Johann Holtrop. Rainald Goetz.
Romanadaptation von Stefan Bachmann und Lea Goebel.
Stefan Bachmann, Olaf Altmann, Michael Göök, Sabina Perry, Sven Kaiser. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Februar 2026.
> "Die Tat allein beweist der liebe Kraft." Es ist eine traurige Bestätigung des einfachen, aber wahren Satzes von Johann Wolfgang von Goethe, dass im Umkehrschluss Dr. Johann Holtrops Leben auf dem Eisenbahngleis endet. Der Spitzenmanager ist die Faust-Figur der Gegenwart. An seinem Beispiel bietet das Burgtheater einen glanzvollen, präzisen "Abriss der Gesellschaft" (so der Untertitel der Produktion). <
Ein Chor tritt auf. Alle sagen das Gleiche. Aber die Sprache ist lädiert. Das Ohr schnappt aus dem Slang der Wirtschaft bloss einzelne Wörter auf. Der Verstand interpretiert die akustisch verzerrte Szene symbolisch:
Aus der Hörmuschel kam ein Summen, wie K. es sonst beim Telefonieren nie gehört hatte. Es war wie Gesang fernster, allerfernster Stimmen. Es war, wie wenn sich aus diesem Summen in einer geradezu unmöglichen Weise eine einzige hohe, aber starke Stimme bilde, die an das Ohr schlug, so, wie wenn sie fordere, tiefer einzudringen als nur in das armselige Gehör.
Auf der Bühne des Burgtheaters tönt der Gesang der fernen Stimmen so bundesdeutsch, dass der Verdacht an karikierende Übertreibung aufkommt. Doch in Wirklichkeit verhält es sich anders: Die Produktion stammt aus Köln. Dort ist die Sprache der Wirtschaft so geschliffen. Und ihr "Summen" passt vorzüglich zum Inhalt von Rainald Goetz' Roman. Stefan Bachmann und Lea Goebel haben ihn fürs Schauspiel am Rhein adaptiert. Und nach Übernahme der Burgtheater-Direktion haben sie ihn an die Donau transferiert.
"Der Raum ist so schwierig, dass man nicht an jedem Platz gleich gut hört", erklärt der Mann am Tonpult. "Wir hatten nur vier Tage für die Einrichtung." Der Verstand interpretiert das symbolisch: Im Managerleben geht es hopphopp. Und: Aus der Distanz nimmt man das Ganze besser wahr. Der beste Platz, um "Johann Holtrop" zu verstehen, befindet sich in der Mitte der letzten Parkettreihe. Fernand de Saussure: "Le point de vue crée l'objet." Der Blickpunkt schafft das Objekt.
Vom besten Platz aus versteht man jetzt jedes Wort. Uneingeschränkt kann man Sabina Perrys Choreographie und Körperarbeit würdigen. Sie bringt das Ensemble dazu, sich aussagestark und elegant zu Sven Kaisers Komposition zu bewegen. Die Musik klingt nach Kurt Weills schmissiger Kapitalismuskritik. Der Verstand interpretiert: In der Welt der Wirtschaft macht's das Auftreten. Und: Nur wer fit ist, kann sich oben halten.
Hauptsache ist die Vernetzung. Bühnenbildner Olaf Altmann drückt das durch ein faszinierendes Gewirr geometrisch angeordneter, senkrechter Schnüre aus. Der Verstand interpretiert: Das System bietet gleichzeitig Orientierung und Halt. Wer es verlässt, ist verloren. – Hanna Arendt:
Bin mehr denn je der Meinung, dass man eine menschenwürdige Existenz nur am Rande der Gesellschaft sich heute ermöglichen kann, wobei man dann eben mit mehr oder weniger Humor riskiert, von ihr entweder gesteinigt oder zum Hungertode verurteilt zu werden.
Dr. Johann Holtrop bleibt bis zum Schluss im System. Darum ist seine Existenz im Grund nicht menschenwürdig. Denn die Liebe fehlt. Nicht verwunderlich, endet sein Leben auf dem Eisenbahngleis.
Am Anfang der Aufführung verstösst Holtrop ein Mitglied der Geschäftsleitung aus der Firma. Am Schluss wird er selber verstossen. Und da zeigt sich: Für Menschen seiner Sorte bedeutet der Machtverlust das Todesurteil.
Das Drama erinnert an Niccolò Machiavelli:
Das Leben besteht aus einem fortwährenden Krieg der Wölfe und der Füchse. Die Wölfe schnappen sich die Beute durch Gewalt, die Füchse durch List. Dazwischen leben sich die Schafe, die von alledem nichts merken.
Für sie alle – die Füchse, die Wölfe und die Schafe – erfüllt nun das Burgtheater mit einem reinen Frauenensemble die Aufgabe, die Welt der Männer, des Geldes und der Macht treulich abzubilden. Und Beleuchtungsmeister Michael Göök stellt das Ganze so ins Licht, dass der Kritiker hochachtungsvoll verstummt. –
Sehnsucht wegzukommen.
Stets beobachtet.
Zuweilen verfolgt.
