La forza del destino. Giuseppe Verdi.
Oper.
Alvetina Ioffe, Julia Likowski, Yassu Yabara, Romy Springsguth, Martin Mallon, Christian Aufderstroth, Zsolt Czetner. Bühnen Bern.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 4. Mai 2026.
> Durch das Werk läuft ein Bruch, der nicht zu kitten ist: Auf der einen Seite gibt es Giuseppe Verdis sublime Musik. Auf der anderen Seite den bodenlosen Irrsinn von Geschichte und Libretto. Nimmt man "La Forza del destino" ernst, geraten Kopf und Verstand, Herz und Gefühl heillos durcheinander. Im Stadttheater wird die disparate Grundstruktur der Oper jetzt durch eine ehrliche Inszenierung bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Qualvolle Überblendungen machen die fragwürdigen Werte deutlich, für welche die jungen Männer in autoritären Zeiten Blut und Leben hergeben: Heldentum, Ehre, Gott, Führer und Vaterland. Gleich radikal wie die Regie geht die musikalische Realisation zuwege. Sie treibt die Schönheit der Partitur mit beeindruckender Konsequenz ans Licht. Auf diese Weise schreibt sich die "Forza" durch ihren schmerzhaften, aber wohlüberlegten Bruch achtunggebietend in die Berner Operngeschichte ein. <
Fein abgestuft honoriert das Premierenpublikum die künstlerischen Leistungen an der Realisation dieser aussergewöhnlichen "Forza del destino". Das Orchester und die Dirigentin Alvetina Ioffe bekommen den intensivsten und längsten Applaus. Sie haben die dreistündige Oper mit kraftvollem Einsatz, scharfkantiger Präzision, packendem Ensemblespiel und klug phrasierten Solostellen bis zum letzten Takt lebendig und mitreissend durchgetragen. Wenn jungen Autoren geraten wird, sie sollten so schreiben, als sei noch nie vor ihnen geschrieben worden, so möchte man meinen, das Berner Symphonieorchester habe, zusammen mit dem von Zsolt Czetner vorbereiteten Chor, noch nie so gut geklungen. Ein Höhepunkt in der Berner Operngeschichte.
Dann die Gesangssolisten! Die Verbeugung von Marcella Rahal (Preziosilla) löst einen Beifallsorkan aus. Und mit Wärme bedankt sich der Saal für die respektgebietenden, rollendeckenden, untadeligen Leistungen von Caterina Marchesini (Donna Leonora), Christian Valle (Marchese di Calatrava und Padre Guardiano), Gustavo Castillo (Don Carlo di Vargas), Mihails Čuļpajevs (Don Alvaro), Jonathan McGovern (Melitone) und Diana Mian (Curra).
Doch wie Julia Lwowski als Regisseurin, Yassu Yabara als Bühnenbildnerin, Romy Springsguth als Kostümbildnerin, Christian Aufderstroth als Beleuchtungsmeister und Martin Mallon als Mann für Video und Live-Kamera die Bühne betreten, kippt der Applaus um in einen Buhsturm. Dieses Team nämlich ist schuld, dass man die herkömmliche Oper nicht wiedererkennt: Es hat Regietheater als Ideologiekritik betrieben. Dieses Konzept finden die meisten unstatthaft. Sie wollen sich nicht belehren lassen durch werkfremde Einsprengsel und wehren sich gegen die Botschaft von Feminismus und Wokeness.
In der Tat sprengt die Produktion das geschlossene Werk in jeder Hinsicht auf. Noch vor Aufführungsbeginn befragt ein Fernsehreporter die Leute im Saal nach ihren Erwartungen und schafft dadurch eine Verbindung zwischen der bernischen Wirklichkeit des Hier und Jetzt mit einem fiktionalen Damals und Einst, das von Verdi und seinen Librettisten beschworen wurde. Schon erfasst die Kamera ein vornehmes Paar in der Proszeniumsloge. Es gehört wohl noch zu den Zuschauern, ist aber auch bereits Bestandteil der Handlung. Die Nahaufnahme verrät, wie die Finger einander kosen. Wie immer bei Verdi hat die Vater-Tochter-Beziehung ein Gschmäckle. Die Inszenierung unterstreicht diese Tatsache, indem sie die Rollen des Marchese di Calatrava und des Padre Guardiano, beide für Bass geschrieben, zusammenlegt. Der leibliche Vater ist auffahrend und adelsstolz, der geistliche gottesfürchtig und bescheiden. Zwei Seiten der gleichen Erziehungsinstanz.
Indem nun die Kamera das Geschehen auf und neben der Bühne überträgt, macht sie das Private öffentlich. Darin besteht das Wesen des Theaters seit jeher, und darin besteht auch, seit Beginn dieses Jahrtausends, das Wesen der sozialen Medien. Die beiden Darstellungsmittel machen lesbar, wie das Individuum mitgestaltet wird durch ein Konglomerat von geschichtlich überlieferten und gesellschaftlich geformten Vorstellungen, dem sogenannten Über-Ich. Aus heutiger, von Feminismus, Pazifismus und Wokeness definierter Auffassung sind die Überzeugungen fragwürdig, nein: überholt, welche "La Forza del destino" predigt: Aufopferung von Blut und Leben für Moral, Führer, Ehre, Gott und Vaterland, Ungleichheit von Mann und Frau, Ungleichheit der Rassen. "Ich bin so rein wie du!", behauptet der eine. Der andere widerspricht: "Nein, du bist befleckt von Mulattenblut!"
Dieser Auffassungsweise widerspricht die Inszenierung, und sie unterbricht den Lauf der Handlung für eine neue Predigt:
Wenn Gott als Idee überhaupt einen Wert oder Zweck hat, kann es nur der sein, uns grösser, freier und liebevoller zu machen. Wenn Gott das nicht schafft, ist es an der Zeit, ihn loszuwerden.
Aus der Heiligen Kümmernis, Psalm 23,2
Die Vielfalt!
Die Vielfalt der Körperlichkeit,
die Vielfalt der Spielformen,
der Gesten.
Die Vielfalt!
Mit der Vielfalt eines multiperspektivischen Vorgehens arbeitet die Bühne die Brüche, Widersprüche und Schwächen von Verdis Oper kompromisslos heraus. Gekittet wird nichts, übertüncht auch nichts. Kopf und Verstand, Herz und Gefühl des Publikums geraten durch dieses Konzept heillos durcheinander. Um so strahlender jedoch erscheint in diesem Chaos die Schönheit der Musik. Und auch sie hat eine Predigt:
Hominum confusione et Dei providentia.
Durch die Verwirrung der Menschen und durch die Vorsehung Gottes.
Dieses Motto zitiert der protestantische Theologe Karl Barth in seiner "kirchlichen Dogmatik". Für ihn ist der Satz nicht fatalistisch, sondern theologisch-dialektisch zu verstehen. Er spricht von der Realität der menschlichen Irrtümer, verweigert aber die Deutung der Geschichte als bloss chaotisch. Neben der "confusio" steht die "providentia", die Möglichkeit des guten Ausgangs, der nicht aus menschlicher Kontrolle erwächst. Von dieser Utopie kündet in Bern die musikalische Seite der "Forza del destino" mit beeindruckender Durchschlagskraft.
Eine neue Sicht auf ...
... die immergleichen ...
... Verhältnisse der Welt.
