Elisabeth! Mareike Fallwickl. (UA)
Monolog.
Fritzi Wartenberg, Leonie Falke. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Februar 2026.
> Zehn Monate nach der Uraufführung feiert das ausverkaufte Burgtheater eine Messe für die Bekehrten. Gegenstand der Botschaft ist nicht der Herr Jesus, sondern die Kaiserin Elisabeth; nicht der Erlöser, sondern die Gezeichnete. Gelitten haben beide. Und beide wurden ermordet. Der eine in Jerusalem auf dem Hügel von Golgatha, die andere in Genf auf dem Weg vom Dampfschiff zum Hotel Beau Rivage. Heute laufen die Gläubigen Jesus davon; Elisabeth aber strömen sie zu. Im vollbesetzten Burgtheater steht die ganze Gemeinde am Ende der Vorstellung auf und bricht in nicht endenwollenden Jubel aus wie seinerzeit an Pfingsten bei der Ausgiessung des Heiligen Geists. "Die andern aber hatten's ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süssen Weins [= besoffen]." (Apostelgeschichte 2,13) <
"Elisabeth!" ist der erste abendfüllende Theatertext der österreichischen Schriftstellerin Mareike Fallwickl. Ihr anderthalbstündiger Monolog besteht aus einem Gewebe von Recherche und Kommentar. Die Informationen fliessen aus der Elisabeth-Literatur und den Berichten über die Vergewaltigung von Gisèle Pélicot; der Kommentar stammt aus der Feder, beziehungsweise dem Computer der Autorin. Dergestalt vollzieht sich am Burgtheater "die Förderung weiblicher und vielfältiger Erzählperspektiven" (Programmzettel).
Stefanie Reinsperger leiht diesem Ansatz ihre Person. Wenn sie sich im schwarzen Kleid der Kaiserin (Leonie Falke) ans Publikum wendet und sagt: "Ich steh' vor euch!", denken alle: "Möglich wär's." Sie verschmilzt dermassen mit der Botschaft, dass nicht auseinanderzuhalten ist, was von ihr als Schauspielerin kommt, was von Elisabeth als historischer Person, was von der durch Autorin und Regisseurin mitgestalteten Theaterfigur. Doch wie dem auch sei: Mit "Elisabeth!" wirft "die junge Regisseurin Fritzi Wartenberg in ihrem BURG-Debüt einen vielschichtigen und feministischen Blick auf den Habsburger-Superstar" (Programmzettel).
Stefanie Reinsperger spricht nicht nur den Text, sondern nimmt zu ihm auch Stellung durch Körper, Emotionen und Haltung. Mit grenzenlosem Engagement bringt sie Leben, Ausstrahlung und Rolle, kurz: das Image der Kaiserin auf die Bühne und bewertet die kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Gegebenheiten mit Abscheu, Nostalgie, Ekel, Mitleid und Nachdenklichkeit.
Wie bei der kirchlichen Messe ist indes auch bei "Elisabeth!" nichts wirklich neu. Im Lauf einer langen Überlieferungsgeschichte haben die MissionarInnen den Gläubigen beigebracht, dass sie die Geschichte der Kaiserin aufzufassen haben als Beweis für die ungerechten Verhältnisse, welche geschaffen wurden durch das aristokratische, heute: wirtschaftliche Machtgefälle, die Unterdrückung der Frau, das patriarchale System, die gesellschaftlichen Zwänge und den Mangel an Selbstbestimmung.
Während aber im Burgtheater die Zuschauerinnen angesprochen und die Zuschauer ins Visier genommen werden, langweilen sich die, für welche in der inklusiven Schreibweise das * steht. Sie sind von der Botschaft ausgeschlossen. Darum zucken sie im Finstern mit den Schultern und denken: "Alte Dinge, längst gehört, längst verschmerzt." (Kafka.) Nil novum sub sole.
