Was passiert, wenn es so weitergeht? © Florian Spring.

 
 

 

Ewige Sonne. Charles-Ferdinand Ramuz.
Schauspielfassung zweier Romane durch Felicitas Zürcher und Tilmann Köhler.
Tilmann Köhler, Karoly Risz, Matthias Krieg, Gal Feffermann. Bühnen Bern.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 25. Oktober 2026.

 

> Der Abend bringt zwei erzählende Texte (bezeichnet als Romane) von Charles-Ferdinand Ramuz. In beiden bildet ein Kollektiv die Hauptperson, das berühmte Ramuzsche "on". Im ersten Text erfährt das "man" den Untergang, im zweiten die Auferstehung. Die Vernichtung der Welt ist beklemmend. Das ewige Leben danach eher langweilig (wie die Skeptiker aller Zeiten stets behaupteten). Getragen wird der Abend von einer bemerkenswert geschlossenen Truppe. Träte sie in Wien auf, könnte sie damit rechnen, für den österreichischen Theater-Oscar namens Nestroy vorgeschlagen zu werden, und zwar in der Kategorie "beste Ensemble-Leistung". <

 

Im Pfarrhaus der Familie Vodoz wuchs Doris als drittes von sechs Kindern auf. Der Vater hielt Bücher (also nicht bloss das Buch der Bücher) in hohen Ehren, und vor dem Einschlafen vernahmen die Kinder das Wort; das Wort des Vaters und, durch ihn, das Wort der Dichter. An den ergreifenden Stellen wurde der sonst so sichere und mächtige Mann mitergriffen. Doris merkte es an seiner Stimme. Durch die geteilte, wenn auch unausgespro­chene, Emotion verstärkte sich die Verbindung zwischen Vater und Kind. 

 

Gleichwohl hätte es aus Doris nicht zwangsläufig eine Literaturpro­fessorin zu geben brauchen. Ausschlaggebend für die Wahl des Studiums war vielmehr, dass der Weg zur Ärztin zu lang dauerte und damit zu teuer war. Es gab ja noch fünf Geschwister, denen eine Ausbildung zustand. So empfahl sich das Studium der Literatur, weil es nur vier Jahre beanspruchte; und während dieser Zeit konnte sich Doris sogar mit Stellvertretungen selber durch­bringen.  

 

An der Uni Lausanne fiel sie ihrem Professor auf. Gilbert Guisan führte das Centre de recherches sur les lettres romandes und leitete die verheiratete Doris Jakubec auf ihr wissenschaftliches Gebiet. Da vernahm sie Stimmen, die eigenständige Beiträge zur Entwicklung der französischen Literatur leisteten, allen voran Charles-Ferdinand Ramuz. Doch ausgerechnet diesem Grössten blieb die Aufnahme in die Pléiade verwehrt. Um in den Dichterhimmel des französischen Sprachraums zu kommen, fehlte ihm ein entscheidendes Kriterium: "Der Name muss sich gut verkaufen."  

 

Doris Jakubec gelang es, beim Verlagsdirektor einen Sinneswandel herbeizuführen, und zwar mit dem Qualitätsargument: Durch Poetisierung habe Ramuz den Roman von Realismus und Naturalismus weg in neue Dimensionen geführt, erklärte sie. Seine Geschichten würden von mehreren Instanzen erzählt, von "on", "nous", "je" und "tu", und auf diese Weise fliesse erstmals der Klang der Mündlichkeit in die französische Literatur ein.  

 

Am 13. Oktober 2005 brachte Gallimard unter der Leitung von Doris Jakubec in der Pléiade alle 22 Romane von Charles-Ferdinand Ramuz heraus: 3696 Seiten in zwei Bänden. Der Verlag schlägt sich an die Brust: "Ramuz – welch ein Fall. Dass ein Autor dieses Ranges derart verkannt sein könne, übersteigt das Verständnisvermögen." (Ramuz – voilà un cas. Qu'un écrivain de cette dimension puisse être aussi méconnu, cela dépasse l'entendement.)

 

Heute nun kommt Ramuz nach Bern. Leider nur als Schauspiel – wo doch seine Leistung im Erzählen liegt. Durchs Schildern entfaltet er seinen wuchtigen, eigenwilligen Stil. Kennzeichnen ist die häufige Wiederholung von Satzteilen und ganzen Sätzen sowie die markige, volkstümliche Sprache, die zur Ausdrucksweise der Bauern gehört und vom Dialog auf den Bericht übergreift. Unter Verzicht auf psychologische Feinheiten erfasst Ramuz seine Gestalten allein aus ihrem Erlebnis der Natur. Zeitweise identifiziert sich der Erzähler mit ihnen, indem er entscheidende Vorgänge durch "wir" und "man" wiedergibt. Die Verflechtung von "langue-image" und "langue-geste" veranschaulicht die seelischen Vorgänge durch sinnfällige Bilder und Gebärden.

 

Das alles kommt nun bei den Bühnen Bern zur Anschauung. Aber fragmentarisch und gebrochen. Für den Theaterabend haben Dramaturgin Felicitas Zürcher und Regisseur Tilmann Köhler unter dem Titel "Ewige Sonne" zwei Werke des eigenständigen, grossen Romanciers fürs Schauspiel umgearbeitet. Für den ersten Teil diente "Présence de la mort" (Gegenwart des Todes, 1922) als Vorlage, und für den zweiten Teil "Joie dans le ciel" (Freude im Himmel, 1925). In der Übersetzung von Steven Wyss erschienen die Romane 2023 und 2025 im Zürcher Limmat Verlag unter den Titeln "Sturz in die Sonne" und "Dorf im Himmel".

 

Ramuz schrieb die "Gegenwart des Todes" (Présence de la mort) unter dem Eindruck des Hitzesommers 1921. Damals wurde der Alarmwert von 30 Grad überschritten. Die Frage: "Was passiert, wenn es so weitergeht?" führte zur Schilderung, wie eine unaufhaltsam anrückende Klimaerwärmung Mensch, Tier, Pflanze und Welt verändert. Im Gemälde, entworfen vor hundert Jahren, erkennt sich jetzt unsere Gegenwart wieder: Zuerst wegblicken, abstreiten, ungerührt weitermachen, dann Rückzug in den Egoismus, Flucht an einen kühleren Ort, Besinnung auf Gebet und Sühneopfer und schliesslich Überlebenskampf. Doch bei diesem "Sturz in die Sonne" kann niemand mehr mit dem "Survival of the fittest" rechnen.

 

So konsequent sich die abwärtsführende Linie im ersten Teil des Theaterabends gestaltet, so zufällig wirkt die Schilderung der Personen und Geschichten beim "Dorf im Himmel". Dem Gemälde, wie es dem und jenem geht, mangelt es, dramaturgisch betrachtet, an Strenge. Den Leuten geht es nach der Auferstehung wie den Gästen bei Bertolt Brechts und Kurt Weills Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Von jedem Zwang befreit, geniessen sie im "Hotel zum reichen Manne" das reine Dasein:

 

Man raucht.

Man schläft.

Man schwimmt.

Man schaut das Wasser an.

Man vergisst.

Wunderbar ist das Heraufkommen des Abends

Und schön sind die Gespräche der Männer unter sich!

Schön ist die Ruhe und der Frieden

Und beglückend ist die Eintracht.

Herrlich ist das einfache Leben

Und ohnegleichen ist die Grösse der Natur.

Aber etwas fehlt.

 

Dem Zerbröseln im Jenseits setzt die Inszenierung optisch, klanglich und räumlich bewegte Formen entgegen (Bühne: Karoly Risz, Musik: Matthias Krieg, Choreographie Gal Feffermann). Auf einer Arenabühne realisiert die sprecherisch untadelige, spielwillige Truppe das Konzept so zuverlässig, homogen und engagiert, dass sie in Wien damit rechnen könnte, für den österreichischen Theater-Oscar namens Nestroy vorgeschlagen zu werden, und zwar in der Kategorie "beste Ensemble-Leistung".

Verdrängen.

Abwehren. 

Verenden.