Mime und Siegfried sind nicht allein. © Rob Lewis.

 

 

Siegfried. Richard Wagner.

Oper.

Nicholas Carter, Ewelina Marciniak, Mirek Kaczmarek, Julia Kornacka. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 15. April 2024.

 

> Von allen Wagner-Opern ist "Siegfried" die proble­matischste – bezüglich Komposition, Dramaturgie und Kondition. Fünfein­halb Stunden sind im Zuschauerraum abzusitzen. Während dieser Zeit gleiten tausend und abertausend Stabreime über die Schrift­tafeln: "Mit allen Sinnen / seh ich nur sie, / die wonnig wogende Welle." Die gedrechselten Formulierungen des Bayreuther Meisters (der sich als Dichter höher einschätzte denn als Komponist) sind schon ein Problem. Für Menschen, die TikTok mögen, wird das Problem akzentuiert durch die extrem langsame, beinahe statische Handlung. Doch während die Zuschauer da sitzen und sitzen und sitzen, nimmt es einigen, wie die Berner sagen, den Ärmel hinein. Ihr Widerstand erliegt der hypno­tischen Kraft, die von den Sängern und Musikern ausgeht. Und ehrlich: War das Berner Symphonieorchester je so gut? Als am Schluss der dritte Akt verklungen ist, murmelt ein alter Besucher: "Schade, ist es vorbei. Ich sollte ein zweites Mal kommen. Dann würde ich vermutlich mehr verstehen und das Ganze von Anfang an besser würdigen können." <

 

1963 stellte Kurt Pahlen fest, theoretisch gebe es für die Inszenierung von Wagner-Opern "zwei Wege, die zu einander entgegengesetzten Extremen führen: äusserster Realismus und äusserste Stilisierung. Kann der erstere zur Gefahr der Lächerlichkeit führen, so ergibt sich aus dem zweiten das Schreckgespenst der Nüchternheit".

 

Auf der Bühne ist der "äusserste Realismus" nach Wagners Tod aus ästhetischen und praktischen Gründen ausgestorben, auch wenn ihn der Komponist mit obsessiver Genauigkeit vorschrieb:

 

Fafner [der Drache] wälzt sich weiter auf die Höhe herauf und sprüht aus den Nüstern auf Siegfried. Siegfried weicht dem Geifer aus, springt näher zu und stellt sich zur Seite. Fafner sucht ihn mit dem Schweife zu erreichen. Siegfried, welchen Fafner fast erreicht hat, springt mit einem Satze über diesen hinweg und verwundet ihn an dem Schweife. Fafner brüllt, zieht den Schweif heftig zurück und bäumt den Vorderleib, um mit dessen voller Wucht sich auf Siegfried zu werfen; so bietet er diesem die Brust dar: Siegfried erspäht schnell die Stelle des Herzens und stösst sein Schwert bis an das Heft hinein. Fafner bäumt sich vor Schmerz noch höher und sinkt, als Siegfried das Schwert losgelassen und zur Seite gesprungen ist, auf die Wunde zusammen.

 

Wagner begleitet diese Aktion kompositorisch mit einer grossen illustrierenden Passage. Unter Verwendung verminderter Septimenakkorde schildert das Orchester abwechslungsweise die Akteure und kombiniert sie mit ihren Themen. Es malt Sieg­frieds Sprünge, das Gewicht des Drachen, das Aufrichten des Ungeheuers, das Hineinstossen des Schwerts, den Fall des Körpers, die Zuckungen des Todeskampfs und die endgültige Erstarrung.

 

In der Musik ist also der "äusserste Realismus" verwirklicht. Für die Bühne dagegen hat das Regieteam in kluger dialek­tischer und auch zeitgemässer Entscheidung den Weg "äusserster Stilisierung" gewählt. Von einer Arbeiterküche führt Mirek Kaczmareks Dekor in abstrakte Bergeshöhn mit harten Felsen­zacken und schwarzen Wolkengebilden aus glänzendem Plastik.

 

Fafner tritt nicht als Drache auf, sondern als Mensch, genauer: als Oligarch mit Sonnenbrille und Glitzermantel. In solcher Staffierung erscheinen heute die Leute, die den Reichtum horten. Man sieht: Die Charakterisierung erfolgt durchs Kostüm. Julia Kornacka versieht Siegfried mit einem zerknitterten T-Shirt und den geizigen Mime mit einer alten Strickjacke. Wenn der junge Held zur "nun sichtbar werdenden Felsenhöhe" aufsteigt und die schlafende Brünnhilde mit einem Kuss auferweckt zu Leben und Liebe, tragen die beiden – wie alle Höhergestellten – schwarze Gesellschaft­sanzüge.

 

"Das Schreckgespenst der Nüchternheit", das Kurt Pahlen zufolge dem Konzept der Stilisierung droht, bannt Regisseurin Ewelina Marciniak durch Einbau eines fortlaufenden choreogra­phischen Kommentars, und durch Tanz und Luftakrobatik ent­stehen zusätzliche Sinndimensionen. Die schönen bewegten Körper der Company gehören zur Generation Z. An ihrer mal belustigten, mal zynischen Haltung geht Wagners Weltdrama vorbei. Erkannte der scharfsichtige George Bernard Shaw im "Ring des Nibelungen" die Darstellung sozialrevolutionärer Themen wie Kapitalismus, Proletariat, Unternehmertum, Intel­lektua­lität und Anarchismus, verwirklicht sich bei der Tänzer­gruppe die Haltung des privaten Hedonismus.

 

Im dritten Akt mündet "Siegfried" schliesslich laut Shaw in "Oper und nichts als Oper":

 

Noch bevor viele Takte gespielt sind, singen Siegfried und die erwachte Brünnhilde, neu zu Tenor und Sopran geworden, eine konzertante Kadenz, um dann in ein prächtiges Liebes­duett überzugehen; und das Ende wird ein stürmisches Alle­gro a cappella, das von den ungestümen Sechzehnteltriolen der berühmten Finales des ersten Akts von "Don Giovanni" oder der Coda der Leonoren-Ouvertüre kopfüber zu Ende getrieben wird mit einem spezifisch kontrapunktischen Thema, Points d'orgue und, als Abschluss, einem hohen C für den Sopran.

 

Auf den Bergeshöhn setzen sich Stéphanie Müther und Jonathan Stoughton voll in Respekt; wobei die Krone dem Siegfried-Darsteller zukommt, der schon vier Stunden lang auf der Bühne stand und die Kraft zur letzten Steigerung trotzdem mühelos mobilisieren kann. Zoltan Nagy und Matheus França stehen in den Episodenrollen von Alberich und Fafner nicht zurück. Doch erntet Thomas Ebenstein für sein darstellerisch engagiertes und gesanglich differenziertes Spiel als Mime an der Premiere den meisten Applaus. Claudio Otelli als Wanderer und Patricia Westley als Stimme eines Waldvogels versehen ordentlich ihren Part, während Freya Apffelstaedt als Erda etwas abfällt.

 

Das Ereignis jedoch bietet das Berner Symphonieorchester. Mit der Sicherheit, Kraft und Schönheit der Bläser transportiert es die Zuhörer in eine andere Welt. Und im Zusammenspiel mit dem runden Klang der Streicher weckt es pure Seligkeit. Die Glanzpunkte bilden dazu die messerscharfen Interventionen des Schlagwerks. Es ist unbestreitbar: Chefdirigent Nicholas Carter hat in Bern eine neue Ära eingeleitet. Hoffentlich auf Dauer.

Die Inszenierung ... 

... bewegt sich in ... 

... äusserster Abstraktion.

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