnehmen, wenn nicht nachher ein Kabarettist aufträte, der eben keinen "Biss" hat, der dem Publikum gerade keinen "Spiegel vorhält", der dem Zuschauer (zumindest dem schweizerischen) das Unbeteiligtsein erlaubt?

 

Lukas Resetarits aus Wien, den Hanns Dieter Hüsch mit seinem Auftrittslied aus der Schusslinie zu nehmen suchte, ist ein solcher Kabarettist, der darauf verzichtet, klug zu sein wie die Schlangen. Er zeigt ein Programm, dessen Wert und Wesen mit dem Wort "artig" voll erschöpft ist. Oder man könnte auch sagen: "Ei potz!"

 

Vielleicht ist das aber der Weg, der Lukas Resetarits aufgegeben ist? Mitleid statt Gelächter? Empfindung statt Intellekt? Treuherzigkeit statt Souveränität? Wer weiss. – Resetarits hätte, so scheint mir, noch mehr und ganz anderes zeigen müssen, um glaubhaft zu machen, dass sich mit ihm eine Tür in wesentliche Bereiche des Kabaretts auftut.

 

Wenn wir schon bei den Erwartungen sind – was erwarten Sie, wenn sie lesen: "Im zweiten Teil begrüsst Hanns Dieter Hüsch die Liedermacherin Barbara Thalheim und ihr Streichquartett aus Berlin (DDR)"? Haben Sie eine bestimmte Vorstellung? Hören Sie schon die herbe Süsse von Streicherakkorden, das kristallene Klingen der Gitarre und all das Ungesagte, das in einer Frauenstimme mitschwingen kann? Sind Sie unmittelbar von der Genialität dieser Kombination überzeugt? Fangen Sie schon an, sich vorzustellen, wie alles Gesungene von einem unendlich weiten Raum aufgenommen und mitgetragen wird und wie dieser Resonanzraum kaum Sagbares an Schwingungen und Gefühlen aus seiner Tiefe herbeibringt? Wenn Sie solches zu assoziieren beginnen, haben Sie Erwartungen...

 

Doch nun ist zu berichten, dass man solche Erwartungen haben kann und dass sie Barbara Thalheim mit ihrem Streichquartett erfüllt, ja übertrifft. Das Streichquartett durch seine Frische, seinen Humor, seine Könnerschaft, Barbara Thalheim durch die Offenheit ihres Auftretens und die Menschlichkeit ihres Engagements.

 

Das schreibt sich leicht, gewiss. Aber was ist sonst zu sagen, wenn die Feder nicht mehr mithält? Eines nur noch: Hingehen, anhören!

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]