Die Kluge / Carmina Burana. Carl Orff.

Oper / Kantate.

Jaroslav Gillar, Dieter Ammann. Stadttheater Luzern.

Radio DRS-2, Reflexe, 10. Mai 1984.

 

 

1937, uf em Gipfel vo sym Ufstieg, het der Hitler "das Haus der deutschen Kunst" z München ygweiht. Bi dere Glägeheit het er verkündet: "Es ist meine feste Absicht, mit den Phrasen im deutschen Kunstleben aufzuräumen. 'Kunstwerke', die an sich nicht verstanden werden können, sondern als Daseinsberechtigung erst eine schwulstige Gebrauchsanweisung benötigen, um endlich jenen Verschüchterten zu finden, der einen so dummen oder frechen Unsinn geduldig aufnimmt, werden von jetzt ab den Weg zum deutschen Volk nicht mehr finden."

 

1937, im glyche Jahr, wo der Hitler uf sym Zenith die nöii Kunstuffassig verkündet het, sy am Carl Orff syner "Carmina Burana" usecho. D Kantate faht a mit eme Lied uf d Fortuna, wo sich dräit wie nes Rad, wo ds Untersten ufechehrt u ds Obersten aberysst. Mir hei's also mit eme Werk z tüe, wo vo sym innerste Wäse här quer zur Gegenwart u quer zum Regime steyt. Der latinisch Text isch nid unmittelbar verständlich. Der Durchschnittshörer isch uf ene Übersetzig agwiese. 1937, wo der Hitler Gebruchsawysige verbotte het, isch das e politischen Akt. Politisch isch ou der Inhalt. Die, wo humanistisch bildet sy u Latin verstöh – die vernähme am Ändi vom erste Lied: "Der König sitzt im Zenith – er hüte sich vor dem Fall!" – "rex sedet in vertice – caveat ruinam!" 1937, chuum het ds tuusigjährige Rych richtig agfange, wird also im Lied verkündet: Es dräit sich alls. Wär jetze doben isch u regiert, dä gheit einisch abe...

 

Am Carl Orff syni Kritik wird no dütlicher im Märli-Spiel "Die Kluge. Die Geschichte vom König und der klugen Frau." Das Wärk isch 1943 usecho, wo ds Regime alli Opposition i de Konzentrationslager versänkt u vergaset het. U da, wo niemer meh darf d Wahrheit säge, wird sie plötzlich uf der Bühni gsunge: "Wie leicht lässt Recht in Unrecht sich verdrehn! Weh, weh! 's gibt keinen Menschen auf der Welt, der zu dem Ausgeraubten hält. Der Dieb zieht lachend dort von hinnen und spottet noch ob meinem Schaden. Wo, wo, wo gibt es noch ein Recht, wo noch Gerechtigkeit? Der König sei vermaledeit, vermaledeit, vermaledeit!" Die Warheit wird i der "Klugen" dasmal uf dütsch vortreit.

 

Die beide Wärk, "Die Kluge" u d "Carmina Burana" het ds Stadttheater Luzern jetz i eim Abe usebracht. Die ganzi Uffüehrig duret 3½ Stund. Das sich villicht es bitzeli z viel. I ha mi jedefalls nach der Pause nümm voll uf ds Latinische vo de "Carmina Burana" chönne konzentriere. Und i ha bim Ballett, wo derzue ufgfüehrt worden isch, nümm jede Schritt chönne verfolge. I ha no just grad gmerkt, dass der Choreograph Dieter Ammann e kurligi Uffassig vom Ganze het. Zum Liebeslied "Komm, süsser rosenfarbener Mund" bringt är e klassische Pas-de-deux, und i ha mi gfragt, was d Tanzkunst vom 19. Jahrhundert mit der mittelalterliche Vorlag u der archaisierende Musik für ne Beziehig heig. Aber villicht isch das z wyg gsuecht, u der Choreograph het sich nüt derby dänkt. Latinisch jedefalls schynt er nid z verstah. Bim Trinklied "bibit hera, bibit herus / bibit miles, bibit clerus", da gseh mir d Tänzer nid am Sufe. Sondern sie trybe's mit ere Huere, eine nach em andere tuet se bestyge, ganz unbekümmeret um das, wo der Chor singt. Sex, so schynt ds Ballett uszdrücke, Sex isch schöner als Alkohol. Make love, not drinks...

 

Glychermasse am Text verby wird ou ds Würfellied inszeniert. Gsunge wird, wie einen alles verspielt het, sogar d Kleider. "Und ausgezogen, also ausgezogen, wird er ein Geschrei erheben: Wafna! Wafna! Was hast du getan, Pech, schändlichstes?" Zu däm Text gseh mir wieder e Kopulation – fraget mi nid wärum – u wo der Chor ufbrüelet "Wafna! Wafna!", da erfolge im Rhythmus die erotische Beckestöss, wo z Zürich im Kino verbotte sy. Z Luzern aber macht ds Theater no öppis für ds Oug...

 

Glücklicherwys isch vo der "Klugen" Bessers z brichte. Der Jaroslav Gillar, wo sälber ou komponiert, het en Inszenierig z stand bracht, wo de musikalische Gedanke vollkomme Rächnig treit. Schad isch nume bi deren Uffüehrig, dass der Darsteller vom König, also ne Hauptfigur, darstellerisch u gsanglich überforderet isch. Derzue chunnt, dass es der Sängere vo der Klugen a Usstrahlig u mönschlicher Wärmi fählt. Derfür sy die drei Strolche ganz einfach perfekt. Zersch träte sie uf i de komische Maske vom antike Theater, später trage sie ds Kostüm vom Variété-Clown. Ganz subtil spielt der Gillar dadermit a Vladimir und Estragon us em Becket sym "Warten auf Godot" a. D Kostüm zeige: D Welt het sich nid veränderet. D Wahrheit vom Märli isch hüt glych wie gester, unbekümmeret um Zyt u Mode.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]