Die Tanzstunde. Mark St. Germain.
Komödie.
Folke Braband, Stephan von Wedel. Theater in der Josefstadt, Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Februar 2026.
> In den ausverkauften Kammerspielen der Josefstadt geht die Sehnsucht in Erfüllung, die eine erfahrene Schauspieldirektorin soeben in einem per Mail übermittelten Geständnis ausgesprochen hat: "Ich bin erstaunt, wie langsam die Theater reagieren. Immer noch verirrt man sich im Assoziieren, Ironisieren, im Kommentieren und im Ehrgeiz, mehr Autorenschaft als der oder die Autorin zu liefern. Ich verstehe nicht, warum grosse und gut erzählte (und gut analysierte) Geschichten und das Eintauchen in einen Kosmos für ein paar Stunden nicht als grosse Sehnsucht des Publikums wahrgenommen werden." Mark St. Germains Zweipersonenstück "Die Tanzstunde" liefert das Ersehnte und löst damit in Wien Rührung und Gelächter aus. Eine schöne, wertvolle, aber auch verstörende Erfahrung. <
"Die Tanzstunde" bringt zwei Angeschlagene zusammen: eine junge Frau und einen älteren Mann. Er ist Professor, sie Tänzerin. Er drückt sich durch Wörter aus, sie durch Bewegungen. Er braucht, um durchs Leben zu kommen, den Kopf, sie den Körper. Aber beide haben einen Schaden: Die Tänzerin befindet sich im Krankenstand. Ihr Knie ist kaputt. Und der Professor leidet an Berührungsangst: "Ich bin ein Aspi." Die Abkürzung steht für "Asperger-Syndrom", eine spezielle Form von Autismus.
Nun brauchen die beiden voneinander Hilfe. Er will in einer Stunde tanzen lernen, um den gesellschaftlichen Akt einer Preisübergabe überstehen zu können. Am Kongress, zu dem er eingeladen wurde, ist es üblich, dass der Geehrte nach dem Dinner das Parkett besteigt und zum Dank für die Auszeichnung das Minimum leistet: einen Tanz im allgemeinen Trubel. Die Tänzerin ihrerseits – und da liegt ihre Tragik – sucht Hilfe am falschen Ort. Sie meint, es gehe darum, das Bein in Ordnung zu bringen. Dabei muss der Kopf, sprich: ihre Lebenseinstellung in Ordnung kommen. Zu dieser Erkenntnis führt der amerikanische Autor Mark St. Germain auf einem Weg voller Wendungen.
Überraschungen sind das Charakteristikum der Komödie, während die unaufhaltsame Linie in den Abgrund die Tragödie ausmacht. Durch die Überraschung fällt neues Licht aufs Bekannte. Erfolgt die Erhellung blitzschnell, reagiert das Publikum mit Gelächter. In der "Tanzstunde" passiert das alle zwei Minuten. Denn der Professor zeigt immer wieder, dass er anders tickt als die Normalos.
Die Behinderung liegt darin, dass der Aspi nicht anders kann, als stets logisch zu denken und die Wahrheit zu sagen. Unverblümt wie ein Kind spricht er aus, was er denkt und fühlt und wie er die anderen sieht. Er ist damit, wie es Günter Eich vom selberdenkenden Menschen verlangte, "Sand, nicht Öl im Getriebe". Die Blockierung der konventionellen Mechanismen schafft das Wunder, von dem Novalis träumte:
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
"Das ganze verkehrte Wesen" zeigt sich indessen nicht nur in der Einstellung der aufs Tanzen fixierten jungen Frau, die meint, ohne eine Rückkehr auf die Bühne habe das Leben für sie keinen Sinn mehr. Das "verkehrte Wesen" liegt auch in der Einstellung des Publikums, das sich, wie die Tänzerin, in seinem Wunsch nach Aufrechterhaltung des Status Quo normal vorkommt, obgleich sich die Klimakatastrophe rasant verschärft. Der Aspi im Stück spricht den Widersinn unumwunden aus (unaufhaltsame Linie in den Abgrund). Er kann logisch denken. Lügen kann er nicht.
Wie bei jedem guten Stück sind in Mark St. Germains Komödie die Charaktere plastisch, das heisst formbar. Der pointenreiche Weg führt zu Verhaltensänderungen; zuerst beim älteren Professor, dann bei der jungen Frau. Er überwindet seine Angst vor Körperberührungen. Sie ihre Angst vor der Realität. Dem Publikum steht es noch bevor, das Verhalten zu ändern.
Das wie üblich ausgezeichnete Programmheft stellt die Frage:
Wissenschaft und Medien berichten seit Jahrzehnten über die Klimakrise, dennoch werden der Müll im Meer und die Treibhausgase in der Atmosphäre immer bedrohlicher. Bringen all diese Informationen am Ende nichts, weil wir unsere Gewohnheiten, unseren Lebensstil ohnehin nicht ändern?
Tja. Vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe entspricht "Die Tanzstunde" dem famosen Tanz auf dem Vulkan. Das Gelächter bildet nur die oberste Schicht. Unter dem Boden brodelt es. Regisseur Folke Braband und Bühnenbildner Stephan von Wedel bringen die gut erzählte (und gut analysierte) Geschichte mit wohltuender Lakonie auf die Bretter: Kein oberflächliches Gewusel, keine Angeberei.
In diesem Rahmen entfalten Katharina Klar und André Pohl den Charakter ihrer angeschlagenen Menschen glaubhaft, sympathisch und echt. Wenn das Stück am Ende ins Offene mündet, wünscht man den beiden für ihre Zukunft alles Gute. Die Welt jedoch braucht mehr als gute Wünsche. "Ich bin erstaunt, wie langsam die Theater reagieren", schrieb die Schauspieldirektorin. Und erst wir! Wann beginnen wir zu reagieren?
Der Wunsch.
Der Traum.
Die Wirklichkeit.
