Die Orestie. Aischylos.
Tragödie.
Anja Behrens, Laura Rsmussen, Line Felding, Bernhard Bieri. Bühnen Bern.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 22. Februar 2026.
> Gut, läuft die Aufführung nicht in der Comédie-Française! Mit ihrer viffen Intelligenz verlangt die Pariser Kritik geistvolle Sprachartistik, nicht dunkles Raunen und schweres Stöhnen. "Une débacle! " – Schade, läuft die Aufführung nicht am Goetheanum! Bei der anthroposophischen Gemeinde kommen archaische Tiefe und weit ausholendes, expressives Gebärdenspiel gut an. "Beeindruckend feinstofflich!" – Und jetzt in Bern, der wohlanständigen Universitäts- und Beamtenstadt? "Momou, si hei sech gwüss Müeh gä. Me cha dänk nüt derwider ha. Oder was meinsch du?" "I bi für e Fride. Nume kes Gchär!" – Anders die Berliner Kritik: "Pfft!" – Die Wiener Kritik: "Pah!" – Und die "Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt": "Ächz!" <
Das Vaterland ist allemal stiefmütterlich gegen ausgezeichnete Talente: denn in ihm, als dem Boden, dem sie entsprossen, herrscht der Neid, und man erinnert sich mehr der Unvollkommenheit, mit der jemand anfing, als der Grösse, zu der er gelangt ist.
(Balthasar Gracián.)
Am Dienstag trat gleich neben dem Stadttheater der weltbeste Grafiker im vollbesetzten Kornhaus-Forum auf. Es war das erste Mal, dass der 75-jährige Stephan Bundi eingeladen worden war, in Bern, der Stadt seines Wirkens, über Plakatkunst und Grafik zu reden. Die Welt jedoch kennt ihn längst. Für seine Theaterplakate zu den Schauspielen "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" und "Stiller" bei Theater Orchester Biel Solothurn errang er beispielsweise 2023 den "Red Dot Award Best of the Best", eine Auszeichnung, die nur 0.032 Prozent der eingereichten Arbeiten zukommt.
Mit KI beschäftigt sich Stephan Bundi seit ihrem Beginn. Im Kornhaus zeigte er ihre Grenzen: "Wenn ich ihr sage: 'Mach ein Plakat zum Tag der offenen Tür', zeichnet sie eine offene Tür. Es überfordert sie, Nebenwege zu suchen. Für 'Wilhelm Tell' am Stadttheater Bern ging ich zu Coop, kaufte ein Sixpack Äpfel und zeichnete es ab. Nie hätte ich eine Armbrust verwendet. Das ist zu banal. KI aber nimmt immer die Armbrust."
Den banalen, direkten Weg wählte nun auch Regisseurin Anja Behrens für ihre "Orestie" am Stadttheater Bern. Da es sich um eine Tragödie aus der Antike handelt (aufgeführt an den grossen Dionysien im Jahr 458 v. Chr. in der Inszenierung des Xenakles aus Asphidnai) öffnet sich der eiserne Vorhang im Schleichtempo, und zu pathetischem Lautsprechergrummeln (Musik: Line Felding) erscheint die – sagen wir: Schwärze der mythischen Vergangenheit.
Zu Aischylos' Zeiten erfolgten die Aufführungen am Tag, und die Zuschauer sassen im Licht. Die Handlung wurde von einem einzigen Instrument begleitet: der Kithara, die man zupfte (eine Vorform unserer Gitarre). Bern verwendet nun für die "Orestie" eine archaisch raunende Mischung elektronischer Klänge. An die Stelle des starren Sonnenlichts tritt wabernder Bühnennebel, umspielt von Bernhard Bieris ausgetüftelter Lichtchoreographie.
Die Handlung wird nicht mehr nüchtern auf flachem, festgestampftem Erdboden vorgetragen, sondern in einer gestuften, mit grauen Stoffen geheimnisvoll bedeckten Installation, über der die erstarrten Umrisse toter Helden und Pferde aufgehängt werden, während die dramatis personae ihre Verzweiflung durch heftiges Planschen in einem kreisrunden Wasserbecken ausdrücken. Dabei blitzen die Tropfen so malerisch auf wie die Funken am Neujahrsfeuerwerk. Auf diese Weise bietet "Die Orestie" am Stadttheater Bern augenfreundlichen Bedeutsamkeitskitsch anstelle von kompromissloser Geisteshelle. Kein Unterschied zu KI.
Die Schauspieler haben wenig zu sagen. Sie werden in den Raum gestellt und liefern einwandfrei das Verlangte. Herausragend: Lucia Kotikova. Ihre schmale Gestalt formt die Chiffre von Elektras hartem Rachewillen, und das "Töte sie, töte sie, töte sie!" hat die Temperatur einer Kernschmelze. Übertroffen wird die Wucht ihrer Interpretation allein durch den Orestdarsteller Patrick Baurichter: Phänomenale Wortverständlichkeit, betörende Sprachmelodie, glaubwürdige Emotion, fabelhaftes Rollenprofil. Eine Sternstunde.
Am Schluss der Tragödie verfügt die Göttin Athene als dea ex machina das Ende des Rachedenkens und Blutvergiessens. Ihr Auftritt (eine Hommage an Athen, die Austragungsstadt der Dionysien) trug Aischylos am damaligen Dramenwettbewerb den ersten Preis ein. In Bern, der Bundesstadt der schweizerischen Eidgenossenschaft, wird - im Vorgriff auf die baldige Volksabstimmung über die EU-Abkommen – eine Schar niedlicher Kinderstatisten ins Blau der EU-Flagge drapiert, und die kleinen Münder dürfen einzelne Artikel aus der Menschenrechtskonvention vortragen:
Jede Person hat das Recht auf Freiheit und Sicherheit.
Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden.
Jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.
Danach erlischt das Licht auf der Bühne, und im Saal rauscht der Applaus auf. Ende gut, alles gut.
Balthasar Gracián aber brachte schon 1647 die Berner "Orestie" auf den Punkt:
Keinen allzu deutlichen Vortrag haben.
Die meisten schätzen nicht, was sie verstehen; aber was sie nicht fassen können, verehren sie. Um geschätzt zu werden, müssen die Sachen Mühe kosten: daher wird gerühmt, was nicht verstanden wird. Viele loben etwas, und fragt man sie, so haben sie keinen Grund anzuführen. Woher dies? Alles Tiefverborgene verehren sie als ein Mysterium und rühmen es, weil sie es rühmen hören.
Tanz der Wasserfunken.
Mutter - Sohn.
Schwester - Bruder.
