Zu ebener Erde und erster Stock. Johann Nepomuk Nestroy.
Posse.
Bastian Kraft, Jasmin Kruezi, Alexander Xidi Christof. Burgtheater Wien.
Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Februar 2026.
> Das Kreuzen ist Bastian Krafts Spezialität. In den Inszenierungen lässt er vorbereitetes Video und lebendiges Spiel ineinanderlaufen. Unter den Darstellern vermischt er Rollen und Geschlechter. Aus diesen Verschlaufungen entwickelt er seine eigene Spezies von Gesamtkunstwerk (denn Musik ist immer auch dabei; diesmal von Alexander Xidi Christof). Angewendet auf Nestroy, den Kreuzungsmeister des 19. Jahrhunderts, funktioniert, wie sich zeigt, das Verfahren besonders gut, und am Burgtheater bekommt das Publikum des 21. Jahrhunderts die alte "Posse mit Gesang" in einer überzeugenden Interpretation neu geschenkt. <
Johann Nepomuk Nestroys Komödien entstanden für das Wiener Vorstadtpublikum, also für die kleinen und eher armen Leute. Der Autor, Schauspieler, Regisseur und Direktor des Carltheaters in der Leopoldstadt (dem zweiten Wiener Gemeindebezirk mit dem Spitznamen "Mazzesinsel" [Judenviertel]) beleuchtete mit scharfem Strahl die Verhältnisse und ermöglichte es den Menschen, für die Dauer einer Vorstellung frei zu atmen.
Wiedererkennung war das eine Heilmittel, Humor das andere. "So ist das Leben!", konnte das Publikum sagen; "doch jetzt lach' ich darüber!" Alles Belastende wurde von der Bühne wahrhaft gespiegelt, und die Trefflichkeit wirkte befreiend – gleich wie im Märchen der Fluch vergeht, sobald er benannt wurde.
"Nun, Frau Königin, wie heiss ich?"
"Heissest du Kunz?"
"Nein."
"Heissest du Heinz?"
"Nein."
"Heisst du etwa Rumpelstilzchen?"
"Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt", schrie das Männlein und stiess mit dem rechten Fuss vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuss mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.
Bei Nestroy lautet der Name hinter dem Spuk: Arm und Reich. Die Armen wohnen zu ebener Erde, die Reichen im ersten Stock. In der Posse geht es nun – wie auch sonst im Leben – ums Hinauf- und Hinunterkommen, das heisst: ums Geld. Alle verlangen ihren Teil. Oft mehr, als sie brauchen, und mehr, als sie verdient haben. Dabei mischen sich in aufregender Weise Zufall und Unberechenbarkeit, Raffgier und Schlauheit. Die meisten Figuren sind stupid, verschlagen, stolz, böse oder eingebildet; ein paar wenige gutmütig, überlegen, selbstlos. Der Unterschied erklärt sich dadurch, dass das Herz der wenigen nicht vertrocknet ist, sondern zur Liebe fähig. Unter diesem elementaren Blick gestaltet Nestroy die Posse als Märchen: Die Bösen werden bestraft, die Guten belohnt.
Bastian Kraft antwortet auf die Zweidimensionionalität der Darstellung mit der Kreuzung von vorbereitetem Video (Jasmin Kruezi) und lebendigem Spiel. Die Geschichte von Arm und Reich entspinnt sich als bewegtes Bilderbuch: farbenfroh, abwechslungsreich, mit prallen, wohlumrissenen Gestalten. Und zwischen den Portalen des Burgtheaters erfahren jetzt die Zuschauer die Wahrheit gemäss dem Wort: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …" So verhält es sich mit dem Unterschied von Kunst und Leben bei Bastian Kraft.
Jean Paul:
Warum muss bloss die Dichtkunst das zeigen, was du versagst? Ach Schicksal, dichte doch selber öfter!
Der Diener als Herr.
Die Armen als Gewinner.
Die Mutter als Mann.
