Schauspiel in Wien und St. Pölten
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.
Komödie der Verführung. Arthur Schnitzler.
Schauspiel.
Ildikó Gáspár. Theater in der Josefstadt, Wien.
> Das Stück heisst zwar: "Komödie der Verführung". Aber einen Monat nach der Premiere zeigen die Lücken, dass die Mehrheit sich nicht hat verführen lassen, den Kurs der neuen Direktorin Marie Rötzer zu billigen. Von den wenigen, die zur Vorstellung gekommen sind, kehrt ein Drittel nach der Pause nicht zurück. Das Josefstädter Publikum wehrt sich offensichtlich dagegen, "Neues für die Sinne" zu bekommen. Das Versprechen stimmt ja auch gar nicht. <
Zwanzig Jahre lang setzte Herbert Föttinger als Direktor des Theaters in der Josefstadt mit Erfolg einen Kurs fort, der anderswo nicht mehr im Kurs steht. In Opposition zu Mode und Trend betrieb er hochwertiges Erzähl- und Schauspielertheater. Vor acht Jahren schrieb "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt":
Damit ist die Situation dieser Bühne im deutschen Sprachraum so einzigartig geworden, dass man sie unter Artenschutz stellen müsste wie die in der Schweiz fast ausgestorbene Lerche.
"Keine Angeberei" war das Alleinstellungsmerkmal des Hauses, das "seine Vollendung" erreicht hatte. Wie man dazu kommt, erklärte Balthasar Gracián (einer der bedeutendsten philosophischen Schriftsteller der klassischen spanischen Literatur):
Seine Vollendung erreichen. Man wird nicht fertig geboren: mit jedem Tage vollkommnet man sich in seiner Person und seinem Beruf, bis man den Punkt seiner Vollendung erreicht, wo alle Fähigkeiten vollständig, alle vorzüglichen Eigenschaften entwickelt sind. Dies gibt sich daran zu erkennen, dass der Geschmack erhaben, das Denken geläutert, das Urteil reif und der Wille rein geworden ist. Manche gelangen nie zur Vollendung. Immer fehlt ihnen noch etwas, andere kommen spät zur Reife.
Vom selben anforderungsreichen Weg zur Vollendung zeugt auch Arthur Schnitzlers Drama "Komödie der Verführung", das in der Josefstadt die neue Saison eröffnet. Über vierzig Jahre lang hat der Autor daran gewerkt, schwankend zwischen Roman, Novelle und Theaterstück. Während dieser Zeit hat sich vielerlei um die Handlung agglutiniert.
In seiner letzten Fassung behandelt das Schauspiel die Themen Erotik, Liebe, Sinnlichkeit, Freundschaft, Ehe, Bindung, Trennung und Scheidung. Die Figuren stammen aus den verschiedenen, dem Untergang geweihten Schichten des k. u. k. "fin de siècle": Adel, Militär, Bürgertum, Spekulation, Kapital, Boheme. Der dritte Akt spielt am 1. August 1914. An dem Tag ordnete das Deutsche Kaiserreich die Generalmobilmachung an, erklärte dem russischen Zarenreich den Krieg, und der Erste Weltkrieg begann.
Jede Figur steht für ein anderes soziales Element. Da ist der Schriftsteller, da ist die Sängerin, da ist die Violinsolistin, da ist die Adlige, da ist der reiche, attraktive Erbe, da ist der Maler, da ist der Finanzmann, da ist der Offizier ... und Wikipedia mündet ins Bekenntnis: "Die Komödie – ein verwirrendes Gesellschaftsspiel mit zahlreichen Kontrahenten – erschliesst sich nicht leicht."
Auf die Verwirrung des Stücks antwortet nun die Inszenierung von Ildikó Gáspár mit Verwirrung auf der Bühne, und das Durcheinander des Regietheaters verdoppelt das Durcheinander der Handlung. Damit produziert die Aufführung, nach der Definition des deutschen Kabarettisten Franz Josef Bogner, Kitsch. "Kitsch ist, wenn man zweimal dasselbe macht, also auf der Bühne ja sagt und dazu nickt."
Die Aufführung verkitscht das Spiel der Akteure durch Übertragung von Live-Musik auf Lautsprecher, Übertragung von Live-Video auf Leinwände, Übertragung von Genderrollen aufs entgegengesetzte Geschlecht, Applizierung von Intimwäsche auf den queeren Bereich und Aufzoomen von Gesichtern, Augen, Lippen und Zungen.
"Neues für die Sinne" bringt das indessen nicht. Das Regietheater ist schliesslich 57-jährig. Zur Welt kam es 1969. Damals inszenierte der 30-jährige Peter Stein in Bremen "Torquato Tasso" von Goethe und machte den Dichter zum Clown. Der Skandal war immens. Im selben Jahr brachte das Theater Basel "Titus, Titus" heraus, "50 theatralische Vorgänge nach der Tragödie 'Titus Andronicus' von William Shakespeare". Der 36-jährige Regisseur Hans Hollmann liess auf offener Bühne Hunde kopulieren. Der Skandal war immens. Aber damit war das Regietheater geboren. Heute ist es von keiner deutschen Bühne mehr wegzudenken. Was als Aufstand begann, führte zu Konvention und am Ende zu Stagnation. "Eine Erweiterung bisheriger Kunstgebiete stellt es im geringsten nicht dar." (Alfred Kerr.)
Indem die Josefstadt mit mehr als einem halben Jahrhundert Verspätung die greise Inszenierungsform übernimmt, rückt sie die Verblendung der Besetzunggremien ins Scheinwerferlicht:
Es ist das gewöhnliche Unglück alles sehr Gerühmten, dass es der übertriebenen Vorstellung, die man sich von ihm machte, nachmals nicht gleichkommen kann.
(Balthasar Gracián: Handorakel und Kunst der Weltklugheit, übersetzt von Arthur Schopenhauer.)
Die Lehre von der Geschicht': Bei den meisten Produktionen folgt das Theater – wie der Investorenbau – zur Sicherheit dem gestrigen Stand.
Sherlock Holmes: Der Fall Moriarty. Ken Ludwig. (ÖEA)
Schauspiel.
Dominic Oley, Karl Fehringer, Judith Leikauf. Theater in der Josefstadt, Wien
> Ein Unterhaltungsstück, keine grosse Sache. Aufgekratzt führen sechs Spieler (zwei Männer, zwei Frauen, zwei Statisten) die Sherlock-Klischees über die Bühne. Selbstverständlich wird die Handlung angestossen durch den bösen Professor Moriarty. Aber daneben entspinnt sich überraschenderweise noch eine Liebesgeschichte: Der Hagestolz Holmes erliegt einem weiblichen Wesen, das souverän seinen Mann stellt. <
Komplex und leicht verschwurbelt, mit einem Wort: echt britisch – wendet Ken Ludwig, ein amerikanischer Unterhaltungsschriftsteller, Sir Arthur Conan Doyles Stileigentümlichkeiten aufs komische Theater an.
Der Erzähler Doktor Watson, verkörpert durch Martin Niedermair (als Schauspieler gleich loyal wie die Figur), orientiert über Ort, Zeit und Umstände der Handlung.
Der Detektiv, eigentlich nicht mehr als ein Supercomputer, bekommt rosige Wangen durch das Element der Liebe, entflammt durch die sympathische Kimberly Rydell. Das Herz beginnt zu pochen, und Claudius von Stozmann bringt die Umwandlung des harten Single zum sorgenden und hoffenden Menschen mit jünglingshafter Zartheit zum Ausdruck. Eine schöne Rollenleistung.
Markus Kofler und Michaela Klamminger versehen die Auftritte der verschiedenen Episodenfiguren. Die Statisten Elena Weber und Felix Millauer vollziehen mit raschen Griffen die Umbauten im Bühnenbild von Karl Fehringer und Judith Leikauf.
Insgesamt schafft die handwerkliche Regie von Dominic Oley eine Szenenfolge, welche mit den Eigenschaften "bunt, wohlgelaunt, temporeich" umschrieben werden kann.
Aber ein Jahr nach der Premiere ist der Hall abhandengekommen. Auf der Bühne wirken die Kurzszenen gleich trocken wie die Akustik eines schalltoten Raums. Und noch ernüchternder: Die Präzision, mit der Technik und Spiel ineinandergreifen sollten, ist verlorengegangen.
Es stehen jetzt noch zwölf Vorstellungen auf dem Spielplan, die nächste in zwei Wochen. Das gäbe Zeit, dass jemand die Nähte kontrolliert. Doch das bringt viel Aufwand für einen billigen Stoff. "Sherlock Holmes" kommt schliesslich von H&M, nicht von Prada. Deshalb wird ein sparsamer Geschäftsmann das Ding lieber austragen und anschliessend durch ein neues Stück ersetzen.
*** Auslöschung. Ein Zerfall. Thomas Bernhard. (UA)
Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman.
Therese Willstedt, Marten K. Axelsson, Emil Assing Hoyer und Jakob Munk. Burgtheater Wien.
> "Auslöschung" basiert auf Thomas Bernhards gleichnamigem Roman, erschienen 1986, drei Jahre vor dem Ableben des Dichters. Aus den 650 Prosaseiten erstellten Regisseurin Therese Willstedt und Dramaturg Jeroen Versteele eine überzeugende Bühnenfassung. Sie hat den Sog eines Trips und führt zu einem grossen Abend. <
Die Handlung besteht aus einer Linie. Fadengerade verbindet sie die Gegenwart mit der Vergangenheit, die Weltstadt Rom mit dem oberösterreichischen Herrschaftsgut Wolfsegg, die Piazza Minerva (Fluchtort des Privatgelehrten Franz-Josef Murau) mit dem hässlichen Geflecht seiner Familie am Hausruck.
Aufgespannt wird der Bogen mit dem ersten Satz. Er besteht aus 136 Wörtern und füllt eine Seite auf dem Programmzettel des Burgtheaters. Franz-Josef Murau, das berichtende Ich, kommt nach einem Spaziergang über die Flaminia, die Piazza del Popolo und den Corso in seine Wohnung zurück und stösst dort auf ein Telegramm, "in welchem mir der Tod meiner Eltern und meines Bruders Johannes mitgeteilt wurde: 'Eltern und Johannes tödlich verunglückt. Caecilia, Amalia.' "
Mit diesem Schlag schafft der Einstieg Unmittelbarkeit. Nach den ersten 136 Wörtern sind Sprecher, Hörer, Zuschauer und Leser "drin" – in einer Lage, deren Ausdehnung, Problematik und Tiefe beim Weiterschreiten immer klarer vors Auge treten. Die verstorbene Mutter hatte den italienischen Erzbischof Spadolini als Geliebten, der Vater die Gauleiter und SS-Offiziere zu Freunden. Für die Beerdigung reisen die Überlebenden nach Wolfsegg, und jetzt ist die ganze, einst untergetauchte Brut wieder da.
Vor vierzig Jahren kam der Roman heraus. Seine Aktualität hat sich in der Zwischenzeit gesteigert. Als Unheilsprophet verkündet Thomas Bernhard die Warnungen durch den Mund eines in die Verhältnisse verstrickten Menschen. Deshalb muss das Publikum bei jedem Satz auf der Hut sein. Es muss die subjektiven Verzerrungen des Sprechers wahrnehmen, bewerten, korrigieren, mit einem Wort: Sich unaufhörlich anstrengen, um eine im Rahmen des Möglichen zutreffende Sicht der Dinge zu gewinnen. Damit wird die Aufnahme des Stoffs zur Auseinandersetzung mit der Geschichte (im doppelten Sinn), und der Umgang mit der "Auslöschung" zu praktizierter Aufklärung.
In der Mitte steht das schwarze, gebundene Buch. Dieses Statement stellt Marten K. Axelssons Bühnenbild vors Auge der hereinkommenden Zuschauer. Den aufgeblätterten Seiten entnimmt das beeindruckend homogene Ensemble die Zaubermusik von Bernhards Prosa. Sie führt, gleich wie die gestufte Bühne, in die Tiefe der Verhältnisse.
Aus den wohlgesetzten Veränderungen, welche die Inszenierung in Aufstellung und Ausdruck vornimmt, erwächst die Dimension der Gefühle, die Bandbreite der Assoziationen, die Färbung der Sprache, das Wesen der beschriebenen Menschen. Und das Burgtheater erbringt mit Therese Willstedts bemerkenswert sensibler Regie – unterstützt durch die Musik von Emil Assing Hoyer und Jakob Munk – den Beweis, dass man in der Kunst alles veranstalten darf, was man will. Es gilt nur ein Gebot: Das Ganze muss gut sein.
* SOPHIA oder Das Ende der Humanisten. Moritz Rinke. (UA)
Schauspiel.
Amélie Niermeyer. Theater in der Josefstadt, Wien.
> Das Unterhaltungstheater ist der Spiegel der Epoche. Er zeigt die Leute in ihrem Alltag. Während die hohe Klassik die zeitlosen Probleme der "condition humaine" zur Darstellung bringt, befasst sich das komische Stück mit dem Ephemeren. Darum veraltet es auch rasend schnell. Wer weiss heute noch, was ein DOS-Programm ist? Eine VHS-Kassette? Eine CD-Rom? Und wer kann sie noch öffnen? "Einszweidrei, im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit." Das Stück von Moritz Rinke bringt jetzt unsere durch KI und Robotik gehetzte Gegenwart auf die Bühne. In zwei Jahren werden wir mit Kopfschütteln und in zehn Jahren mit Nostalgie an sie zurückdenken. "SOPHIA oder Das Ende der Humanisten" ist eben, wie das Politkabarett, nicht haltbar, sondern bestimmt zu sofortigem Verzehr. <
Dass das Stück nicht haltbar ist und schon in fünf Jahren nicht mehr nachgespielt werden kann, liegt am Umstand, dass die Hauptperson durch eine App gesteuert wird, die sich auf einem Tablet befindet. SOPHIA ist nicht ein Mensch, sondern ein selbstlernender Roboter in weiblicher Gestalt. Dessen schematische Bewegungen zeichnet Silvia Meisterle mit gespensterhaft starrer Mimik – darf man sagen: erstaunlich lebensecht? – nach. Und das Publikum begegnet dem faszinierendern Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz im analogen, durch menschliche Körper geschaffenen Theater, das im konkreten Fall durch Amélie Niermeyers Regiekonzept gesteuert wird. Zu den Menschen entwickeln wir Mitgefühl. Die Puppe jedoch löst Grauen aus. Sympathie bedingt eben, wie Sigmund Freud darlegte, Identifikation. Und die ist bei KI nur möglich um den Preis des Wegblickens.
Der Mythos vom künstlichen Menschen reicht bis in die Antike zurück. Ovid erzählt, dass sich der Bildhauer Pygmalion eine Geliebte aus Elfenbein erschuf und Venus bat, ihr Leben zu geben. Im 19. Jahrhundert gehörte die seelenlose Puppe, zusammen mit dem Doppelgänger-Motiv, zu den Ingredienzien der Schauerromantik: Olimpia bei E.T.A. Hoffmann, Leibgeber-Schoppe bei Jean Paul, der Automat bei Georg Büchner, demzufolge "ich selbst gar nichts von dem weiss, was ich rede, ja auch nicht einmal weiss, dass ich es nicht weiss, so dass es höchst wahrscheinlich ist, dass man mich nur so reden lässt, und es eigentlich nichts als Walzen und Windschläuche sind, die alles sagen. Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern!"
Und jetzt "Das Ende der Humanisten" an den Kammerspielen der Josefstadt: "SOPHIA" gibt unsere trivialen Erfahrungen mit Bots wider, kombiniert mit der ins Rutschen geratenen Alltagswirklichkeit. Aber an sich ist das Faszinosum der Wiedererkennung so alt wie das Theater selbst. Vor einem halben Jahrhundert erklärte der Direktor des Städtebundtheaters Biel Solothurn Alex Freihart: "Der Mensch ist ein Affe. Er macht nichts lieber, als sich im Spiegel zu betrachten."
Bis zur Pause kommt das zweieinhalbstündige Stück, dramentechnisch gesprochen, nicht über die Exposition hinaus, und das heisst: nicht über die Darlegung der Lage, nicht über die Präsentation der Figuren. Im zweiten Teil passiert zwar noch dies und das, aber eine Handlung (wie sie Grillparzer und Hebbel noch zu bauen verstanden) ergibt sich nicht, bloss eine Addition zusätzlicher Aspekte. Mangels innerer Proportionen findet die Aufführung denn auch keinen Schluss. Bezeichnend dafür ist, dass das Publikum schon nach der dritt- und wieder nach der zweitletzten Szene zu applaudieren beginnt in der Meinung, das Stück sei aus.
Einförmig wie SOPHIA, die Puppe, sind im "Ende der Humanisten" auch die drei anderen Figuren. So spielt Joseph Lorenz einen sechzjährigen Professor mit den fahrigen Handbewegungen des Schwanks und Alma Hasun eine entschlussschwache junge Frau mit der verwischten Diktion einer Pubertierenden. Lediglich ihr Freund, ein unauffälliger Informatiker, bekommt sympathische, menschlich greifbare Ausstrahlung dank der Persönlichkeit des Darstellers Nils Arztmann, Nestroy-Preisträger 2025 (Kategorie Bester Schauspieler). Das wär's.
*** Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Bertolt Brecht.
Schauspiel.
Simon Hastreiter u. a., Wolfgang Menardi, Tobias Schwencke. Landestheater Niederösterreich, St. Pölten.
> Wer an der Westbahnstrecke den Zug im Mostviertel verlässt und über die Julius-Raab-Promenade den Weg in die Brunngasse einschlägt, gelangt nach 350 Metern an den Rathausplatz Nummer 11. Dort befindet sich seit 1820 an der Stelle des ehemaliges Militärgefängnisses ("Militärisches Stockhaus") das Theater der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Hier eröffnet heuer die neue künstlerische Leiterin Patricia Nickel-Dönicke ihre erste Spielzeit mit einer Sensation; und wenn sich die Jury auf der Fahrt nach Wien dazu bequemt, an der zweitletzten ICE-Haltestelle auszusteigen, dann kommt "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" aus St. Pölten ans Berliner Theatertreffen 2027. <
Das phantastische Bühnenbild von Wolfgang Menardi durchstösst auf der linken Portalseite den gediegenen roten Samtvorhang und streckt seine Zunge über den kleinen Orchestergraben hinweg in den Zuschauerraum. Ein zerknittertes Absperrband zeigt an, dass hier ein oder mehrere Personen zu Schaden kamen. Nach diesem Vor-Zeichen geht es auf der Bühne weiter: Sie zeigt umgeworfene Möbel, zerbeulte Karosserien, angeschlagene Menschen.
Das Gewaltklima der 1930er Jahre verpflanzte Bertolt Brecht aus Deutschland nach Chicago. Am Modell der Gangsterstadt exemplifizierte er den Aufstieg Hitlers zum Reichskanzler. Im Theaterstück heisst der Anstreicher (so nannte Brecht den aus Braunau stammenden Ansichtenmaler) Arturo Ui. Der SA-Führer Ernst Röhm: Ernesto Roma. Der Propagandaminister Josef Goebbels: Giuseppe Givola. Der Reichspräsident Paul von Hindenburg, der sich Hitlers Machtaspirationen unterwarf: Dogsborough.
In St. Pölten umfasst die Gewalt das ganze Theaterhaus. Das beklemmende Dekor setzt sich fort in einer undurchschaubaren Abfolge irritierender Geräusche: harter Schuss, metallisches Knirschen, aufjaulender Motorenlärm, begleitet von Blitz, Blendung, Dunkelheit, Spotlicht- und Stroboskop-Effekten. Künstlerisch ist das Chaos der Gewaltereignisse überwältigend präzis geregelt. Und da liegt die Sensation.
Der Reichtum der Theatermittel mit einem Bogen von Video (Bert Zander) und Tanz bis zu Puppenspiel, Song und Schlagerzitat (Musik Tobias Schwencke), mit exakter Führung der Schauspieler, die ihre Figur mal verkörpern, mal entblössen, ist so imponierend wie die Patek Philippe Nr. 198385, die komplizierteste Uhr, die je ohne Computerhilfe zustandegebracht worden ist. Jedes der 1580 Teilchen wurde zwischen 1928 und 1932 von Hand gefertigt.
Und nun haben ungewöhnlich sorgsame Hände auch die Zahnräder, Zeiger und Ziffern im St. Pöltener Chronographen so zugeschliffen, dass er mit der Zuverlässigkeit der sog. "Graves Supercomplication" mit Grande Sonnerie, Petite Sonnerie, Minutenrepetition und Wecker die verschiedenen Zeiten wiedergibt: Die Zeit der Entstehung des Dramas 1941 in Bertold Brechts finnischem Exil, die Zeit der Verhältnisse in Berlin bei der nationalsozialistischen Machtergreifung, die Zeit der Verbrecherkämpfe im Chicago der 1930er Jahre und die Zeit, die bei uns geschlagen hat. Am Tag der besuchten Vorstellung liess Trump Selenski fallen: "Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt."
In Sankt Pölten aber eröffnet, wie das Landestheater in seinem Programmheft erklärt, Patricia Nickel-Dönicke
ihre erste Spielzeit mit einer Produktion, die sinnbildlich für alles steht, was Theater als gemeinschaftliche Kunstform ausmacht. Theater kann man nicht alleine machen, und so entstand der Gedanke, 11 Regiepersonen dieser und nächster Spielzeit zusammenzubringen und die Eröffnung als gemeinsames Projekt zu inszenieren, ein Vorgeschmack auf alle anderen Premieren der Spielzeit. Gleichzeitig ist auch das gesamte elfköpfige Ensemble besetzt, es kommt also das gesamte künstlerische Potential des Hauses zusammen.
Dieser Grundgedanke ermöglicht uns nun, 70 Jahre nach Brechts Tod, eine gemeinsame Herangehensweise, um anschliessend einen kollektiven Weg zu gehen, auf dem jede:r in ihrer und seiner eigenen Handschrift den "aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui" untersucht.
Nach diesem Konzept inszenieren nun Simon Hastreiter, Julia Hölscher, Leo Kees, Wolfgang Menardi, Michael Pietsch, Ilario Raschèr, Leonie Rohlfing, Christina Tscharyski, Lars-Ole Walburg, Anja Michaela Wohlfahrt und Bert Zander miteinander die 17 Szenen des Parabelstücks.
Für das Ergebnis gilt Balthasar Graciáns Feststellung:
Originelle und vom gewöhnlichen abweichende Gedanken äussern ist ein Zeichen eines überlegenen Geistes. Man lasse sich nicht durch Schmeichelei täuschen, sondern verwerfe sie. Man rechne es sich zur Ehre, von einigen getadelt zu werden, zumal von solchen, die von allem Trefflichen schlecht reden. Hingegen soll es uns betrüben, wenn unsere Sachen allen gefallen, weil es ein Zeichen ist, dass sie nicht taugen: denn das Vortreffliche ist für wenige.
Sollte es sich ergeben, dass die Jury des Theatertreffens auf ihrer Fahrt nach Wien am vorletzten ICE-Halt aus dem Zug steigt und bemerkt, was in St. Pölten geboten wird, so sollten im nächsten Sommer die elf Regiepersonen zusammen mit dem elfköpfigen Ensemble in Berlin vor dem Vorhang treten können.
* Isidor. Shelly Kupferberg. (UA)
Schauspielfassung von Caroline Bruckner und Philipp Stölzl.
Philipp Stölzl, Marcell Bándi und Johannes Traun. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. Oktober 2026.
> 2022 machte die damals 48-jährige Medienfrau Shelly Kupferberg mit "Isidor", der Recherche über einen sagenumwobenen Onkel, ihr literarisches Debüt. Die Mischung von Biographie, Familiengeschichte, historischer Reportage und literarischer Erzählung schuf es auf die Spiegel-Bestsellerliste. Vier Jahre später kommt der Stoff am Burgtheater auf die Bühne, in einer Bearbeitung durch die Drehbuchautorin Caroline Bruckner und den Regisseur Philipp Stölzl. Die schlichte, geradlinige Darstellung von Biographie und Historie ist in einer Gegenwart, die von linkem Antisemitismus und rechtem Schwammdrüber bedrängt wird, an sich schon eine wichtige Tat. Wenn aber dazu noch ein Philipp Stölzl für die Inszenierung zeichnet, wird das Resultat auch künstlerisch bemerkenswert. <
Indem das Burgtheater "Isidor" auf den Spielplan setzt, erreicht es mit dem Thema der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Wien "die stille Mitte", das heisst jenen "mehrheitlichen Anteil einer Gesellschaft, der in Zeiten einer sich radikalisieren Debattenkultur zurückhaltend agiert, sich nicht einmischen möchte. Die Gründe können Unbehagen sein, die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Konfliktes, Desinteresse oder Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Debattierens selbst" (Tabea Baumann und Simon Hastreiter).
Die Warnung vor dieser Haltung sprach Martin Niemöller aus:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
Drei Jahre nach dem Theater in der Josefstadt setzt nun auch das Burgtheater die Judenverfolgung auf den Spielplan. Ebenfalls in einer Beleuchtung der Nachgeborenen. Shelly Kupferberg entdeckte, dem Programmzettel zufolge, beim Besuch von Verwandten in Tel Aviv "in längst vergessenen Koffern Briefe ihres Grossvaters Walter Grab. Sie erzählten vom sagenumwobenen Onkel Isidor". Daraufhin entstand als Mischung von Biographie, Familiengeschichte, historischer Reportage und literarischer Erzählung "Isidor: Ein jüdisches Leben".
Das Theaterhaus im 8. Bezirk hatte seinerzeit "Leopoldstadt" aufgeführt, ein Schauspiel des britischen Autors Tom Stoppard. Auch bei ihm bestand ein biografischer Bezug: 1937 war Stoppard als Tomas Sträussler im mährischen Zlin zur Welt gekommen. Seine Mutter Martha Beckova hatte Eugen Sträussler, den jüdischen Betriebsarzt der Schuhfabrik Bata, geheiratet. Nach Gina Thomas hatte Stoppard "die vierzig längst überschritten, als er von einer Verwandten erfuhr, dass seine vier Grosseltern sowie drei Schwestern seiner Mutter in den Konzentrationslagern ermordet worden waren."
Im Zentrum von "Leopoldstadt" und "Isidor" steht ein reicher, geachteter jüdischer Unternehmer mit Herkunft aus dem Osten des Habsburgerreichs. Der eine wohnt im 1. Bezirk (Innere Stadt), der andere im 2. Bezirk (Leopoldstadt). Beide bagatellisieren das Aufkommen des Nationalsozialismus. Der eine vertraut der Kultur ("wir leben nicht mehr im Mittelalter"), der andere dem Rechtsstaat. Aufgrund dieses fatalen Glaubens denkt keiner an Emigration.
Bis zur Pause schleppt sich die Aufführung in Burg und Josefstadt mühsam hin. Anderthalb Stunden lang wird das Publikum mit dem Geflecht der Familien und der Situation im alten Wien bekannt gemacht. Bei Stoppard geschieht das durch ungelenke Dialoge in Schulfunkmanier. Bruckner/Stölzl übermitteln die Informationen – im Stil oft ein bisschen zu journalistisch – durch die Figur eines Erzählers (überzeugend und persönlichkeitsstark Itay Tiran) und die Figur der Autorin (zurückhaltend, aber nicht immer wortdeutlich Lilith Hässle).
Nach der Pause erfolgt der Umschlag. Die Nazis rücken ein. Wer nicht geflüchtet ist, kommt um. Philipp Stölzl, der Meister des langsamen Erzählens, bringt am Burgtheater das Grauen mit wenigen Zeichen vor Augen. Der Kronleuchter gleitet zu Boden und kippt auf die Seite. Die Höllenfahrt beginnt.
Stefko Hanushevsky, Darsteller des Kommerzienrats Dr. Isidor Geller, wird an den Füssen gefesselt und nackt in die Höhe gezogen. Derweil zeigt das Video von Marcell Bándi und Johannes Traun in historischen Schwarzweiss-Sequenzen, wie es in den Lagern zuging. Auf diese Weise verklammert der Film das Spiel auf der Bühne mit der historischen Aussenwelt. Die Spannweite führt vom galizischen Schtetl um 1900 nach Hollywood um 1940.
Von denselben beklemmenden Gegensätzen berichten auch die Briefe Alfred Polgars:
Lissabon, 12. September 1940
Liebe Freunde, wir sind hier eingetroffen. Nach einem dreimonatigen Passionsweg, der an mehreren Abgründen und Verzweiflungen allerknappest vorbeiführt und unsere seelische und physische Widerstandskraft bis zum äussersten in Anspruch genommen hat.
Es ist wahrscheinlich, dass wir Mittwoch, den 18. September, mit einem kleinen Amerikaboot die Überfahrt werden antreten können. Ich weiss heute noch nicht den Namen des Schiffes und ebensowenig den vermutlichen Tag der Ankunft.
Die Sieger in Paris haben unser gesamtes Hab und Gut (7 vollgepackte Koffer), das wir auf unserer Flucht aus Paris dort lassen mussten, weggenommen. Darunter meine gesamten Manuskripte, die Arbeit von 3 Jahren: einen fast fertigen Roman, ein Tagebuch der Emigration, einen Novellenband, usw., usw. Ich besitze von alldem keinerlei Duplikat.
Beverly Hills, 14. November 1940
Wir haben's hier sehr schön und angenehm. Unser Apartment ist reizend, in einer friedvoll-ländlichen Strasse mit Laubbäumen, die Herbst spielen. Wir haben einen schönen, grossen Living Room, zwei reizende Schlafzimmer, das meine mit einem kompakten Arbeitstisch, an dem einem Schriftsteller, dem etwas einfiele, schon etwas einfallen könnte, ein schönes Bad mit Wanne und Dusche extra, eine liebenswerte, grosse Küche, die alle Stücke einer modernen Küche spielt usw., usw.
Am empfindlichsten ist der Mangel eines Autos, denn die Distanzen sind gewaltig, die Fortbewegung zu Fuss glatt unmöglich und öffentliche Verkehrsmittel wie Bus oder so gibt es nur ganz wenige, unpraktische, komplizierte, kurz: unbenützbare.
Wir sehen an [jüdischen] Freunden und Bekannten: Franks (2 Autos), die bezaubernd zu uns sind, Fritzi Massary (1 Auto), Familie Bruno Walter (3 Autos), Familie Gina Kaus (4 Autos), Familie Viertel (4 Autos), Leonhard Frank (1 Auto), meinen Englischlehrer (1 Auto), und noch andere Autos mehr, die jedes einen Menschen haben. Zusammenfassend darf ich sagen: es geht uns gut, keine Stunde vergeht, ohne dass das unwahrscheinliche Glück unserer jetzigen Lebenssituation uns dankbar und mit einiger abergläubischer Angst vor etwaigem Erwachen aus dem Traum bewusst wird. Ich für meinen Teil empfinde, was sich da mit mir begibt, wie eine Art Leben nach dem Tode.
Aigen bei Salzburg, 18. August 1949
Wir gingen Ende Juni nach Wien, blieben dort 10 Tage. Wien ist nicht mehr schön, provinziell innen und aussen, bevölkert von einer peinlich-gefälligen Rasse, hinter deren Freundlichkeit die Tücke lauert. Das ganze Leben der Stadt, auch das sozusagen geistige, geht in der Tonart: kümmerlich. Ich war in der Leopoldstadt, auf der Suche nach einer alten braven Kusine. "Oh die? Die haben's abg'holt", sagte der Hausmeister.
"Isidor" am Burgtheater, "Leopoldstadt" in der Josefstadt: Die Kunst als Spiegel der Wirklichkeit.
Eben zu derselben Stunde gingen hervor Finger wie einer Menschenhand, die schrieben, gegenüber dem Leuchter, auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal; und der König ward gewahr der Hand, die da schrieb. Da entfärbte sich der König, und seine Gedanken erschreckten ihn, dass ihm die Lenden schütterten und die Beine zitterten.
Das aber ist die Schrift, allda verzeichnet: Mene, mene, Tekel, U-pharsin. Und sie bedeutet dies: Mene, das ist Gott hat dein Königreich gezählt und vollendet. Tekel, das ist: man hat dich in einer Waage gewogen und zu leicht gefunden.
(Daniel)
*** Der eingebildete Kranke. Molière.
Überschreibung der Komödie durch Barbara Sommer und Plinio Bachmann.
Stefan Bachmann, Jana Findeklee und Joki Tewes, Marcus Loran, Sabina Perry. Burgtheater Wien.
> "Der eingebildete Kranke": Die klassische Erfolgsinszenierung des Hausherrn. Am 30. September 2022 brachte Stefan Bachmann Molières Komödie am Schauspiel Köln heraus. Nach Übernahme der Burgtheater-Direktion kam das Stück am 13. September 2024 nach Wien. Heute, zwei Jahre später, läuft es immer noch im vollbesetzten Akademietheater. Die Schüler im hinteren Drittel des Saals geniessen jede Pointe und quittieren sie mit sekundenschnellem Lachen. Es lässt sich nicht von der Hand weisen: Eine gescheite Aufführung mit hervorragenden Schauspielern bleibt das beste Argument für den Theaterbesuch. <
Wunderbar ist das Licht – wie immer bei Stefan Bachmann. Diesmal stammt es von Marcus Loran. Mit 21 Jahren trat er ins Burgtheater ein und absolvierte die Ausbildung zum Beleuchtungsmeister. Heute, dreissig Jahre später, trägt seine Arbeit den Namen Lichtdesign. Es umfliesst auf der leeren, schwarzen Bühne von Jana Findeklee und Joki Tewes die Hauben und Rüschenperücken der Komödienfiguren mit dem goldenen Schimmer der Wachskerzenzeit.
Der Kranke, die Frau, die Tochter, der Liebhaber, die Zofe entsprechen in ihren charakteristischen Posen den ausgestanzten Kartonsilhouetten des vorgestrigen Puppentheaters. Doch die Ausdrucksweise, deren sie sich bedienen, ist heutig. "Augenhöhe" sagen sie; "geschützter Raum"; "postdramatisch"; "toxisch"; "achtsam"; "genderfluid".
Im "eingebildeten Kranken" zog Molière die Hofetikette der korrekten Sprache ins Lächerliche; dazu die Untreue seiner Ehefrau, die auf seinen Tod spekulierte, die Unmenschlichkeit der Ärzte und seine eigene tödliche Krankheit. In seinem Geist arbeitet nun das Burgtheater mit der Keckheit der Satire:
Die Überschreibung von Barbara Sommer und Plinio Bachmann aktualisiert die Themen der bekannten Komödie von Molière und setzt die Figuren in einen Kreisel der Überempfindlichkeiten des 21. Jahrhunderts. Die entstehenden Fliehkräfte drängen Betroffene, Behandelnde und Unbelehrbare aus dem Komfortzonen heraus und radikalisieren ihre Positionen. In der Welt dieses eingebildeten Kranken darf nur noch mitreden, wer sich selbst als verletzt darstellt. Das Leiden dient den Figuren zur Expansion von Macht – aber die Intrige als solche bleibt selbstverständlich zeitlos.
(Programmzettel.)
Den lächerlichen Figuren stehen zwei Vernünftige gegenüber: der Bruder, der den Kopf fest auf den Schultern trägt, aber vergeblich predigt (Ernest Allan Hausmann), und die verschmitzte Zofe (Melanie Kretschmann). Vierhundert Jahre vor Paul Watzlawick findet sie das Rezept für die Heilung des eingebildeten Kranken: "Machen Sie sich selbst zum Arzt!"
Da es bei Molière nicht um die Verkörperung von Menschen geht, sondern – wie beim brechtschen Lehrstück – um die Darstellung falscher Haltungen, hat das biologische Geschlecht keine Bedeutung. In Stefan Bachmanns Inszenierung ist Argans Tochter Angélique mit Paul Basonga besetzt; Cléante, Angéliques Geliebter, mit Lola Klamroth; Béline, Argans Frau, mit Tilman Tuppy; und Doktor Purgon mit Barbara Petrisch.
Wir können die Welt immer nur unvollständig sehen; sie mit Willen unvollständig zu sehen, macht den künstlerischen Aspekt. Kunst ist subjektive und parteiische Bevorzugung gewisser Wirklichkeitselemente vor anderen, ist Auswahl und Umstellung, Schatten- und Lichtverteilung, Auslassung und Unterstreichung, Dämpfer und Drücker. Oft wird ein ganzer Mensch durch eine einzige Handbewegung, ein ganzes Ereignis durch ein einziges Detail schärfer, einprägsamer, wesentlicher charakterisiert als durch die ausführlichste Schilderung.
(Egon Friedell.)
Die runde Leistung des starken Ensembles wird gekrönt durch Rosa Enskats Darstellung des Kranken. Die Sinnlichkeit ihrer Sprachgestaltung setzt sich fort in einem blitzgescheiten Bewegungsmuster (Choreographie und Körperarbeit: Sabina Perry). Am liebsten möchte man vor den Künstlern in die Knie gehen. Aber Verehrung ist vielleicht nicht das Richtige. Als in Zürich ein junger Mann vor den berühmten Schriftsteller trat und fragte: "Darf ich die Hand küssen, die 'Ulysses' geschrieben hat?", entgegnete Joyce: "Nein, sie machte noch manches andere."
Der tollste Tag. Peter Turrini.
Schauspiel frei nach Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais.
Anna Stiepani (Regie), Mel Stein (Trampolincoach). Theater in der Josefstadt, Wien.
Die Kapitulation
Ludwig Börne:
Ehe die Schlange Kritik mich verführte, war ich unschuldig wie der Mensch im Paradiese; ich konnte über einen Ifflandschen Hofrat, wenn er tugendhaft war, weinen wie ein Bürgermädchen, und über Bären und närrische Pudeln gleich einem Wiener lachen. Da ass ich vom Baume der Erkenntnis, lernte Gutes vom Bösen unterscheiden, und meine Zufriedenheit war hin. Da kam ich mit einem Vergrösserungsglase in das Schauspielhaus und entdeckte hässliche Flecken und Unebenheiten, wo ich früher alles schön und glatt gefunden.
Salzburger Nachrichten, Wolfgang Huber-Lang/APA:
Wie die neue Josefstadt-Direktorin Marie Rötzer die Kammerspiele künftig positionieren wird, weiss man nach dieser Produktion hoffentlich noch nicht. Aber man weiss, dass das Haus über ein Premierenpublikum verfügt, das auch am Ende eines missglückten Abends so zu jubeln versteht, als habe man soeben tatsächlich das erlebt, was der Titel versprach: den "tollsten Tag".
Die Stimme der Kritik Bümpliz und die Welt:
Offensichtlich kennt die neue Intendantin ihr Publikum. Sie serviert ihm mit Anna Stiepanis Inszenierung das Zukömmliche: Mastkost anstelle von Haute Cuisine. Und siehe, die Leute schmatzen ihren Trog mit Behagen leer. Wohl bekomm's.