Alexeji Gerassimez Percussion Collective. Philip Glass, Johann Sebastian Bach, Alexeji Gerassimez.
Konzertabend.
Meisterkonzerte im Staatstheater Braunschweig.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. April 2026.
> Am Schluss des Konzerts trommeln die Leute derart heftig mit den Füssen, dass im Parkett die Befürchtung aufsteigt, die Ränge könnten einstürzen. Doch glücklicherweise erträgt das Gebäude den Sturm. Der Applaus hört erst für die Zugabe auf: Die vier Musiker des Alexeji Gerassimez Percussion Collective beginnen sanft zu klatschen, übertragen dann den Rhythmus auf die Füsse, bewegen sich über die Bühne und verschlingen sich zum Tanz. Die Balkone brechen in Begeisterung aus. Doch der Leader legt seine gefalteten Hände an die Wange: "Wir gehen jetzt schlafen!" Zu recht. Nach diesem Meisterkonzert hat das Ensemble einen guten, erholsamen Schlaf verdient. <
In "The Passionate Years" erinnert sich die Schriftstellerin und Verlegerin Caresse Crosby ans frühe zwanzigste Jahrhundert. Als Ezra Pound 1930 Paris besuchte, wünschte er "den unverfälschten Charme des nächtlichen Paris" zu geniessen:
Ich führte ich ihn in die "Boule Blanche", wo eine bemerkenswert schöne und brillante Gruppe von Musikern aus Martinique hinreissend Musik spielte. Wir hatten einen Tisch in der ersten Reihe, und ich war wie gebannt – mein gebrochenes Herz liess mich nicht tanzen, was vielleicht auch ganz gut so war. Als die Musik an Intensität zunahm, beobachtete Ezra die Tänzer mit grossem Interesse. "Diese Leute haben keine Ahnung von Rhythmus", rief er verächtlich. Er schloss die Augen, streckte sein rotbärtiges Kinn nach vorne und begann, mit den Füssen zu trommeln. Unfähig, auch nur eine Minute länger stillzusitzen, sprang er plötzlich auf die Tanzfläche und packte die zierliche martinikanische Zigarettenverkäuferin in seine Arme, wobei die Päckchen durch die Luft flogen; dann warf er den Kopf zurück, schloss die Augen, streckte das Kinn vor und begann eine Art Voodoo-Tanz, bei dem er die zierliche Partnerin fest an seine wie Kolben pumpenden Knie presste.
Die heisse Musik wurde noch heisser. Ezra wurde noch heisser. Einer nach dem andern lösten sich die uninspirierten Tänzer von der Fläche und bildeten einen Ring, um diese koloniale Ekstase zu beobachten – immer weiter tanzten die beiden, bis die Musik mit einem letzten Kreischen der Becken zusammenfiel. Ezra öffnete die Augen, schob das Zigarettenmädchen beiseite wie ein erloschenes Streichholz und sackte in den Stuhl neben mir. Der Raum stiess einen langen, orgastischen Seufzer aus – ich auch.
In Braunschweig, wo kein Lyriker von Weltrang im Publikum sitzt, ist die Sinnlichkeit der Töne nicht orgiastisch, sondern keusch, sensibel ... und atemberaubend exakt. Alexeji Gerassimez erkundet mit seinen Mitspielern, wie Material auf die Begegnung mit Fingern und Händen reagiert. Das Betasten löst Töne unterschiedlicher Höhe, Lautstärke und Klangfarbe aus, je nach Unterlage, Intensität und Art der Schläge.
Der Abend beginnt mit einem Alltagsgeräusch: der Betätigung eines Kippschalters, wodurch eine Kugellampe zum Leuchten kommt. Für die vier Musiker wird das Klicken zum Spiel, gleich wie die Erforschung einer Treppenhausbeleuchtung für die Kinder. "Nocturne" heisst das Stück von Mátyás Wettl.
Jetzt aber leuchtet am Handgelenk einer Zuschauerin in der vorderen Reihe die Apple Watch auf. Während das Ensemble dem Lauf des Wassers folgt, wie ihn Philip Glass in "Águas da Amazônia" beschreibt, beugt sich die Frau gefesselt aufs Handy.
Am Wiener Burgtheater erklärt jeweils eine Lautsprecherstimme vor den Vorstellungen: "Das Leuchten Ihres Displays stört die Mitwirkenden und Zuschauer. Bitte schalten Sie das Mobiltelefon aus!" In Braunschweig ist die Botschaft noch nicht angekommen. Die Nicht-mehr-Zuschauerin kommuniziert unentwegt mit der Aussenwelt.
Auf der Bühne nimmt Alexeji Gerassimez eine Flasche zur Hand und entlockt ihr durch rhythmisches Befingern überraschende Geräusche, bis am Schluss das wohlvertraute "Pfft!" erklingt (Soul of Bottle). Doch das schimmernde Gerät in der Vorderreihe erschwert die Konzentration: "Wann stellt die endlich das Handy ab? Die Nachbarn sollten sie schubsen! Leider sitzt sie für mich ausser Reichweite. Was mache ich bloss?"
Mit geschlossenen Augen sehe ich die Störung nicht mehr. Aber auch nicht, wie sich die vier schwarzgewandeten Musiker durch die Landschaft bewegen. Die Bühne ist ja vollgestellt mit Perkussionsinstrumenten aller Art – aus Holz, Metall, Stein, Glas und Fell. Man kann mit ihnen nach dem Lehrbuch umgehen – links, rechts, links, rechts ... links, links, rechts, rechts – doch man kann auch frei mit Stöcken und Fingern auf Kanten und Schallkörper schlagen (Alexeji Gerassimez: Asventuras).
Während die Augen kein Bild mehr übermitteln, entdecken die Ohren, dass das Haus mit den Instrumenten interagiert. Die Töne haben eine räumliche Audehnung analog zur Halo des Mondes am verschleierten Nachthimmel. Was man aber nicht mehr wahrnimmt ist, dass die Stöcke bei den Wirbeln Viertelkreise bilden und gleich erstarren wie die Radspeichen im Film, wenn die Bildgeschwindigkeit nicht mehr mitkommt.
Das Konzert macht klar: Das Spielen von Schlaginstrumenten erfordert die vollkommene Durchmischung von Körper, Geist und Komposition. Dabei befinden sich die Musiker in einem Zustand, in dem das Hier und Jetzt mit dem Drüben und Nachher zur Einheit verschmilzt. Aus jenem Drüben erklingt nun "Contrapunctus 1" aus der "Kunst der Fuge" BWV 1080. Das Stück erweist sich als Offenbarung. Wahrhaftig, Johann Sebastian Bach war der Grösste. Apple kann einpacken!
Das Percussion Collective in Aktion.
