Johann Wolfgang von Goethe.

Der Bund, 20. März 1982.

 

 

Am 23. März 1832:

"... starb Johann Wolfgang von Goethe ..."

Ein Bericht in Dokumenten über den späten Goethe

 

Die Ahlefeldt, die "durch Vergünstigung" schon vor sieben Uhr früh zu seinem Anblick gelangt war, hatte ihr "eine so schöne Beschreibung von ihm" gemacht, dass Amélie von Stein beschloss, selber zu sehen, wie "Er ausgestellt" worden war.

 

"Der Eingang war durch den Garten", schrieb sie gleichentags, am 26. März 1832, in einem Brief. Das Gemach im Goethehaus "war in eine schwarze Wohnung verwandelt, alles drapiert, Myrthen, Lorbeeren und Zypressen standen an den Wänden herum, Armleuchter mit vielen Kerzen bestrahlten sein Lager, wo er im, ich glaube florentinischen Kostüm (fast wie Tasso) gekleidet, zu schlummern schienen, im Hintergrund ein Sternenkranz, Lyra mit Rosen und mehreren Attributen, Er selbst mit Lorbeerkranz, im weissen Atlasgewand, um den Hals und Arme prächtige Juwelenketten, eine Hand lag nachlässig auf der schwarzsamtenen Decke, als wenn Er schriebe, die andere auf der Brust. Zu seinen Füssen auf Gold und silbernen Kissen waren seine Orden, und schwarz gekleidete Männer umstanden zu beiden Seiten sein Lager. Der Anblick war erhebend, höchst imposant und doch traurig."

 

 

Trauerarbeit der Freunde

 

Amélie von Stein war nicht die einzige, die vom grossen Toten noch einen Blick erhaschen wollte, bevor er um fünf Uhr nachmittags in der Weimarer Fürstengruft neben dem Sarg Schillers beigesetzt wurde. "An die 4000 bis 5000 Menschen", schätzte der Kanzler Müller, "umwogten den Zug."

 

Drei Tage zuvor hatte Johann Peter Eckermann schon in aller Stille Abschied von seinem verehrten Meister genommen. "Am andern Morgen nach Goethes Tod", schrieb er am 23. März, "ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen." Von Friedrich, dem alten Diener, liess er sich das Zimmer aufsperren, "wo man ihn nach seinem Tod hingelegt hatte", und da fand er ihn "wie ein Schlafender; tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhaben-edlen Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht verhinderte mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weisses Bettuch gehüllet, grosse Eisstücke hatte man in einiger Nähe hergestellt, um ihn frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös, die Füsse zierlich und von der reinsten Form; und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit, oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in grosser Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, liess mich auf Augenblicke vergessen, dass der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf sein Herz – es war überall eine tiefe Stille – und wendete mich abwärts, um meinen verhaltenen tränen freien Lauf zu lassen."

 

Sie, die Treuen, ermassen den Verlust und suchten ihn, jeder auf seine Weise, zu verarbeiten. "Frau von Goethe", so schrieb Frédéric Soret am 24. März über Goethes Schwiegertochter, "Frau von Goethe ist aufs tiefste erschüttert, aber gefasst, vielleicht zu sehr; ich fürchte, dass sie sich zu viel zumutet, denn sie gönnt sich keinen Augenblick Ruhe und Alleinsein."

 

Anders die Grossherzogin. Kanzler Müller fand sie "unter tausend Tränen", als er vom fürstlichen Paar die Einwilligung holte, Goethes Sarg in der grossherzoglichen Gruft niederzulegen. "C'est honorer nous-mêmes, plus encore que lui", war die Antwort der "tief ergriffenen" Maria Pawlowna.

 

 

"Fluch seiner Asche"

 

Für sie alle, die Nahestehenden, die Verehrer und Freunde, war der Schmerz gross. Für Deutschland aber, zumindest für weite Teile der gebildeten Öffentlichkeit, hatte Goethe schon zu lange gelebt. Zehn Jahre früher, erklärte Heinrich Laube 1834, wäre die Nachricht seines Todes noch "wie ein Donnerschlag über Deutschland hingerollt." Nun aber "schlich sie leise durch die Städte, und nur die offiziellen Blätter, und die Goetheschen Beamten, erhoben eine verworrene Totenklage (...), die wilde Jugend rief sogar den Fluch des Vaterlandes auf seine Asche herab, und klagte ihn des einem Dichter unnatürlichsten Verbrechens an, die freie Volksentwicklung aufgehalten, die Knechtschaft besungen zu haben".

 

So war das Goethe-Bild zum Zeitpunkt seines Ablebens von der Parteien Hass bereits verzerrt. Den einen erschien er als kalter Egoist, den andern als unmoralischer Heide, den dritten schliesslich als serviler Fürstenknecht. Aber für alle gehörte er einer vergangenen Epoche an. Die deutsche Öffentlichkeit hatte jetzt andere Sorgen: Sie war in Anspruch genommen vom Kampf um Konstitution und Pressefreiheit, vom Schicksal der Nachbarländer Belgien und Polen und von der Angst vor der Cholera, die angefangen hatte, um sich zu greifen.

 

Dies alles mag die beschämende Tatsache erklären, warum die bedeutendsten Nekrologe, die die deutsche Presse im Jahr 1832 bringen konnte, aus dem Ausland stammten. Die Nachrufe, die das "Cotta'sche Morgenblatt" am 9. und das "Hamburger Literaturblatt der Börsenhalle" am 11. April veröffentlichten, waren nichts anderes als Übersetzungen einer Totenrede, die das Pariser "Journal des débats" bereits am 29. März veröffentlicht hatte. François Saint-Marc Girardins Aufsatz, den die deutschen Blätter (später auch die "Times" und die "Morning Post") übernommen hatten, mündete in einen nicht eben trauervollen Schluss: "Jetzt webt und lebt ein anderer Geist in Deutschland, der Geist der Einheit. Die alte Literatur stirbt mit Goethe, jetzt, da dieser neue Geist zur Herrschaft kommt. Wie in Frankreich schon seit längerer Zeit, so tritt auch jetzt in Deutschland die Freiheit der Poesie an die Stelle der Literatur, der Gedanke aller an die Stelle des Gedankens einzelner. Unter solchen Verhältnissen ist also Goethes Tod gewissermassen ein politisches Ereignis, mit ihm schliesst sich urkundlich ein Zeitraum, ein neuer hebt an, und das alte Deutschland, das längst in seinen Grundfesten wankte, erleidet dadurch einen neuen Stoss."

 

 

Fragwürdige Leichenrede

 

Erleichterung, dass der unbequeme Alte endlich gegangen war, fand sich mithin allenthalben; in den politisch und moralisch reaktionären Zirkeln ebenso wie bei den demokratisch-freisinnig-revolutionär Gesinnten. Etwas von dieser Erleichterung konnten auch die Zuhörer aus der Leichenpredigt des Weimarer Hofpredigers Johann Friedrich Röhr herausspüren, der über den grossen Toten eine Spur zu kalt und zu unbeteiligt geredet hatte: "Wir leiden alle am Leben; wer will uns, ausser Gott, zur Rechenschaft ziehen? Tadeln darf man keinen Abgeschiedenen; nicht was sie gefehlt und gelitten, sondern was sie geleistet und getan, beschäftige die Hinterbliebenen. An den Fehlern erkennt man den Menschen, an den Vorzügen den einzelnen; Mängel und Schicksale haben wir alle gemein, die Tugenden gehören jedem besonders."

 

Vergebens wartete man darauf, dass Röhr ein Wort des Dankes sage, zum Beispiel dafür, dass Gott den verstorbenen mit einem so reichen Talent ausgestattet habe. Stattdessen wies er auf die menschlichen Schwachheiten und Gebrechen hin, die mit der irdischen Hülle zu Grabe getragen werden sollten. Wer unter den Zuhörern an dieser kalten und – im besonderen Falle – ungerechten Ausgewogenheit Anstoss genommen hatte, war keiner Täuschung erlegen: Röhr war nicht Goethes Freund. In einem Brief an einen Amtsbruder schrieb er nach dem Staatsbegräbnis:

 

"Gott ist tot, denn Goethe ist gestorben – rufen unsere Goethekoraxe mit einem Munde. Was ich dazu in meiner Leichenrede gesagt habe, sehen Sie aus der Beilage. Urteilen Sie aber gnädig über mein Gesagtes, denn ich hatte nur ein paar Stunden Zeit, indem der Abgeschiedene sich selbst zwar, nicht aber mir zur bequemen Stunde starb (...). Ich bin über seinen sittlichen Wert mit möglichstem Glimpf hinweggegangen und habe mich begnügt, ihn mit seinem eigenen Fett zu braten. Wer die nichtgesprochenen Worte aus den gesprochenen herauszulesen versteht, wird nicht im Zweifel sein, was ich meinte."

 

Was hätte Goethe wohl zu dem allem gesagt? Ein Gespräch, dass er am 17. März, fünf Tage vor seinem Tod, mit Röhr geführt hatte, zeigt, dass er den Hofprediger falsch eingeschätzt hat. Sie waren auf die Angriffe Börnes zu reden gekommen, und der Kranke hatte dazu bemerkt: "Das ist das Präludium zu unserer Leichenrede." Herüber suchte ihn Röhr zu beruhigen, und Goethe fuhr fort: "Nun, Sie werden mir schon eine andere halten." – Das war eine Fehleinschätzung.

 

Nicht getäuscht jedoch hat er sich über die Verworrenheit seiner Zeit. "Der Tag ist aber wirklich so absurd und konfus", schrieb er in seinem allerletzten Brief, datiert vom selben 17. März wie das Gespräch mit Röhr, an seinen Freund Karl Wilhelm von Humboldt. "Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt, und ich habe nichts angelegentlicher zu tun als dasjenige was an mir ist und geblieben ist womöglich zu steigern und meine Eigentümlichkeiten zu kohobieren, wie Sie es, würdiger Freund, auf Ihrer Burg ja auch bewerkstelligen."

 

 

"Trauliche Geselligkeit"

 

Handeln nach eigener Überzeugung, ohne sich "durch Autorität, durch allgemeine Übereinstimmung und durch Mode hinreissen" zu lassen – dies war der Weg, an dem er in den letzten Jahren seines Lebens unbeirrbar festgehalten hatte, und diesem Willen zu beständigem Tun entsprach eine genaue Ordnung in allen Bereichen.

 

"Er stand früh, um fünf, sechs Uhr, selten später, auf, je nachdem er in der Nacht aufgewacht und munter geblieben war oder ruhig geschlafen hatte." So beginnt die Schilderung des Tagesablaufs, die der Weimarer Gymnasiallehrer Karl Wilhelm Müller im Todesjahr des Dichters herausgebracht hat. "Dann frühstückte er mit Wolfgang, dem jüngeren seiner Enkel, zu denen er die zärtlichste Liebe hegte. Goethe überdachte bei dem Frühstück die Beschäftigungen, welche der Tag forderte. Gegen acht Uhr kam sein Expedient, dem er Berufsgeschäfte Betreffendes oder Briefe an nahe und ferne Freunde diktierte. Dann beschäftigte er sich mit Studieren bis zwölf oder gar zwei Uhr. Gegen zwölf Uhr nahm er Besuch an, welches selbst in der letzten Zeit mit Fremden noch häufig geschah. Freunden und bekannten Verehrern war er immer, doch nicht vor elf Uhr, zugänglich. Seine Tischzeit war um zwei Uhr, und wie er sich überhaupt nichts versagte, was er zu Bequemlichkeit und Behaglichkeit in seinem Leben für dienlich hielt, so tat er es auch bei Tische. Sehr gerne brachte er die Essenszeit in Gesellschaft einiger geladener Freunde zu. Dr. Eckermann war sein täglicher Tischgenosse. Nach Tische sah er gewöhnlich seine Kunstsammlungen, Zeichnungen, Kupferstiche, Münzen, Mineralien und dergleichen durch. Dabei hatte er seinen Enkel Wolf oder einen Kunstkenner um sich. Den Abend verbrachte er in Gesellschaft seiner an ihm hängenden Schwiegertochter und weniger Auserwählten zu, entweder mit Unterhaltung oder indem er sich vorlesen liess oder auch selbst vorlas."

 

Müllers Bericht ist exakt und zuverlässig; aber seine eher trockene Schilderung vermag eines nicht wiederzugeben: die Atmosphäre, die durch diesen geregelten Wechsel von Arbeit und Musse, von freundschaftlichem Verkehr und nachdenklicher Zurückgezogenheit entstand. "In der traulichen Geselligkeit eines gebildeten Hauses liegt ein unendlicher Reiz", hat Karl Gutow – in anderem Zusammenhang freilich – festgestellt. Aber eben diesen "unendlichen Reiz" zu kosten und zu bewahren, war Goethes Aufgabe und Glück in den letzten Jahren seines Lebens.

 

Aufgabe zunächst – weil der 81-Jährige nach dem Tod seines Sohnes August (am 27. Oktober 1830) mit einem Male wieder die Verantwortung für das Hauswesen übernehmen musste. "Das eigentlich Wunderliche und Bedeutsame dieser Prüfung ist, dass ich alle Lasten, die ich zunächst, ja mit dem neuen Jahre abzustreifen und einem jüngeren Lebigen zu übertragen glaubte, nunmehr selbst fortzuschleppen und sogar schwieriger wieder zu tragen habe. Hier nun allein kann der grosse Begriff der Pflicht uns aufrecht erhalten." So schrieb er einen Monat nach dem Unglück seinem Freund Zelter. "Ich habe keine Sorge, als mich physisch im Gleichgewicht zu bewegen; alles andere gibt sich von selbst. Der Körper muss, der Geist will, und wer seinem Wollen die notwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu besinnen."

 

Aus dieser Aufgabe wurde allmählich wieder Glück, weil die "trauliche Geselligkeit" mit Enkeln, Freunden und Schwiegertochter ein Klima von Wärme und Freundlichkeit schuf, das dem Alten wohltat. "Wollte man dieses Behaben und Behagen nach der Wirklichkeit schildern", gesteht er Sulpiz Boisserée am 22. März 1831, "so würde es zwischen die Idylle und das Märchen hineinfallen."

 

Noch immer ist er – grundsätzlich – für den mässigen Genuss, wie er am 9. Februar 1832 Marianne von Wilmer mitteilt: "Was übrigens mich betrifft, so genügt mir bei Tisch das wenigste, einfachste, dächt' ich nicht manchmal an die mitgeniessenden Hausgenossen und Gäste." Aber am früher so verpönten Kaffee hat er jetzt Gefallen; und zum Frühstück nimmt er täglich sein Glas Madeira; selbstverständlich trinkt er zum Mittagessen eine ganze Flasche, und zum Diktieren lässt er sich ebenfalls gern Wein servieren.

 

Dem Komfort entschieden abgeneigt ist er jedoch in der Möblierung seiner persönlichen Räume. Am 25. März 1831 erklärt er Eckermann, alle Arten von Bequemlichkeiten seien eigentlich gegen seine Natur: "Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art Lehne für den Kopf machen lassen. Eine Umgebung von bequemen geschmackvollen Möbeln hebt meine Gedanken auf und versetzt mich in einen behaglichen passiven Zustand. Ausgenommen, dass man von Jugend auf daran gewöhnt sei, sind prächtige Zimmer und elegante Hausgeräte etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen."

 

 

Letzte Geschäfte

 

Einem "behaglich passiven Zustand" jedoch gleicht Gottes Leben in den letzten Jahren keineswegs. Zu vieles ist zu tun; ein grosser Haushalt zunächst, der geleitet sein will und seine Spuren im Tagebuch hinterlässt. Noch am 1. März 1832 vermerkt Goethe – wie an jedem Monatsersten: "Haushaltungrechnungen durchgesehen, in Tabellen gebracht. Das zunächst Bevorstehende, Bedeutende überlegt und vorbereitet." Das Bestreben, den Gang der Dinge vorsorgend zu ordnen, gehört zu den Eigentümlichkeiten des Alten. Das beweist auch ein Zeugnis des Kanzlers Müller vom 15. Januar 1821: "Goethe zeigte mir sein Tagebuch in Folio, wo am Rande jeder abgegangene Brief genau vermerkt ist. Auf gleich grossen Bogen bemerkt er am Morgen die Agenda nur mit einem Wort für jedes Vorhaben und durchstreicht es jedes Mal nach Erledigung. Selbst die Zeitungen werden aktenmässig geheftet." Den eigentlichen Grund zu solch strenger Ordnung gibt Goethe am 20. Februar 1832 in einem Brief an Varnhagen von Ense preis: "Sie wissen, wenn man sich zur Abreise anschickt, so finden sich am Ende mehr Schulden und Resten abzutun, als man denken konnte." Er führe aus diesem Grund, so sagt er zu Zelter, "ein testamentarisches und kodizillarisches Leben". Konkret heisst das: Goethe verbringt die letzten Jahre seines Lebens damit, den Nachlass in Ordnung zu bringen. "Die oberaufsichtlichen Akten zu ordnen und zu heften fortgefahren durch John", vermerkt das Tagebuch in diesem Zusammenhang am 3. März 1832. Was an Manuskripten geordnet und geheftet ist, wird in numerierte Kisten verpackt. Alle Geschäftsdinge sind so geregelt, dass – wenn er sie eines Tages aus der Hand geben muss – ein Nachfolger alles in bestem Stand vorfindet und zu Ende bringen kann. Die Briefe, die zur Veröffentlichung bestimmt sind, werden ebenfalls geordnet; die anderen teils verbrannt, teils an den Absender zurückgeschickt.

 

"Abschluss des Hauptgeschäftes", meldet das Tagebuch am 21. Juni 1831. (Gemeint ist die Fortsetzung zum ersten Teil des "Faust", die er auf Drängen Eckermanns niedergeschrieben hat.) Und am 22. Juli: "Das Hauptgeschäft zustandegebracht. Letztes Mundum. Alles Reingeschriebene eingeheftet." Feierlich versiegelt Goethe vor seinem 82. Geburtstag die Handschrift, damit sie erst nach seinem Tod der Öffentlichkeit übergeben werde. Aber "der Tragödie zweiter Teil" ist zu bedeutend, um ihm Ruhe zu lassen. Im Januar 1832 löst er selbst die Siegel und verwendet den Rest seiner Kraft daran, die Hauptmotive breiter auszuführen, weil er sie allzu lakonisch behandelt zu haben meint.

 

Immer deutlicher schält sich aus diesen Dokumenten das Bild eines Mannes heraus, der bis zuletzt tätig ist, ungebeugt und ungebrochen. So erschien er schon zehn Jahre vorher seinen Besuchern – zum Beispiel dem 31-jährigen Doktor Eckermann, der ihn am Dienstag, dem 10. Juni 1823 besucht, ohne noch zu wissen, dass ihn der Alte behalten wird. Eckermann hat damals notiert:

 

"Wir sassen lange beisammen, in ruhiger, liebevoller Stimmung. Ich drückte seine Knie, ich vergass das Reden über seinem Anblick, ich konnte mich an ihm nicht satt sehen. Das Gesicht so kräftig und braun und voller Falten, und jede Falte voller Ausdruck. Und in allem solche Biederkeit und Festigkeit, und solche Ruhe und Grösse! Er sprach langsam und bequem, so wie man sich wohl einen bejahrten Monarchen denkt, wenn er redet. Man sah ihm an, dass er in sich selber ruhet und über Lob und Tadel erhaben ist. Es war mir bei ihm unbeschreiblich wohl; ich fühlte mich beruhigt, so wie es jemandem sein mag, der nach vieler Mühe und langem Hoffen endlich seine liebsten Wünsche befriedigt sieht."

 

Einer "unbefangenen Beobachtung" indes blieben die "Schwächen des Alters" am Dichterfürsten nicht verborgen. Dr. Carl Vogel, der grossherzogliche Leibarzt, umreisst die Konstitution des Greisen mit wissenschaftlicher Nüchternheit: "Steifheit der Gliedmassen, Mangel an Gedächtnis für die nächste Vergangenheit, zeitweise Unfähigkeit, das Gegebene in jedem Augenblick mit Klarheit schnell zu übersehen und Schwerhörigkeit" hätten sich in den letzten Jahren immer stärker bemerkbar gemacht. "Im Vergleich mit andern Greisen seines Alters" sei allerdings die "Fülle von Geistes- und Körperkraft" immer noch beachtlich.

 

 

Das Ende

 

"Ganz ungewöhnlich heiter" und "ohne irgend bedeutend körperliche Anfechtung" durchlebt er 1831/32 den Winter, der ihm sonst, nach Auskunft Dr. Vogels, eine "immer feindliche und verhasste Jahreszeit" wahr. Dann aber, am 16. März wird der Arzt "zu ungewöhnlich früher Stunde, schon um acht Uhr morgens" zu Goethe bestellt. Er findet ihn krank im Bett. Die Symptome sind zunächst noch diffus; der Alte hat sich vermutlich erkältet, auf der Spazierfahrt des Vortrags, wie er meint, oder im Gang über den kalten, ungeheizten Hausflur. Dr. Vogel deutet die Symptome als "katharralisch-rheumatische Zufälle" (nach heutigem Sprachgebrauch: eine Grippe), die sich nach zwei Tagen wieder bessern. Aber bevor der Kranke ganz genesen ist, lokalisiert sich am 20. März die Symptomatik des Herzinfarkts. Und nun beginnt Goethes Sterben. Wie zum Hohn auf alle Vorstellungen vom humanen Tod beginnt es als ein qualvolles Schmerz-Angst-Syndrom der linken Brustseite, verbunden mit Dekompensation.

 

Am Morgen des 20. März wird Doktor Vogel um 8 Uhr 30 herbeigeholt, und er erschrickt: "Ein jammervoller Anblick erwartete mich! Fürchterlichste Angst und Unruhe trieben den, seit lange nur in gemessenster Haltung sich zu bewegen gewohnten, hochbejahrten Greis mit jagender Hast bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu erlangen suchte, bald auf den neben dem Bett stehenden Lehnstuhl. Der Schmerz, welcher sich mehr und mehr auf der Brust festsetzte, presste dem Gefolterten bald Stöhnen, bald lautes Geschrei aus. Die Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz aschgrau, die Augen tief in ihre lividen Höhlen gesunken, matt, trübe; der Blick drückte die grässlichste Todesangst aus. Der ganze eiskalte Körper triefte von Schweiss, den ungemein häufigen, schnellen und härtlichen Puls konnte man kaum fühlen; der Unterleib war sehr aufgetrieben; der Durst qualvoll." Dem Arzt gelingt es, die Schmerzen zu lindern. Doch den "bequemen Lehnstuhl, in welchem sich die grosse Angst und Unruhe zuerst gelegt hatte, vertauschte der Kranke nicht wieder mit dem Bette."

 

Nach dem Abklingen der Schmerzkrise überspielt Goethe die Todesnähe durch geistige Aktivität, wie Sorets Aufzeichnungen verraten: "Wenn er jemals an die Möglichkeit seines Todes dachte – seine Worte zeigten keine Spur von Todesfurcht, und treu seinem Grundsatz war er immer mit etwas beschäftigt, um seinem Denkvermögen keine Zeit zu lassen zu erlahmen." Noch in der Nacht vom 21. zum 22. März – seiner letzten Nacht – lässt er sich ein "eben angekommenes Buch" aufschneiden und es sich "nebst zwei Lichtern" vorlegen; "allein er konnte nur noch darin blättern", erzählen die Augenzeugen. Halb wach, halb schon entrückt, versuchte Goethe also, die gewohnte Tätigkeit weiterzuführen, als ob es ein Ende nicht gäbe (genau wie der sterbende Faust!). Die Psychologie spricht in diesem Fall von einer "Todesneurose". Diese zwingt den Alten in eine Haltung der Abwehr und Verdrängung und veranlasst ihn, die Todesnähe mit aller verfügbaren Kraft zu ignorieren.

 

"In der Phantasie schien er ein Papier am Boden liegend zu erblicken, denn er fragte, warum man Schillers Briefwechsel hier liegen lasse." So beschreibt Clemens Wenzelslaus Coudray die letzten Momente von Goethes Leben. "Gleich darauf rief er Friedrich zu: 'Mach doch den Fensterladen im Schlafgemach auf, damit mehr Licht hereinkomme!' Dies waren seine letzten vernehmlich Worte. Abermals ein schlummernd blieb sein Geist in Tätigkeit, denn er fing nun an, mit dem mittleren Finger seiner aufgehobenen rechten Hand in der Luft drei Zeilen zu schreiben, welches er bei sinkender Kraft immer tiefer und zuletzt auf dem seine Schenkel bedeckenden Oberbett öfters wiederholte."

 

Als Goethe starb, sass Ottilie, die Schwiegertochter, neben dem Lehnstuhl des Alten auf dessen Bett. Die beiden Enkel Walter und Wolf befanden sich nebenan im Arbeitszimmer, und in einem anderen Raum waren einige Freunde Goethes versammelt und gingen auf und ab: der Kanzler Müller, Riemer, Soret, Eckermann und Dr. Vogel.

 

Coudray aber stand "ununterbrochen am Sessel zur Rechten und lauschte ängstlich auf seinen Zustand; endlich bemerkte ich mit Schrecken, dass die Finger der Hände sich blau zu färben anfingen (...) und ahnete ich plötzlich die Nähe des grossen Verlustes, besonders da ich, nach weggenommenem Augenschirm, Goethes sonst leuchtendes Auge gebrochen erblickte. Mit hochklopfendem Herzen bemerkte ich nun, wie derselbe von Minute zu Minute schwächer ward und schwerer atmete, er drückte sich endlich noch einmal bequem in die linke Seite des Armstuhls, nach und nach sanft erlöschen, bis um 11½  Uhr der grosse Geist seiner irdischen Hülle entfloh."

 

Am Tag darauf erschien in der "Weimarer Zeitung" folgende Todesanzeige: "Gestern vormittags halb zwölf Uhr starb mein geliebter Schwiegervater, der Grossherzogl. sächsische wirkliche Geheime-Rat und Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe, nach kurzem Kranksein, am Stickfluss in Folge eines nervös gewordenen Katharralfiebers. Geisteskräftig und liebevoll bis zum letzten Hauche, schied er von uns im dreiundachtzigsten Lebensjahre.

 

Weimar, 23. März 1832. Ottilie, von Goethe, geb. Pogwisch, zugleich im Namen meiner drei Kinder, Walter, Wolf und Alma von Goethe."