Streichen, nebeln, stehen. © Joel Schweizer.

 
 
 

 

Dann mach doch Limonade, bitch. Kim de l'Horizon.
Schauspiel.

Olivier Keller, Dominik Steinmann, Jojo Kunz. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. Oktober 2026.

 

> Am Tag der Premiere stand der Autor auf der Titelseite des "Blick". Aber nicht mit seinem Stück, sondern mit einem "fait divers": "Literaturstar Kim de l'Horizon (34) wurde wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst zu einer bedingten Geldstrafe von 12'000 Franken verurteilt. Darum gehts: Mit leinölhaltigem Mittel getränkte Lappen im Stoffbeutel neben der Heizung entzündeten sich selbst. Rund 110'000 Franken Schaden an Gebäude und Mobiliar." – Mit diesem Ereignis verglichen ist "Dann mach doch Limonade, bitch" eine Lappalie; und eigentlich nicht der Rede wert. Aber KI will's wissen: "Falls Sie das Stück gesehen haben, würde mich interessieren, wie die Inszenierung von Olivier Keller gewirkt hat. Der Text klingt nach einer sehr typischen Mischung aus Sprachlust, Queerness, Fantastik und Wettbewerbssatire, wie man sie bei Kim de l'Horizon erwarten könnte." Also bleiben wir dran, lieber Copilot, und kneifen wir nicht. Die Antwort findest du unter www.stimme-der-kritik.org. <

 

Zwei Gründe sind schuld, dass die Aufführung so unbeträchtlich ausfällt: Erstens zu grosse Nähe, und zweitens zu wenig Geld. Regisseur Olivier Keller und Dramaturg Patric Bachmann, die beiden Co-Direktoren der Schauspielsparte von Theater Orchester Biel Solothurn TOBS!, waren vor sechs Jahren an der Entstehung von "Dann mach doch Limonade, bitch" beteiligt. Kim de l'Horizons Theatertext entstand im Rahmen einer sogenannten Stückentwicklung:

 

Der DRAMENPROZESSOR ist ein einjähriges Förder- und Ausbildungsprogramm für szenisches Schreiben und richtet sich an Autor*innen mit Arbeitsmittelpunkt und Wohnsitz in der Schweiz, die am Anfang einer möglichen professionellen Laufbahn stehen. Im Verlauf eines Jahres erarbeiten vier Teilnehmende einen fertigen Theatertext und werden dabei intensiv von professionellen Theaterschaffenden aus den Bereichen szenisches Schreiben, Regie und Dramaturgie mit Workshops und Mentoraten begleitet.

 

Die beiden Coaches Keller und Bachmann brachten das Stück diesen März als Koproduktion mit dem TD Berlin (Theaterdiscounter Berlin), dem Theater an der Winkelwiese Zürich und schliesslich, gestern, mit TOBS! auf die Bühne – zwei Jahre nach der Uraufführung im Schlachthaus Theater Bern. Die Verflechtung von Regisseur und Dramaturg mit dem Stoff kommt jedoch der Aufführung nicht zugut. Den Grund hat Egon Friedell beschrieben:

 

Allen Dingen, die berufsmässig betrieben werden, haftet etwas im üblen Sinne Dilettantisches an: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel. Der Fachmann steht immer zu sehr in seinem Berufskreise, er ist daher fast nie in der Lage, eine wirkliche Revolution hervorzurufen: er kennt die Tradition zu genau und hat daher, ob er will oder nicht, zu viel Respekt vor ihr. Auch weiss er zu viel Einzelheiten, um die Dinge noch einfach genug sehen zu können, und gerade damit fehlt ihm die erste Bedingung fruchtbaren Denkens.

 

Demzufolge wird jetzt bei TOBS! wegen allzu grosser Nähe des Regieteams zur Vorlage der Theatertext lediglich brav dargebracht, aber nicht gestaltet. Das Manko erklärt sich aus dem Mangel an Geld. Das Haus ist zu arm, um die Position Körperarbeit/Choreographie besetzen zu können. Für die Aufführung ist das fatal. Die Inszenierung bleibt beschränkt auf einfallslose Bewegungsmuster und langweiliges Herumstehen. Über die szenische Kargheit helfen weder die Bassgeige von Jojo Kunz (wie jede musikalische Schauspielbegleitung in Biel/Solothurn hinten links aufgestellt) noch die fleissige Nebelproduktion des Bühnenbildners Dominik Steinmann hinweg.

 

Das nicht eben zahlreiche Publikum in Solothurn (zu einem Viertel durchmischt mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, die sich langweilen) nimmt die Premiere wohlwollend, wenn auch nicht ausgesprochen enthusiastisch auf. "Dann mach doch Limonade, bitch" ist gezeichnet vom "Fluch der Renaissance". Egon Friedell versteht darunter ...

 

... den Charakter des Intellektuellen, Artifiziellen, Gewollten, Gemachten, Gestellten. Kunst wird eine Sache der Kenner, Weisheit eine Sache der Gelehrten, Sitte eine Sache der guten Gesellschaft. Der Maler, der Bildhauer, der Poet schafft nicht mehr für die ganze Menschheit als Seher und Verkünder grosser, heiliger und beseligender Wahrheiten, sondern für einen kleinen Kreis, der die "Voraussetzungen" hat, die "Feinheiten" zu würdigen versteht, die "Nebenvorstellungen" zu vollziehen vermag.

 

Demgemäss denken sich jetzt die Leute aus Solothurn, Biel und Bümpliz: Die Aufführung ist sicher gescheit. Nur bin ich zu dumm dafür.

 

Charles-Ferdinand Ramuz hat sich über das Phänomen in seinen "Erinnerungen an Igor Strawinsky" Gedanken gemacht:

 

Ich darf hier nicht versäumen, ein Wort zu Strawinskys Partituren zu sagen, die grossartig sind. Strawinsky ist vor allem (in jeder Hinsicht und im wahrsten Sinne des Wortes) ein Kalligraph. Ich habe meinerseits lange gebraucht, um zu erkennen – und dafür entschuldige ich mich –, was die Kalligraphie an sich an Wesentlichem beinhaltet. Das ist nicht ganz meine Schuld. Ich bin, wie alle Schüler meiner Generation, dazu erzogen worden, schlechte Handschriften zu respektieren. In meinem Umfeld galt es als selbstverständlich, dass jeder intelligente Mensch schlecht schreibt (im wörtlichen Sinne, aber es ist unmöglich, dies von den anderen Bedeutungen zu trennen). Eine gewisse Nachlässigkeit in dieser Hinsicht galt als elegant, sogar bei unseren Lehrern, die uns nur aus Gewissensgründen oder zu ihrem eigenen Vorteil empfahlen, ordentlich zu schreiben, ohne wirklich daran zu glauben, und dabei selbst mit einer gewissen Eitelkeit ziemlich schlecht schrieben. Ich sah zum Beispiel immer wieder, dass die ärztlichen Verordnungen unleserlich waren, und je unleserlicher sie waren, desto mehr bewunderte ich sie. Im Grossen und Ganzen waren es nur die Leute "wie alle andern", die ihre Buchstaben wie alle anderen schrieben; ich hingegen bemühte mich, sie anders zu machen als alle andern, und das gilt, glaube ich, auch heute noch für viele kleine Jungen. Ich hätte mir gewünscht, man hätte ihnen Strawinskys Manuskripte oder auch den Schreibtisch zeigen können, an dem die Noten geduldig ausgearbeitet worden waren, um ihnen eine realistischere Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Sie hätten daran erkennen können, dass Ordnung nicht unbedingt langweilig ist. Wahre Ordnung ist nicht langweilig, denn sie steht nicht im Widerspruch zum Leben, sondern im Gegenteil: Sie beflügelt und verstärkt es. Strawinskys Schreibtisch gleicht dem Instrumententisch eines Chirurgen; doch die Ordnung, die der Chirurg dort schafft, ist eine zusätzliche Chance, die er sich in seinem Kampf gegen den Tod gibt. Auch der Künstler (auf seine eigene Weise) kämpft gegen den Tod. Ordnung an sich reicht nicht aus, sie muss auch Erleuchtung bringen. Bei Strawinsky herrschte eine Ordnung, die Erleuchtung brachte, weil sie selbst nur das Spiegelbild einer inneren Klarheit war.

 

Im Gegensatz zu diesen Ausführungen folgte Kim de l'Horizon bei seinem ersten Stück vor sechs Jahren noch dem ironisch gemeinten Rat des grossherzoglich-weimarischen Hoftheaterintendanten:

 

Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!

Solch ein Ragout, es muss Euch glücken;

Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.

Was hilft's, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht?

Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.

 

Diesem Faktum entsprechend wachen jetzt an der Solothurner Premiere die Zuschauer von Zeit zu Zeit aus dem Standby-Modus auf und picken sich, je nach ihren Vorlieben, die "Feinheiten" heraus, von denen sie sich angesprochen fühlen, um sich am Ende mitsamt den vielen Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren zu wohlwollendem, wenn auch nicht ausgesprochen enthusiastischem Applaus zu vereinigen.

Solch ein Ragout. 

Es muss Euch glücken. 

Leicht ist es ausgedacht.