Boulevard Solitude. Hans Werner Henze.

Antoine Bourseiller, Pier Luigi Pizzi, Marc Bohan. Opéra de Lausanne.

Radio DRS-2, Reflexe, 19. November 1987.

 

 

(Musik)

 

Das isch nume eine vo de Schlagertitle. Es git de z Dotzete.

 

(Wort)

 

Was da i de Zettelkäste vo üsere Phonothek katalogisiert isch, isch es Gfüehl, wo kes Jahrhundert so intensiv u so mängisch besunge het wie ds zwänzigste. Verliebtheit het äbe ou nid i allne Epoche glych viel gulte wie zu üsne Zyte. Der antik Mönsch zum Byspiel het d Verliebtheit als Verhängnis agluegt. Als Fluech vo de Götter. Verliebti Lüt, het me denn gseit, syge krank. – 2000 Jahr später het der Freud die antiki Uffassig wieder ufgno und erklärt, Verliebtheit syg e Form vor Neurose. Verliebtheit: Krankheit oder Fluech, uf all Fäll öppis, wo stärker isch als ig.

 

Vo däm Fluech vor Verliebtheit verzellt sit 1731 e Roman vom Abbé Prévost: "Histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut". Me vernimmt, wie ne junge Ma unglücklich verliebt isch in e schöni jungi Frau. Si ma ne zwar no guet, isch aber nid i glychem Mass uf ihn fixiert wie är uf sie, u wo du finanziell interessanti Agebot a sie häretreit wärde, laht sie ihre Schatz im Stich. Und är, är geit de äbe z Grund a syre Verliebtheit. Das isch d Gschicht vor Manon, wo d Komponiste immer wieder azoge het, sit se der Abbé Prévost ufgschriebe het.

 

Michael-William Bafle: Manon Lescaut or the Maid of Artois, 1836

Giuseppe Verdi: La Traviata, 1853

Daniel François Auber: Manon Lescaut, 1856

Jules Massenet: Manon, 1884

Kleinmichel: Manon Lescaut oder Schloss de Lorme, 1887

Giacomo Puccini: Manon Lescaut, 1893

Hans Werner Henze: Boulevard Solitude, 1952

 

Siebe Manon-Opere, vier dervo no hüt regelmässig uf em Spielplan. Ds Faszinierende a dere Gschicht liegt allwäg dadrin, dass sie zum Usdruck bringt, wie fremd und unverständlich am Ma d Frau vorchunnt. Är cha no so viel Verliebtheit ufbringe und no so starki Verschmelzigstendenzen zeige, är überchunnt sie nid i Griff. Es isch en alti Gschicht.

 

"Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu;

Und wem sie just passieret,

Dem bricht das Herz entwei."

 

Die alti Gschicht vor Manon het jetz z Lausanne en ussergwöhnlich intensivi Wiederbeläbig erfahren. Das liegt scho dranne, dass sie i der Fassig vom Hans Werner Henze ganz nach a üsi Zyt härechunnt. Us der Postkutsche wird en Ysebahn, us der Spiellydeschaft ds Drögele, us em Kloster en Universitätsbibiothek, us der Taverne e Studentenkeller. – Nach a üs häre chunnt aber ou d Tonsprach vom Henze. Jazzelement umschmychle ds Ohr, dernäbe git's für 1952 die aktuelli Sprach vor serielle Musik, d Studenten bruche se u ds Liebespaar, dernäbe hei mer d Welt vor etablierte, ryche Bourgeoisie, sie blybt im veraltete tonale Berych.

 

U d Lüt sy agleit, wie me sie hüt no cha gseh. Der Marc Bohan, är macht schüsch d Haute Couture bim Dior, der Marc Bohan het d Darsteller agleit und derby stark uf d Farbe gachtet. D Manon isch zersch blau, zrügghaltend, keusch, nächhär gelb ("jaune soleil"), rot, de bim Mord schwarz mit guldige Bord, und am Schluss schwarz-grau ("gris-anthracite").

 

Im ene raffiniert-ästhetische Dekor vom Pier Luigi Pizzi, wo d Schauplätz nume adütet, rollt jetz die Verliebtheitstragödie ab. Es isch nüt da, wo ablänkt. Me cha sich ganz uf d Musik konzentriere und uf d Figure. Und es lohnt sich ou, genau härezluege; will der Regisseur Antoine Bourseiller offensichtlich intensiv mit de Sänger gschaffet het. So exakt wie im Film sy d Bewegige, sie würke realistisch u verzelle glych die ganzi Gschicht u das, wo d Lüt derby erläbe.

 

Vor Manon chunnt d Unfassbarkeit use, wie sie mitmacht bi däm, wo d Manne von ere verlange, u wie sie das, wo sie dänkt, glych für sich bhaltet. Der Armand macht en Entwicklig düre, vom harmlose, banale Student zum Verliebte, wo ufläbt und ufblüeit, bis er ynerütscht i d Melancholie, u de steit er de da, ratlos, u d Furche grabe sich tief i sys Gsicht y.

 

I dere präzise Zeichnig vo de Figure het mi d Uffüehrig packt. Dass sie dernäbe viel z gschläcket isch, laht sich bi däm Bühnebildner (äbe am Pizzi) und däm Kostümier (äbe am Bohan) nid vermyde, und es entspricht wahrschynlich ou ehnder am "goût latin", wo ou ir Verliebtheitstragödie no d Eleganz suecht und "la chose bien faite". Germanischi Gmüeter hätt die Uffüehrig allwäg irritiert – aber es isch ja ou e Produktion für Lausanne gsy, also e Produktion für ne junge Operebetrieb, wo's ersch sit drüne Jahr git und wo mit eme Minimum a Geld und a Infrastruktur muess uscho. Dass das Theater de glych jedes Jahr unter syne paar Produktione öppis us em 20. Jahrhundert wagt z bringe, u's de no so bringt, dass ds Waadtländer Publikum, wo ja ou nid grad ds fortschrittlichste isch, zu Begeisterigsstürm higrisse wird, das git eim scho z dänke, und irgendwie het me ds Gfüehl, dass die Theaterlüt dert unte scho viel meh Gspüri hei als mir, und dass me villicht no öppis chönnt ga lehre bi de wälsche Compatriotes.

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