Au-delà de toute mesure. Elsa Agnès.
Schauspiel.
Elsa Agnès, Aliénor Durand. Comédie - CDN de Reims im Théâtre de la Tempête, Paris.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. März 2026.
> Was Nicolá Gómez Dávila für die Literatur statuierte, gilt auch fürs Theater: "Nicht die Botschaft eines Buches, sondern sein Klima ist es, das uns einlädt, in ihm zu hausen." Das Dreipersonenstück von Elsa Agnès illustriert die Tatsache, indem es die Bühnenbretter zu einem Ort der Verklärung verwandelt. Und wie bei den Jüngern auf dem Berg Tabor formt sich das Gebet: "HERR, hier ist gut sein! Willst du, so wollen wir hier drei Hütten machen: dir eine, Mose eine und Elia eine." Diese seltsame Erfahrung löst jetzt das Théâtre de la Tempête im Bois de Vincennes aus. <
Wenn die legendäre Putzfrau in der Galerie Beyeler fragte: "Ist das Kunst oder kann das weg?", so stellt sich gegenüber der offenen Spielfläche die Frage: "Gehört das zur Infrastruktur oder ist das Bühnenbild?" Aliénor Durand hat den Raum so unauffällig hergerichtet, dass sich die Funktion der Gegenstände erst im Lauf des Spiels definiert: Ja, der Wasserspender ist ein Wasserspender; aber er gehört nicht zum Theater, sondern zu einem Museum. Ja, das Transistorradio ist ein Transistorradio; aber es gehört nicht dem Museum, sondern den Aufsehern. Ja, was daraus erklingt, ist "Der König in Thule" von Franz Schubert; aber das Lied gehört nicht zum Radioprogramm, sondern zum Stück.
In diesem Gleiten von einer Bedeutung in die andere liegt die Vortrefflichkeit von Stück und Inszenierung. Darüber hinaus versieht Elsa Agnès als Autorin und Regisseurin noch eine der drei Rollen und führt durch diese Personalunion zurück in die Haydn-, Mozart- und Beethoven-Zeit, wo jeweils der Komponist die Aufführung seiner neuen Konzerte vom Klavier aus zu leiten pflegte.
Dass Regisseure sich nicht damit begnügen, übernommene Stücke umzukrempeln, sondern das Talent haben, eigene zu schreiben, in denen sie vielfach noch auftreten, ist eine Eigenart des französischen Theaters, die bis zu Molière hinunterreicht. Solche Allroundgenies (zu denen auch Charlie Chaplin, Johann Nepomuk Nestroy, Ferdinand Raimund und Karl Valentin zählten) sind im deutschen Sprachraum ausgestorben. Hier herrscht Stagnation. Vor einem Monat mailte eine erfahrene Schauspieldirektorin: "Ich bin erstaunt, wie langsam die Theater reagieren. Immer noch verirrt man sich im Assoziieren, Ironisieren, im Kommentieren und im Ehrgeiz, mehr Autorenschaft als der oder die Autorin zu liefern."
Eigenständige Autorenschaft nun bietet das Stück mit dem stimmigen Titel: "Jenseits aller Massstäbe" (Au-delà de toute mesure). Den Kern bildet der Spielort: Der Ausstellungsraum eines Museums mit benachbartem Personalabteil. Das Haus steht in Venedig. Damit ist das Wassermotiv gesetzt. Es spiegelt sich in den Dialogen über die gefährdete Lage der Lagunenstadt, im traurigen Lied vom König in Thule und im ironischen Requisit eines ausgetrockneten Wasserspenders.
Mit Venedig ist auch die geistesgeschichtliche Dimension gesetzt. Sie konkretisiert sich in den ausgestellten Caravaggio-Bildern: Bacchus; Junger Mann am Schreibpult; Maria Magdalena; Narziss. – Giovanni und Marie, die beiden jungen Aufseher, werden wie Violaine, die mittelalterliche Besucherin (Elsa Agnès), von den Gemälden zuerst angezogen, dann festgehalten: "Die Zeit sollte stillstehn, und wir sollten immer hierbleiben können!"
Beim Zusammenfallen von Antike und Gegenwart, mythologischer und persönlicher Geschichte, kreist die Handlung ums Doppelgestirn von Eros und Thanatos. Mit zartem Humor verschieben sich dabei der Wasserspender und der Snackautomat durch den Raum, und die Aufführung schafft den Spagat vom Dreiecksandwich über die Blockflöte bis zu Holofernes' Enthauptung.
Schopenhauer:
Die Höherbegabten sehn mehr und mehr, je nach dem Grad ihrer Eminenz, in den einzelnen Dingen das Allgemeine derselben.
Die Richtung des Geistes auf das Allgemeine ist die unumgängliche Bedingung zu echten Leistungen in der Philosophie, Poesie, überhaupt in den Künsten und Wissenschaften.
Gleich wie im Stück die drei Anwesenden von den Bildern angezogen werden, werden im Théâtre de la Tempête die Zuschauer von den drei Schauspielern angezogen. Locker und glaubhaft gleiten sie von der Banalität des Alltags in die Schönheit des Tanzes (Matteo Renouf), in die Gespaltenheit der Person (Elsa Agnès) und in die Grauenhaftigkeit des Tötens (Catherine Vinatier).
Und im Verlauf der Handlung öffnen sich die Falltüren:
Das Publikum strömt allen Seiten
strömt strömt von allen Seiten
um den Schauspieler zu sehen
und der Schauspieler begegnet dem Publikum mit nichts
als mit Unheimlichkeit
(Thomas Bernhard)
Diesen Weg erlebt das Publikum in Elsa Agnès' Aufführung mit dem stimmigen Titel: "Jenseits aller Massstäbe" (Au-delà de toute mesure).