La Bohème. Giacomo Puccini.
Oper.
Yannis Pouspourikas, Lucia Astigarraga, Aida-Leonor Guardia. Theater Orchester Biel Solothurn.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 21. Februar 2026.
> Das Werk sorgt für volle Häuser. Es bildet die mittlere der drei berühmten ABC-Opern: "Aida", "Bohème", "Carmen". Jetzt hat sich Theater Orchester Biel Solothurn daran gewagt und eine für seine Verhältnisse beachtliche Leistung hingelegt. Die Inszenierung schiebt die Handlung in die Gegenwart und verwandelt die Schwindsucht in Kokainsucht: Die Geschichte geht trotzdem auf. Das Orchester ist zwar zu klein, füllt aber wuchtig den Saal. Die Stimmen sind überdurchschnittlich, ja im einzelnen wirklich gross. Wer also am Jurasüdfuss lebt und Oper mag, kann die Aufführung ohne Reue besuchen. <
"Zwischennutzung". Das Wort besagt, dass eine zum Abbruch bestimmte Liegenschaft auf Zusehen hin noch vermietet wird – an Working Poor, Künstler und Randständige; zu extrem niedrigem Preis und zu extrem kurzen Kündigungsfristen. In solch einer leergeräumten Industriehalle siedelt Regisseurin Lucia Astigarraga das Völkchen der "Bohème" an, tätowiert, koksend, träumend, liebend, fluchend, saufend, umgeben von Aludosen und PET-Flaschen, verschlungenen Absperrbändern und entwendetem Baustellenmobiliar (Bühne: Aida-Leonor Guardia).
In Biel/Solothurn zeigt die Aufführung von Giacomo Puccinis Kultoper immer noch antibourgeoise Grossstadtfauna; aber nicht mehr von gestern, sondern von heute. Das Leben ist hart. Kein Weichfilter verwischt die Realität. Die Armen sterben heute nicht mehr an der Tuberkulose, sondern an der Droge. Unter diesen Bedingungen ist Mimi kein bescheidenes, argloses Geschöpfchen, das sich mit der Nähnadel über Wasser hält. Das sagt sie bloss den Leuten, weil es gut klingt. In Wirklichkeit steht die junge Frau vor dem Abgrund. Verzweifelt kämpft gleichzeitig um Dasein, Liebe und Stoff, bringt aber das verwickelte Leben nicht mehr auf die Reihe.
Im Lauf der vier Akte entwickelt Amy Ni Fhearraigh die Facetten von Mimis Schicksal, ohne deren stolzen, selbstbewussten Kern zu verraten. Damit weckt sie im Zuschauer nicht bloss Mitleid, sondern Nachdenklichkeit über die ungerechten Lebensumstände. Die Sopranistin, an der Premiere noch mit der Tendenz, zu tief zu singen, wird sich steigern, wenn sie das Vibrato unter Kontrolle bekommt. In ihrer Rolleninterpretation wird sie unterstützt von Yannis Pouspourikas. Der Chefdirigent treibt das Sinfonieorchester Biel Solothurn zu kompromissloser Härte an: Nicht stehenbleiben! Weiter, weiter! So trägt die Vulgarität der lauten Stellen den Charakter schmerzhafter Anklage.
Untadelig, nein: imponierend gestaltet Giuseppe Infantino den Dichter Rodolfo. Sein starker, gerade geführter Tenor lässt sich von den Klangwogen nicht unterkriegen, ist aber daneben zu Diminuendo und Piano fähig, ohne an Farbe zu verlieren oder zu brechen. Ein solcher Pavarotti-Nachfolger ist in Biel/Solothurn noch nie aufgetreten. Und jetzt hat er sich schon in die Theatergeschichte von TOBS! eingeschrieben.
Ihm nahe kommt Noah Kim mit seinem Bass. Er ist zwar etwas weniger ausgeglichen in den Registern, erweist sich aber in der Rolle von Marcello als zuverlässiger Secondo Uomo. Auf gleicher Stufe befindet sich Léonie Renaud als Musetta: Zuverlässige Seconda Donna. Mit dem berühmten "Quando me'n vo' " drängt sie sich nicht vor, meistert aber die Rolle mit hohem körpersprachlichem Engagement.
Im Strassentreiben des zweiten Akts laufen so viele Darsteller durcheinander, dass die Handlungsfäden etwas verlorengehen. Doch ragen aus dem Wimmelbild die Kinder des Jugendchors 1 der Musikschule Biel heraus. Ein echter Trumpf.
Nach der Pause schlägt die Situation um. Die Ernüchterung tritt ein, dann der Tod. Streng zeigt die Inszenierung, wie hart die Verhältnisse sind, wenn die Lebensbahn nie aufwärts führt:
Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)
Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen. – Giacomo Puccini: La Bohème.
Wie immerwährende Aktualität der Klassiker.
Die Solisten.
Der Chor.
Die Kinder.
