Hurra, das Ding ist zerschreddert! © Apollonia T. Bitzan.

 
 

 

Like Lovers Do (Memoiren der Medusa). Sivan Ben Yishai

Schauspiel.

Mechthild Harnischmacher. Volkstheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Februar 2026.

 

> "Leere Sitzreihen beim hervorragend inszenierten 'Like Lovers Do – Memoiren der Medusa'." Das konstatierte die "NZZ am Sonntag". Sie sprach am 1. Februar von der zur Zeit nicht mehr auf dem Spielplan befindlichen Aufführung des Zürcher Schauspielhauses. Am Volkstheater Wien ist die Produktion derweil, zwei Monate nach der Premiere, ausverkauft. Sie läuft indes nicht im grossen Saal wie in Zürich (der "Pfauen" nimmt 750 Zuschauer auf), sondern in der "Dunkelkammer" mit ihren 55 Plätzen. <

 

Nachdem die "Medusa" am 2. Juli 1816 auf Grund gelaufen war, befahl der Kapitän den Bau eines Flosses aus den Masten und Rahen der Fregatte, weil die sechs Beiboote nicht alle 400 Passagiere aufnehmen konnten. 149 Menschen wurden ausgesetzt. Das Floss sollte von den Booten an Land gezogen werden. Doch nach kurzer Zeit wurden die Taue gekappt, das Floss dem Meer überlassen. Als es gefunden wurde, lebten auf ihm noch 15 Menschen. Sie hatten sich vom Fleisch der Mitpassagiere ernährt – zuerst von den Alten, dann von den Kindern. Bis die Geretteten an Land kamen, starben noch fünf weitere.

 

Die Schrecknisse des Überlebentriebs, dargestellt von Théodore Géricault auf dem Gemälde "Das Floss der Medusa", entsprechen den Schrecknissen des Liebestriebs, wie sie Sivan Ben Yishai in den "Memoiren der Medusa" schildert. Es handelt sich dabei um den Untertitel des Theatertexts "Like Lovers Do". Die israelische Autorin, sagt das Schauspielhaus Zürich, hält "in ihrem poetischen und kraftvollen Text dem patriarchalen Geschlechtermodell den Spiegel vor". Und das Volkstheater Wien führt aus:

 

Übergriffe, Bodyshaming, Vergewaltigung, Misshandlung, Lustmord, Femizid, gesellschaftlich eingeübtes Wegschauen und Kleinreden, und dann nachts vorm Laptop die uneingestandene Fantasien von Folter und Erniedrigung – dieser Text benennt, was sonst ausgespart oder Metapher bleibt.

 

So, wie auf dem Floss Körper und Glieder durcheinanderliegen, gehen in den "Memoiren der Medusa" Geschichten und Themen durcheinander. Sie wecken in jedem individuelle Gefühle, Assoziationen und Erinnerungen. Doch die Möglichkeit, sich in der Dunkelkammer einzubringen, führt mit der Zeit zu einem undefinierten Wir-Gefühl. Wachgerufen wird es durch den Umstand, dass alle an ihrem Platz ein Kärtchen und einen Stift vorfinden. Damit können die einen formulieren, was sie unter romantischer Liebe verstehen, die andern, wie es beim ersten Mal war, und die dritten, wie sie Macht erlebt haben. Am Ende lesen Nicolas Frederick Djurien, Julia Franz Richter und Sissi Reich die Kärtchen vor. Der Mann spricht vorzüglich. Die Frauen haben – vielleicht dem Retentionsdraht geschuldet – kein S, kein SCH und kein Z.

 

Den Höhepunkt der Inszenierung von Mechthild Harnischmacher bildet ein vier Meter langer Papierstreifen. An seiner Spitze ist eine Eichel aufgezeichnet, am Ende ein Hodensack. Der Riesenpenis läuft durch die Zuschauerreihen. Wer will, kann darauf seine durch den Schwanz verursachten Traumata schreiben. Derweil erzählt die Aufführung die Geschichte der amerikanischen Ehefrau Lorena Bobbit:

 

Nach jahrelanger Vergewaltigung und Misshandlung durch ihren Ehemann John schneidet sie ihm 1993 im Tatort Ehebett den Penis ab, verlässt das Haus und schmeisst ihn letztlich durch ihr Autofenster auf ein Feld am Strassenrand. (Programmzettel)

 

Analog zu diesem Vorkommnis führt jetzt die Inszenierung das papierene Organ in den Schredder und exorzisiert damit alle Formen von Übergriffigkeit.

 

Es war aber daselbst am Berge eine grosse Herde Säue auf der Weide. Und die unsauberen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unsauberen Geister aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürzte sich den Abhang hinunter ins Meer, ihrer waren aber bei zweitausend, und ersoffen im Meer.

(Mark. 5,13)

Er kann reden. 

Sie haben kein S. 

Aber alle haben Träume.