Ostern. Daniel Kehlmann.
Ein Pandemiestück.
Stephanie Mohr, Florian Parbs, Tanja Liebermann, Sebastian Schubert. Theater in der Josefstadt, Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Februar 2026.
> Als im Frühling 2020 die Corona-Pandemie ausbrach und die Behörden den Lockdown verfügten, begann Daniel Kehlmann zu schreiben. In kurzen Dialogen hielt er typische Momente des gestörten, oft nervigen Alltags fest. Besonders interessant fürs Theater war die Reaktion der Menschen auf die neue Lage. Die Schwurbler, Wichtigtuer und Egoisten brachten am Ende für die Schauspieler der Josefstadt ergiebiges Futter. Ihre Spezialität liegt ja in der – anderswo weitgehend ausgestorbenen, weil nicht mehr gefragten – Kunst der Rollengestaltung. Da sind sie vorbildlich. <
In den neun Szenen von Daniel Kehlmanns zweieinhalbstündigem Pandemiestück "Ostern" treten 28 Figuren auf. Erst die Schlussverbeugung (oder das Programmheft) weist nach, dass hinter dem ganzen reichen Panoptikum lediglich sechs Schauspieler stecken (zwei Frauen, vier Männer). Ihre Darstellung wird getragen vom Vermögen, einen Menschen so genau zu treffen, dass man an die Wirklichkeit der Figur glaubt.
Im Alltag wird jeder, der sich verstellt, leicht durchschaut. Das Gefühl sagt einem, er sei nicht authentisch. Wenn aber die Verwandlungsfähigkeit zur Kunst entwickelt wurde, erscheinen die Menschen auf der Bühne wahrer als im Leben. Sie sind gleichzeitig wohlumrissen, greifbar und typisch – und nicht flau, unbestimmt oder schwammig wie in der Normalität. Die Qualität von Theodor Fontanes Romanfiguren definiert sich durch diese Bestimmtheit – so wie auch die Mediokrität von Daniel Kehlmanns Alltagsvertretern.
Hilfreich sind die Kostüme von Tanja Liebermann: Die speckige Flauschjacke ruft den abgehalfterten, obdachlosen Philosophieprofessor herbei. Die Uniform den niederösterreichischen Polizeibeamten. Die Leuchtweste den ungehobelten Flughafen-Mitarbeiter. Dienlich ist auch das Licht von Sebastian Schubert. Es unterstützt, zusammen mit der Maske, die Verwandlung der Darsteller und begleitet die geschmeidigen Umbauten von Florian Parbs' Bühnenbild. Mit diesen Bestandteilen schafft Regisseurin Stephanie Mohr, einmal mehr, eine runde Sache.
In der Machart bewegt sich "Ostern" zwischen Joël Pommerats Schauspiel-Etüden und den Nummern des herkömmlichen Sketch-Kabaretts. Bei diesen Formen begnügt sich die Bühne mit leichter Lesbarkeit. Entwicklung, Problematisierung und Vertiefung leistet sie nicht. – Bedeutender wäre das Pandemiestück geworden, wenn Kehlmann eine beliebige Szene zum Ausgangspunkt für ein abendfüllendes Drama genommen hätte. Dass er lange Fäden spinnen kann, hat er mit der "Reise der Verlorenen" und "Nebenan" unter Beweis gestellt. "Ostern" aber markiert in seinem Werk bloss ein Zwischenspiel – wie Corona in unserem Leben.
Einsamkeit ...
... in der Seuche ...
... mit Melancholie.
