Die einsamen Frauen. © Björn Hickmann / Stage Picture.

 
 

 

Babettes Fest. Karen Blixen.

Schauspielfassung von Christoph Diem und Holger Schröder.

Schauspiel.

Christoph Diem, Florian Barth. Staatstheater Braunschweig.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. April 2026.

 

> Wie bei den Nachrichtensendungen, Radio-Features und Hörspielen üblich, werden seit einem Jahrzehnt auch die Schauspielaufführungen mit Tönen unterlegt. Je nach Produktion heissen sie "Musik", "Sound Design", "Klang" oder "Komposition". Bei "Babettes Fest" am Staatstheater Braunschweig nennt man sie "Tonspur". Für sie zeichnet Bühnenbildner und Videomann Florian Barth, der langjährige Produktionspartner des Regisseurs Christoph Diem. Die beiden nehmen es mit der Kulturgeschichte nicht so genau. Zu den Daten aus dem 19. Jahrhundert, die eingeblendet werden, um die Geschichte zu verorten, erklingen Rumpeljazz-Motive. Sie kamen im 20. Jahrhundert auf – doch nicht im pietistischen Norwegen, wo die Handlung spielt, sondern im Süden der Vereinigten Staaten. Damit wird Ungefähr zum Stilmerkmal der Aufführung. <

 

In der Kindheit teilten die Brüder Joyce – James (*2. Februar 1882) und Stanislaus (*17. Dezember 1884) – die Lektüre. Stanislaus erinnert sich:

 

James betrachtete den Stil – ob gut oder schlecht – als den intimsten Ausdruck des Charakters, und schlampiges Schreiben rief bei ihm stets zornige Verachtung hervor.

 

Verschiedene Bemerkungen in Stanislaus' Tagebuch veranlassten James, ein Traktat mit dem Titel "Lohnt es sich zu leben?" (Is Life Worth Living?) zur Hand zu nehmen.

 

Nachdem er sich durch etwa ein Drittel des Buches gekämpft hatte, warf er es mit einer verächtlichen Frage beiseite: "Lohnt es sich, solche Prosa zu schreiben?"

 

Die analoge Frage stellt sich bei der Aufführung von "Babettes Fest" in Braunschweig: "Lohnt es sich, auf diese Weise Karen Blixens Erzählung zu vermitteln?" Im Druck umfasst der Titel je nach Ausgabe zwischen 80 und 85 Seiten. Die Aufführung dauert 1 Stunde und 40 Minuten. Rechnet man den Weg zum Theater ein, hält sich der Zeitaufwand für Lektüre und Aufführung die Waage.

 

Aber mit dem Text hat man das Original. Man kann es behalten und jederzeit wieder hervornehmen. Durch die Aufführung bekommt man – wie beim Film – nur eine bestimmte Fassung geliefert, also die eingeschränkte Sicht eines Aufführungsteams auf die Sache. Sie verflüchtigt sich nach der Vorführung und landet im Orkus des Gedächtnisses.

 

Wenn Christoph Diem und Holger Schröder den Erzählfaden auf der Bühne ausspinnen, legen sie auf additive Weise dar, was dann und dann und dann und dann geschah, und der Zuschauer fragt sich: Muss ich mir das merken? Und wenn ja: Warum? In der Schule würde die Antwort lauten: Weil's an der Prüfung vorkommt! Aber im Theater?

 

Im kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters stehen die Figuren da wie im Bilderbuch. Die Legende kommt aus dem Mund der Mitwirkenden. In Kurzszenen bewegt sich die Aufführung an das Fest heran und bildet ein Gemisch aus einordnenden, berichtenden, erklärenden und pantomimischen Elementen, durchsetzt mit ausagierter Personenrede.

 

Nach einer Stunde wird das Publikum zum grossen französischen Diner auf die Bühne gebeten, um sich an Babettes Fest zu beteiligen. Christopher Rüping hat die Pointe vor zwölf Jahren eingeführt, beim "Fest" in Stuttgart. Dann bei "Dionysos Stadt" in München. Beide Male wurde er dafür ans Berliner Theatertreffen eingeladen.

 

Seither floss viel Wasser unter den Brücken von Neckar, Isar, Spree und Oker vorbei. Über "Babettes Fest" berichteten nur noch die "Braunschweiger Zeitung" und die "Deutsche Bühne" im November 2023. Und heute, mit einer Verspätung von zweieinhalb Jahren, "Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt". Du liebe Zeit! Lohnt es sich, dafür Karen Blixens Erzählung auf die Bühne zu bringen? 

Ein langer Blick.

Ein kurzer Abschied.