Chrüsimüsi. Eléonore Bonah und Maria Clara Castioni.
Schauspielszenen nach Erzählungen von Adelheid Duvanel.
Bühnen Bern mit Kooperationspartnern.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. September 2026.
> Bei Goethe spricht die antike Helena zum mittelalterlichen Faust: "Ich fühle mich so fern und doch so nah, / Und sage nur zu gern: Da bin ich! da!" – "Aura", schreibt Walter Benjamin hundert Jahre später, "definieren wir als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heisst die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen." Jetzt offerieren die Bühnen Bern mit der Uraufführung von "Chrüsimüsi" das kostbare Erlebnis einer auratischen Theaterform. Sie bringt dem Zuschauer mit kleinsten, feinsten Mitteln das unerklärlich Ferne nahe und macht das Paradox erfahrbar: "Less is more." <
Im Herbst 2024 brachte der heute 93-jährige Pierre Centlivres, Emeritus für Ethnologie der Universität Neuenburg, sein 21. Buch heraus: "Schnipsel und Spuren. Das Vergängliche im Alltag." (Bribes et traces. L'éphémère au quotidien.)
Was erfährt man über die Welt durch ein Schlüsselloch, durch das Gitter einer Burka oder durch eine zufällige Begegnung? Vielleicht das Fragment einer Existenz. Solche Fragmente können Postkarten, Festtagsmenüs, handschriftliche Notizen am Rand eines Buches bilden. Sie können uns auf den Weg zu einem Stück Leben führen, eine Öffnung zu einem anderen Ort geben. Sie erlauben uns Zugang zum Verständnis von Lebensläufen, die sich von den unsern unterscheiden, und ihre Untersuchung bildet eine Gelegenheit für Ausflüge in ein Gebiet jenseits unserer ausgetretenen Wege. Auf diese Weise schafft das, was ausserhalb des Programms liegt, Sinn, zugleich unerwartet und wesentlich.
Durch solche Schnipsel und Spuren rückt nun das Irritierende, Fremde, Andersartige, Unausgesprochene, rätselhaft Bedrohliche dem Zuschauer im intimen Raum von Vidmar 2 auf die Pelle. Die Regisseurinnen Eléonore Bonah und Marie Clara Castioni haben verschiedene Erzählungen der Basler Autorin Adelheid Duvanel zu einer Szenenfolge unter dem Titel "Chrüsimüsi" verarbeitet. Mit diesem Wort drückt eine Figur aus, sie habe ein Durcheinander im Kopf.
Durcheinander gehen auf der Bühne auch die Sprachen Französisch, Italienisch, Deutsch. Durcheinander gehen die Situationen und Gefühle (Zuneigung, Liebe, Angst, Paranoia) und Durcheinander gehen die Töne in Rudy Decelières Sounddesign. Es zitiert den Lärm einer stark befahrenen Strasse. Viele Autos sind unterwegs von unbekannten A's zu unbekannten B's. Ihre Passagiere sind alle eingebunden in unbekannte Lebensverläufe. Wir aber erkennen uns in ihnen wieder.
Das liegt am ausserordentlich fein gestalteten Spiel von Luna Desmeules, Jeanne Devos und Léo Zagagnoni. Ihre Partitur muss man erst einmal schreiben: Ein Werk für sich. Es gehört in den Bereich der Mikrotonalität, also zu den Kompositionen, die neben den ganzen und halben Tönen auch Viertel- und Achteltöne einsetzen, ja sogar Sechzehnteltöne. Für deren Interpretation brauchen die Ausführenden und Zuhörenden ein ausserordentlich scharfes, geschultes Hörvermögen.
Wird aber der höchste Grad von Spielfertigkeit erreicht – bei den französischen Konservatorien hiess er "virtuosité" – mutet die Aufführung am Ende so belebt und echt an, als wäre das Schwere leicht.
Das hinterlassene Werk von Adelheid Duvanel, die sich bis zu ihrem Tod um die aidskranke, drogenabhängige Tochter und deren Kind kümmerte und mit 63 Jahren in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1996 unter Medikamenteneinfluss in einem Wäldchen bei Basel an Unterkühlung starb, erinnert in seiner polymorphen Verschachtelung an den britischen Schriftsteller, Journalisten und Essayisten Thomas de Quincy. Edward Sackville-West schilderte sein Leben unter dem Titel "A Flame in Sunlight":
Einer der Gründe für seine extravagante Lebensweise war der Wunsch, den Aufdringlichkeiten seiner Freunde zu entkommen. Ein weiterer, noch wichtigerer Grund war seine Abneigung, irgendetwas – Bücher, Papiere, Manuskripte – wegzuwerfen, verbunden mit einem noch stärkeren Widerwillen dagegen, dass seine Habseligkeiten "aufgeräumt" würden. Darin unterschied er sich nicht von den meisten Literaten; doch selbst unter diesen dürften nur wenige solche literarischen Schneeverwehungen angehäuft haben, wie de Quincy sie in den letzten Jahren seines Lebens zu einer riesigen Masse auftürmte. Wenn Tische, Stühle, Bett und Boden vollständig überfüllt waren und sogar der schmale Weg zwischen der Tür und dem Kamin zugeschüttet war, schloss er einfach die Zimmertür ab und zog in eine andere Unterkunft um; dort mussten sie bleiben, bis sich die Geschichte wiederholte. Bei seinem Tod wurden nicht weniger als sechs Wohnungen in diesem Zustand vorgefunden.
Chrüsimüsi.
Pierre Centlivres (* 1933):
Wir haben mit den Menschen unseres Alters die bittere Genugtuung, einander sagen zu können, dass diese Welt vor die Hunde geht.
Aufbrechen.
Festsitzen.
