Zwei auf einer Bank. © Tommy Hetzel.

 
 

 

Der irrende Planet. Robert Walser.

Inszenierung von Prosatexten.

Barbara Frey, Martin Zehetgruber. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Februar 2026.

 

> Es passiert wenig. Der 88-jährige Martin Schwab sitzt an einem Pult, öffnet ein Buch und beginnt vorzulesen: "Der Spaziergang" von Robert Walser. Die 63-jährige Maria Happel tritt auf, eine Strickjacke um die Schultern geschlagen, und spricht den weisshaarigen Kollegen an. Sie fühlt sich bei seinem Anblick an eine berühmte Schauspielerin erinnert. Doch aus der Begegnung entsteht kein Dialog; Walsers Prosa bleibt monologisch. Trotzdem ist an diesem schlichten, ereignisarmen Abend das Wiener Akademietheater bis auf den letzten Platz besetzt. <

 

Zurückhaltend bringt Barbara Frey die Verflechtung von äusserer Welt und Seelenzustand im assoziativ schwebenden Bühnenbild von Martin Zehetgruber zur Darstellung. Ihre Inszenierung setzt ein mit dem Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande. Der Bühnenraum wird durchzogen von gesummten, geblasen und geschlagenen Tönen (Live-Musik Josh Sneesby/Tino Klissenbauer). Der Autor aber, der das beschreibt, macht sich klein. Er gibt sich als bescheidenes, anständiges, wohlerzogenes Kind. Typisch Schweizer. Geboren 1878 in Biel, einer Kleinstadt am Jurasüdfuss.

 

luege

aaluege

zueluege

 

nöd rede

sicher sii

nu luege

 

nüd znäch

nu vo wiitem

ruig bliibe

 

(Eugen Gomringer.)

 

Laut Programmzettel beschreibt "der spazierende und assoziierende Geist eines Dichters die Grundbedingungen von Kunst: Um frei und schöpferisch sein zu können, müssen wir ausgetretene Pfade verlassen."

 

In Wirklichkeit ist Walsers Sprache jedoch geprägt von Zwängen: Alles muss nett sein; und er selber muss alles nett finden. – Die Obsession zwingt zu Zweigliedrigkeit: Zwei Sätze pro Gedanke. Zwei Adjektive pro Substantiv.

 

Der Zwang führt zu Aggression. Beim Mittagessen, zu dem Frau Aebi eingeladen hat, kommt die verlarvte Bosheit ans Licht: "Nehmen Sie doch noch ein bisschen! Nehmen Sie!" "Ich kann nicht mehr! Ich kann wirklich nicht mehr!"

 

Was da passiert, hat Wilhelm Busch beschrieben:

 

Die erste alte Tante sprach:
Wir müssen nun auch dran denken,
Was wir zu ihrem Namenstag
Dem guten Sophiechen schenken.

 

Drauf sprach die zweite Tante kühn:
Ich schlage vor, wir entscheiden
Uns für ein Kleid in Erbsengrün,
Das mag Sophiechen nicht leiden.

 

Der dritten Tante war das recht:
Ja, sprach sie, mit gelben Ranken!

Ich weiss, sie ärgert sich nicht schlecht
Und muss sich auch noch bedanken.

 

An der Oberfläche folgt Robert Walser der Aufforderung: "Harmloses, bitte" (Titel eines Romans der Schweizer Dichterin Erica Pedretti, die jahrzehntelang am Bielersee wohnte). Aber darunter liegt die schwarze Lava des Unausgesprochen. Mit gewundenen Körperbewegungen spricht Sabine Haupt von der Reue, eine saftige Wurst verzehrt zu haben. Jetzt gibt es die Delikatesse nicht mehr.

 

Hinter dem kleinen Gegenstand verbirgt sich ein grosses Thema: die selbstverschuldete Unwiederbringlichkeit. Zu ihr gehört der Verlust der Unschuld; der Verlust des Friedens; der Verlust der Arten; der Verlust des Planeten ...

 

Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für gross: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für grösser als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau emporschwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge emportreibt und auf den Flächen der Berge hinabgleiten lässt. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen und reissen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich.

 

Die Zusammenhänge, die Adalbert Stifter 1853 in seiner Vorrede zu den "Bunten Steinen" beschrieben hat, charakterisieren Robert Walsers Prosa. Das winzig kleine, oft kaum mehr auffindbare Dahinter – und der verborgene, oftmals verlorengegangene Sinn – machen den 1878 in der Kleinstadt Biel geborenen Dichter zum Avantgardisten der literarischen Moderne.

 

Die Beweglichkeit, sagt Peter Utz, "bewahrt Walsers Texten Leben und Aktualität. Die Sicherheit, die sie dem Leser nehmen, geben sie ihm als 'Bewegungs­freiheit' wieder zurück. Walser schreibt die grossen Weltworte in seiner Kleinschrift nach. Im Mikrokosmos seiner Texte geraten ihre Widersprüche ins Tanzen, ihr falscher Ernst verwandelt sich in das kritische Vergnügen des Lesers."

 

Für das "kritische Vergnügen", an einem stillen, unspektakulären Abend Robert Walsers Texten begegnen zu können, bedankt sich jetzt das Publikum im vollbesetzten Wiener Akademietheater mit reichem, langem Applaus.

Das Buch und die Stimmen aus der Ferne. 

Die Leserin und die Aussenstehende.